Erfolg in Suhl: Alle 270 Arbeitsplätze gesichert

Vorübergehend 95 Prozent Lohn und Gehalt und Wochenarbeitszeitverkürzung auf 32 Stunden

Tariferfolg in Suhl: Nach fast fünf Wochen Streik haben sich IG Medien und DJV mit der Geschäftsleitung der Suhler Verlagsgesellschaft (SVG) in der Nacht zum 18. April 1996 nach dramatischen Verhandlungen auf einen umfassenden Tarifvertrag zur Beschäftigungssicherung bei der Tageszeitung „Freies Wort“ geeinigt. Dabei sind die Arbeitsplätze aller 270 Beschäftigten bis zum 30. Juni 1997, teilweise bis zum 31. März 1998 gesichert worden. Bis zu diesen Zeitpunkten gilt der tarifvertragliche Ausschluß von betriebsbedingten Kündigungen.

Die Verlagsangestellten, Techniker und Redakteure nehmen dafür in Kauf, daß ihre Löhne und Gehälter vorübergehend nur 95 Prozent des Flächenniveaus betragen und ihre wöchentliche Arbeitszeit – ebenfalls vorübergehend – von 38 bzw. 37 Stunden auf 32 Stunden abgesenkt wird, und zwar ohne Lohn- und Gehaltsausgleich.

Die Druckvorstufe wird im Mai 1996 in eine eigenständige Gesellschaft ausgegliedert. Für ihre 35 Beschäftigten gelten im übrigen alle Tarifverträge der Druckindustrie. Für sie bleibt der Betriebsrat der SVG zuständig (siehe dazu „Druck + Papier“ 5/96).

Für die SVG-Verlagsangestellten gelten alle tariflichen Regelungen, wie sie für Hamburg vereinbart sind, für die Redakteurinnen und Redakteure werden alle Regelungen aus dem von IGMedien und DJV mit dem Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger (BDZV) abgeschlossenen Regelungen übernommen (Ausnahme: Tarifvertrag für freie arbeitnehmerähnliche Journalistinnen und Journalisten) mit folgenden Abweichungen:

  • Vom 1. April 1996 bis zum 31. Dezember 1997 wird die regelmäßige wöchentliche Arbeitszeit auf 32 Stunden ohne Lohnausgleich abgesenkt.
  • Die Gehaltssätze betragen vom 1. April 1996 bis zum 31. März 1997 95 Prozent der zum 1. März 1996 geltenden tariflichen Vergütungen.
  • Vom 1. April 1997 bis 30. September 1997 betragen die Gehaltssätze 95 Prozent, vom 1. Oktober 1997 an 100 Prozent der dann jeweils geltenden flächentariflichen Gehaltssätze.
  • Betriebsbedingte Kündigungen können frühestens mit Wirkung zum 30. Juni 1997 ausgesprochen werden.

Drohungen und Einschüchterungsversuche verloren ihre Wirkung

Die Geschäftsleitung der Suhler Verlagsgesellschaft wollte ursprünglich – wegen wirtschaftlicher Schwierigkeiten – den Zeitungstitel „Freies Wort“ zerschlagen, das Blatt mit der „Südthüringer Zeitung“ fusionieren, 70 von 270 Beschäftigten entlassen und den restlichen ein Tarifniveau von 70 Prozent verordnen (siehe „M“ 3 und 4/96).

Nach einer Urabstimmung; die eine Zustimmung von 97,3 Prozent brachte, traten 150 Beschäftigte am 8. März 1996 in den unbefristeten Streik, der in den folgenden Tagen von regelrechten Wogen der Solidarität begleitet wurde: Eine Bürgerinitiative sammelte mehr als 15000 Unterschriften für den Erhalt des „Freien Worts“. Vertreter von Kommunalen Körperschaften und allen Parteien schlossen sich an. Gewerkschafterinnen und Gewerkschafter aus dem ganzen Bundesgebiet protestierten gegen die Haltung von Geschäftsführung und Gesellschaftern. Die überregionale Presse und das Fernsehen interessierten sich für das Thema. Schließlich trat die Belegschaft des Suhler Druckzentrums, wo das „Freie Wort“ hergestellt wird, in den Solidaritätsstreik.

Schließlich ein erster Erfolg: Die Geschäftsleitung bot Haustarifverhandlungen an, der unbefristete Streik wurde ausgesetzt. Generallinie der Gewerkschaften in den Verhandlungen: IGMedien und DJV forderten die tarifliche Arbeitsplatzsicherung für alle Beschäftigten.

Nachdem die Geschäftsleitung in drei Verhandlungsrunden gebetsmühlenartig auf massivem Personalabbau bestanden hatte und auf die wahrhaft großzügigen Angebote der Beschäftigten und ihrer Gewerkschaften nicht eingegangen war, wurde der unbefristete Streik in der ersten April-Woche fortgesetzt. Er war bereits zu diesem Zeitpunkt der bisher längste und härteste Arbeitskampf im Organisationsbereich der IG Medien in Ostdeutschland.

Kämpferische Stimmung herrschte auch am 3. April 1996 bei einer gut besuchten Kundgebung in der Suhler „Philharmonie“, zu der aus Solidarität mit den Streikenden der IG-Medien-Vorsitzende Detlef Hensche, der DJV-Vorsitzende Hermann Meyn und Kolleginnen und Kollegen vom Süddeutschen Verlag aus München gekommen waren. Detlef Hensche überbrachte die Grüße des Hauptvorstandes der IG Medien und des DGB-Vorsitzenden Dieter Schulte. Der IG-Medien-Vorsitzende: „Die Auseinandersetzung in Suhl ist eine Bewährungsprobe für das Bündnis für Arbeit. Man schaut auf Suhl voller Respekt vor dem Durchstehvermögen der Streikenden.“

Der DJV-Vorsitzende Hermann Meyn berichtete von einer Tagung der Zeitungsverleger, daß die Unternehmer der Branche „alle gespannt nach Suhl schauen“, denn was dort passiere, habe Modellcharakter, so ein Verleger. Meyn: „Wenn hier die Dämme brechen, dann spielen die Verleger mit uns überall Katz und Maus.

 

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