Kein Selbstbedienungsladen für Verleger

dju startet Debatte um Freiräume und Ansprüche im Journalismus unter dem Motto: „Qualität – Kompetenz – Perspektiven“

Am Anfang steht die Frage, muss das denn alles so sein? Aber es gibt so manchen Tag, an dem ein solcher Gedanke inmitten angestrengter Arbeit auftaucht. Für einen Redakteur oder eine Redakteurin einer Tageszeitung ist dieser Punkt häufig dann erreicht, wenn das Zustandekommen des eigenen Artikels oder der zu redigierenden Beiträge hart an der Grenze der Verantwortbarkeit vorbeischrammt, einfach weil keine Zeit bleibt, zum Beispiel für eine gründliche Recherche.

In einer solchen Situation drängt es nach Freiraum – um den eigenen Ansprüchen, aber auch denen von Zeitungslesern gerecht zu werden. Aber gerade dieser Freiraum ist in Redaktionen mitunter kaum noch vorhanden, wird zunehmend beschnitten. Von Seiten der Verlagsleitungen wurden in den letzten beiden Jahren überwiegend wirtschaftliche Gründe genannt, die es nun mal notwendig machten, die Arbeitsbedingungen der Redakteurinnen und Redakteure zu verschärfen. Dies gipfelte zum Ende des letzten Jahres darin, dass der Manteltarifvertrag für Redakteurinnen und Redakteure an Tageszeitungen von Seiten des Verbandes der Zeitungsverleger (BDZV) gekündigt wurde. Es gäbe Änderungsbedarf, so die Verlegervertreter.

Aber sollen wir uns jetzt an einem Katalog von Unternehmerwünschen abarbeiten, der letztlich beträchtliche Eingriffe in das Jahreseinkommen, die Einführung einer 6-Tage-Woche und ähnliches mehr vorsehen wird. Gibt die Entwicklung der Medien in den letzten Jahren nicht vielmehr Anlass einen kritischen Blick auf die eigene Arbeit zu werfen und dann zu bestimmen, was für ein Änderungsbedarf aus Sicht der Schreibenden besteht. Die Deutsche Journalistinnen und Journalisten-Union (dju) in ver.di möchte dazu Gelegenheit geben.

Im Sommer wird die dju eine Umfrage unter Kolleginnen und Kollegen in den Zeitungsredaktionen starten. Dabei geht es um Arbeitsbedingungen, Arbeitszeit und deren Auswirkungen auf die Qualität der journalistischen Arbeit. Die Antworten und Einschätzungen werden mit wissenschaftlicher Unterstützung ausgewertet, die Ergebnisse veröffentlicht. Sie ermöglichen einen Blick auf die aktuelle Situation des Zeitungsjournalismus. Spannend wird sein, ob das berufliche Selbstverständnis und die Ansprüche an die eigene Arbeit immer noch als erfüllbar erscheinen. Oder, ob der dafür nötige Freiraum nicht schon zu rar geworden ist.

Fraglich ist ebenso, ob der Tageszeitungsjournalismus seiner Bedeutung innerhalb einer demokratischen Gesellschaft noch ausreichend gerecht wird. Mit den Resultaten dieser Umfrage erhofft sich die dju die Einleitung eines Diskussionsprozesses. Nicht nur zu Fragen des Berufes, sondern auch zu den Bedingungen, unter denen journalistische Qualität gefördert werden kann. Also neben den täglichen Arbeitsbedingungen zu den Gebieten Qualifizierung, Flexibilisierung von Arbeitszeiten oder Redaktionsstatuten. Teilweise werden daraus direkt Forderungen an einen verbesserten Manteltarifvertrag abzuleiten sein. Diese wird die dju in den Verhandlungen mit den Verlegern zum gekündigten Manteltarifvertrag natürlich aufgreifen.

Auch die ausstehende Tarifregelung zur Beschäftigungssicherung in Redaktionen gilt es, einzufordern. Im weiteren Verlauf der Verhandlungen wird die dju damit deutlich machen, dass der Manteltarifvertrag kein Selbstbedienungsladen für Verleger sein wird. Er stellt vielmehr die Basis eines Berufes dar, der täglich im Licht einer kritischen Öffentlichkeit steht. Am Ende kann also nicht stehen, dass Verlegern Einsparungen ermöglicht werden, die mit Sicherheit negative Auswirkungen auf den Wert der Zeitungen haben würden. Sondern der neu abgeschlossene Manteltarifvertrag soll für alle eine Perspektive zeigen, wie Qualität und Kompetenz im Redaktionsalltag frei entfaltet werden können.

 

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