Hohe Erwartungen an sich selbst und an die Gewerkschaft

Fragen an Freie

„Gäbe es mediafon nicht, müsste es erfunden werden.“ Rundum positiv ist das Echo auf mediafon, das telefonische Beratungsangebot der IG Medien für Freie. Das jedenfalls ergab eine Befragung unter mehr als hundert Ratsuchenden durch die Begleitforschung. Es ging um die berufliche Situation, um Erwartungen an ver.di und Erfahrungen mit mediafon. Fragen an Frank Rehberg vom IMU-Institut zu den Ergebnissen der Untersuchung.

Ein hoher Grad an Autonomie und die Möglichkeit, überdurchschnittlich verdienen zu können – so stellen sich viele Menschen die freiberufliche Tätigkeit vor. Entspricht das euren Ergebnissen?

„Freie verfügen – zumindest rein zeitlich betrachtet – über erheblich weniger Freiheit als Angestellte in denselben Branchen: Sie arbeiten im Schnitt 42,5, in der Film- und Videobranche sogar über 47 pro Woche. Angestellte dagegen knappe 35 Stunden. Mit der längeren Arbeitszeit gleichen Freie vermutlich den Verdienstunterschied aus: Im Jahr 1997 – das zeigen unsere Auswertungen des Mikrozensus‘, eine Art jährlich durchgeführte „kleine Volkszählung“ – haben die meist in gut qualifizierten Tätigkeiten beschäftigten Freien 14,68 netto. Das sind gut drei Mark weniger pro Stunde als die Gesamtheit ihrer angestellten Kolleginnen und Kollegen im Medien- und Kulturbetrieb – von der niedrig entlohnten Putzfrau bis zum Chefredakteur. Angestellte erhalten zudem tarifliche Zusatzleistungen wie Urlaubs- und Weihnachtsgeld bzw. das vierzehnte Monatsgehalt, das in verschiedenen Branchen üblich ist.

Konntet ihr feststellen, ob sich die Honorare der Freien in den letzten Jahren erhöht haben – vergleichbar den Tarifsteigerungen für Angestellte?

Ja, aber nicht gerade üppig. Um rund zwanzig Pfennig pro Stunde haben sich die Honorare in den letzten vier Jahren im Schnitt erhöht – so die Ergebnisse in unserer Befragung. Für die Hälfte ist der Umsatz konstant geblieben, 40 Prozent haben heute mehr, 10 Prozent weniger. Im Jahr haben Freie netto durchschnittlich etwa 29.800 Mark. Rund ein Drittel verdient mehr als 2.500 Mark, ebenfalls ein Drittel hat 1.500 Mark oder weniger im Monat. Auf die Stunde gerechnet sind das im Schnitt für Männer 15,80, für Frauen 14,30 Mark.

Wie sieht es mit der Sozialversicherung der Befragten aus?

Knapp 60 Prozent von ihnen sind über die Künstlersozialversicherung, rund zwölf Prozent privat krankenversichert. Die anderen sind weder KSK- noch privat krankenversichert. Vielleicht sind sie über die Ehepartner versichert. Dramatischer sieht es mit der Rentenversicherung aus: Jeder und jede Fünfte ist privat rentenversichert, knapp 38 Prozent lebensversichert – aber 22 Prozent verfügen weder über eine Renten- oder Lebensversicherung noch über Vermögen. Dies deckt sich im Übrigen auch mit den Ergebnissen unserer Auswertungen des Mikrozensus‘ 1997. Hier drohen Zentren der Medienwirtschaft wie etwa München in Zukunft erhebliche soziale Probleme. Wenn diese „neuen“ Mediendienstleisterinnen und -dienstleister das Pensionsalter erreichen, kommen auf die jetzt boomenden Medienstädte möglicherweise erhebliche Sozialhilfe-Leistungen zu.

Leisten sich Freie denn Urlaub und Weiterbildung?

Gerade einmal knappe drei Wochen Urlaub sind offenbar drin. Das ist noch eine Woche weniger als der gesetzlich vorgeschriebene Mindesturlaub für Angestellte.
Die Bereitschaft zur Weiterbildung ist bei den Kolleginnen mit etwa der Hälfte deutlich höher als bei den Kollegen, von denen sich nur gut ein Drittel weiterbildet. Diejenigen, die sich nicht weiterbilden, begründen das häufig mit Zeitnot oder Geldmangel. Besonders die Freien, die im unteren Viertel der von uns festgesetzten Einkommensskala mit weniger als 1150 netto im Monat lagen, konnten kaum auf Weiterbildung verweisen. Übrigens: Jeder und jede Dritte monierte, dass örtliche Angebote fehlen – egal, ob sie sich weitergebildet hatten oder nicht. Übrigens: Alle, tatsächlich 100 Prozent der Befragten, erwarten von der Gewerkschaft, dass sie berufliche Weiterbildung anbietet.

Ihr habt die Freien gefragt, was sie am meisten in ihrer Arbeit belastet.

Ich nenne hier nur die von uns abgefragten Stichworte mit den Antwortquoten, die – denke ich – für sich sprechen: unsicher finanzielle Situation 80%, zu geringes Einkommen 70%, zeitweilige Arbeitsüberlastung 68%, unzureichende soziale Absicherung 66%, unregelmäßiger Arbeitsanfall 56%, zu wenig Zeit für Erholung 54%, Schwierigkeiten bei der Akquisition 50%, hoher Zeitaufwand für administrative Tätigkeiten 47%, schlechte Zahlungsmoral 40%, soziale Isolation in der Arbeit 34%. Das zeigt: Über die unsichere finanzielle Situation wird unisono geklagt. Sogar die Hälfte derjenigen, die im oberen Viertel der Einkommensverteilung – bei über 3.200 Mark netto im Monat – liegen, klagt darüber. Fast 40 Prozent dieser Gruppe geben zudem an, ihr Einkommen sei zu gering. In den unteren Einkommensgruppen liegt die Zahl erwartungsgemäß höher und erreicht 80 bzw. 100 Prozent. Folgerichtig erwarten 98 Prozent der Befragten von der Gewerkschaft, dass sie „Mindestbedingungen durchsetzt“. Fünf von sechs erwarten, dass sie „verbindliche Honorarsätze“ und drei Viertel, dass sie „Tarifverträge für Selbstständige durchsetzt“.

Die Freien sind ja mit Erwartungen in die Selbstständigkeit gegangen. Konntet ihr herausfinden, ob sie sich erfüllt haben?

Hier haben wir große Unterschiede zwischen den Kolleginnen und Kollegen gefunden, die aus einer Festanstellung kamen, und denen, die immer frei waren. Deswegen eine Vorbemerkung dazu: 41 Prozent der Befragten kamen aus einer beruflichen, schulischen oder Hochschulausbildung – das heißt: Sie kennen das Berufsleben nur aus der Sicht des oder der Freien, sofern sie nicht nebenbei in einem Zweitjob fest angestellt sind (14 Prozent). Gut ein Viertel kam als Angestellte aus dem selben Job zumindest aus der selben Branche, gut ein Sechstel aus anderen Branchen oder Berufen, ebenfalls ein Sechstel aus der Arbeitslosigkeit.

Eine große Mehrheit, genau: 57 Prozent gaben an, dass sie sich selbstständig machten, weil sie die Inhalte ihrer Arbeit selber bestimmen wollten. Dieses Ziel haben knapp 70 Prozent erreicht. Etwas mehr als die Hälfte wollten ihre Ar-beitszeit selbst bestimmen können – und 80 Prozent von ihnen ist dies nach eigenen Angaben auch gelungen. „Mehr Geld verdienen“, war für knapp jede und jeden Sechsten ein Grund für den Schritt in die Selbstständigkeit. Vier von Fünf haben das erreicht. 30 Prozent wollten keine berufsfremden Tätigkeiten mehr ausüben – 70 Prozent geben an, dies erreicht zu haben. Jede und jede Fünfte hatte keine feste Anstellung gefunden oder glaubte, keine zu finden.
Überdurchschnittlich viele, die als Gründe für die Selbstständigkeit die Möglichkeiten angaben, mehr Geld verdienen zu können, die

Inhalte der Arbeit oder die Arbeitszeiten selbst bestimmen zu können, befanden sich vorher in einer Ausbildung bzw. waren arbeitslos. Die Mehrheit der zuvor angestellten Befragten scheint eine abgeklärtere und vielleicht realistischere Sicht auf die Selbstständigkeit zu haben: Überdurchschnittlich viele von ihnen wollten nur eines: keine berufsfremden Tätigkeiten und die Inhalte der Arbeit selbst bestimmen können. Für sechs von zehn vorher angestellten Redakteurinnen und Redakteuren zum Bespiel waren genau diese beiden Gründe einzig ausschlaggebend für den Schritt in die Freiberuflichkeit. Wer vorher aus der Ausbildung kam, hat offenbar eher das Bild im Kopf, das in der Öffentlichkeit von der Selbstständigkeit im allgemeinen und der in der „modernen“ Medienwirtschaft Tätigen im besonderen gezeichnet wird: ein hoher Grad an Autonomie und die Möglichkeit überdurchschnittlicher Verdienste.


  • Das Gespräch führte Viktoria Mann.

 

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