Lange genug gespart

Aktionsreicher Start der Tarifrunde für Print- und Onlineredakteure

Für die Journalisten und Journalistinnen an Tageszeitungen und Zeitschriften haben die jeweils ersten Tarifverhandlungen im Juli stattgefunden.

Beide Verlegerverbände VDZ für Zeitschriften und BDZV für Zeitungen haben, obwohl ihnen die dju-Forderungen (7,5% Gehalts- und Honorarerhöhung und Einbeziehung der Onliner) bereits seit April bekannt waren, keine Angebote vorgelegt. Die Folge waren erste Aktionen – teilweise bereits Warnstreiks – in knapp 40 Redaktionen am 1. August. Der Schwerpunkt lag dabei zunächst im Süden der Republik. Auch in der zweiten Verhandlungsrunde für die etwa 9.000 an Zeitschriften angestellten Redakteurinnen und Redakteure am 29. August hatte der VDZ kein Angebot unterbreitet. Diese Verweigerungshaltung der Verleger ist skandalös. Entgegen den Erfolgsmeldungen der großen Verlage wird den Beschäftigten eine Beteiligung an der guten Entwicklung der letzten Jahre verweigert. Die nächste Verhandlung wird am 7. Oktober stattfinden. Nicht anders bei den Zeitungsredakteuren am 4. September. Auch hier ließen die Verleger die etwa 15.000 angestellten Redakteure im Regen stehen. Ergebnislos trennten sich die Tarifparteien. Am … Oktober geht es in die nächste Runde.

Aber worum geht es eigentlich? Kurz ein Blick zurück: Die letzten Tarifabschlüsse in beiden Tarifbereichen liegen schon zwei Jahre zurück. In Zeitschriften wurden die Gehälter um 2,2% im Januar 2007 erhöht, zudem gab es im Oktober 2006 und Januar 2008 jeweils 220 Euro als Einmalzahlung. In Zeitungen wurden die Honorare für freie Journalisten um 2,5% im Oktober 2006 und die Gehälter um 1% im August 2006 und 1,5% im August 2007 erhöht. Dabei wurden in beiden Gehaltstarifverträgen Strukturveränderungen vorgenommen, die zu einer Streichung der Berufsjahresstufe ab dem 15. Berufsjahr führten. Und bei Zeitungen entfiel die Anrechnung von Berufsjahren für Hochschulabsolventen. Mit der Folge, dass junge Kolleginnen und Kollegen teils von Beginn ihres Berufslebens an, auf jeden Fall aber später, weniger verdienen werden. Diese Erfahrungen des tarifpolitischen Kurzzeitgedächtnisses und die Erinnerung an die Manteltarifrunde 2003/2004, in der die Zeitungsjournalisten etliche Urlaubstage verloren haben sowie eine Kürzung des Urlaubsgeldes von 100 auf 80% hinnehmen mussten, wirken nach.

In diesem Jahr soll es endlich spürbar mehr Geld geben; für Freie und für angestellte Redakteurinnen und Redakteure, auch erstmals in Onlineredaktionen der Verlage. Aus diesem Grund hat die dju-Verhandlungskommission gegenüber den Zeitungsverlegern am 25. Juli bereits deutlich gemacht: Eine Verbindung der Gehaltsverhandlung mit Gesprächen über den zum Ende des Jahres auslaufenden Manteltarifvertrag ist unangebracht. Eine weitere Verschlechterung des Gehaltstarifvertrages wird es nicht geben. Wobei die Verleger auch nicht auf einer Koppelung der Verhandlungsmaterien bestanden.
Nun geht es erstmal ums Geld, ohne Wenn und Aber! So auch die Forderung der dju-Kollegen in Baden-Württemberg, die auf Veranstaltungen in Konstanz, Tübingen und vor allem in der Landeshauptstadt deutlich wurden. „Laaaaaaaange genug gespart!“ bekundeten mehr als 100 dju-Kollegen in Stuttgart-Möhringen mit großen Lettern in einer Menschenkette. Aber auch in Bayern ging es um die Wurst, die man sich nicht vom Brot nehmen lassen wird, so etwa in Coburg, bekannt für diese Grillspezialität. In Nürnberg lud man Leserinnen und Leser zum Ballwerfen ein, die Bälle sollten in einer Tonne landen – dorthin, wo die journalistische Qualität auf keinen Fall enden darf! Und 5 vor 12 war in München ein Meeting vor dem Verlag der Süddeutschen Zeitung angesetzt, zu dem Kolleginnen und Kollegen auch aus der Abendzeitung, vom Münchner Merkur und tz kamen. Die Verlagsleitung dieser Zeitung hatte als Konkurrenzveranstaltung gleichzeitig auch zu einem Umtrunk geladen, bei dem die gute Auflagenentwicklung gefeiert werden sollte. Und in Wahlkampfzeiten hatte der bayerische SPD-Kandidat Franz Maget sogar Zeit, seine Solidarität mit den Kollegen des Donaukurier in Ingolstadt zu zeigen. „Eiszeit“ hieß es um fünf vor 12 am 1. August in Suhl vor den Toren des Freien Wortes. Sie bricht an, wenn es keine Einigung geben sollte, meinen Redakteure, Freie und solidarische Vertreter des DTP-Satzes, die sich an der Aktion beteiligten.
Dies sind einige Beispiele, die zeigen, es ist der dju ernst mit der Forderung nach zügigen Ergebnissen für die Redaktionen. Die nächsten Verhandlungen sind mit dem VDZ für den 29. August in Hamburg sowie für den 4. September mit dem BDZV am Frankfurter Flughafen angesetzt. Weitere Unterstützung aus den Verlagen auch nördlich des Mains ist ausgesprochen erwünscht. Erste Aktionen fanden bereits im Norden auf Sylt, in Oldenburg und anderen Orten statt.
Dies darf noch lange nicht alles gewesen sein! Freiwillig werden die Zeitschriften- und Zeitungsverleger keine schnellen Gehaltsabschlüsse tätigen und 7,5% liegen außerhalb der Vorstellungskraft so manches Verlags-Vertreters. Um ihre Fantasie anzuregen und die dju-Forderungen durchzusetzen, bedarf es der aktiven Unterstützung aller Kolleginnen und Kollegen!

Matthias von Fintel ist
verdi-Tarifsekretär Medien


Links

Streiks sind ein zulässiges Mittel, um Bewegung in Tarifverhandlungen zu bringen, meist sind sie sogar notwendig.
Die dju informiert auf einer eigenen Internetseite über Streikrecht in Verlagen:
http://dju.verdi.de/tarif/streikrecht

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