Streiks gegen Niedriglöhne

Britische Gewerkschaft versammelt Aktivisten für den Tarif­kampf

Vermehrt wehrten sich Redakteure britischer Zeitungen im letzten Sommer gegen ihre miese Bezahlung. Die britische Gewerkschaft NUJ, die seit langem gegen die Niedriglohnkultur in Großbritannien Sturm läuft, ringt um landesweit gültige Tarifverträge. Eine Aktivistenkonferenz im November soll weitere Impulse geben.

Im August lief das Fass über. In Coventry wollten die Redakteure der zur Trinity Mirror Gruppe gehörenden Lokalzeitung die in ganz Großbritannien vorherrschende Niedriglohnkultur nicht mehr ertragen und traten in den unbefristeten Streik. Auslöser war ein „Angebot“ der Arbeit­geberseite, das Gehalt um 2,7 Prozent zu erhöhen. Das ist unterhalb der Inflationsrate. Und dies von einer landesweit operierenden Firma, deren Profite in diesem Jahr um 13 Prozent anstiegen. Insgesamt machte die Trinity Mirror Gruppe, die unter anderem den Daily Mirror herausgibt, 112,5 Millionen Pfund Profit. Durch den Streik gelang es, Trinity Mirror an den Verhandlungstisch zu zwingen, um über ernst­­­hafte Gehaltserhöhung zu diskutieren. Ein anderes Beispiel: Während festangestellte Journalisten zwar unter Niedrig­löhnen ­leiden, aber immerhin regelmäßige Gehaltserhöhungen kriegen, dümpeln die Honorare für Freiberufler seit Jahren unverändert vor sich hin. Eine Gruppe von im Radiobereich der BBC tätigen Freien forderte im Oktober höhere Tagesraten. Als die BBC versuchte, die Gruppe hinzuhalten, verweigerten die Freiberufler kollektiv für einen Tag die Arbeit. Mit Erfolg, die Tagesraten wurden erhöht. Ein bislang einzigartiger Vorgang. Pikant ist dies vor dem Hintergrund, dass derzeit 1.000 BBC-Angestellte wegen Einsparungs­maßnahmen um ihren Arbeitsplatz fürchten müssen. Zwei Schlaglichter aus Großbritannien. Es gab weitere Streiks im Sommer, unter anderem in Südlondon bei der Guardian Gruppe. Beschäftigte beim South London Guardian bringen teilweise unter 1.000 Pfund monatlich nach Hause, viele sind auf die Unterstützung ihrer Partner oder Verwandten angewiesen.

Der Kampf gegen Niedriglöhne ist seit langem ein Hauptanliegen der britischen Journalistengewerkschaft NUJ. In den 80er Jahren nutzten Arbeitgeber die gewerkschaftsfeindliche Politik der Thatcher Regierung, um Löhne nach unten zu drücken und Gewerkschaften aus Betrieben zu verdrängen. Seit dem Machtantritt der Labour Regierung 1997 wurden die verschiedenen unter Thatcher eingeführten antigewerkschaftlichen Gesetze zwar nicht zurückgenommen, dafür aber zum ersten Mal in der britischen Geschichte das gesetzliche Recht auf gewerkschaft­liche Organisierung im Betrieb eingeführt. Eine junge Generation von Journalis­ten nutzte diese neue Gesetzgebung aus und läutete eine Renaissance der vorher fast ausgelöschten Journalistengewerkschaft ein. „NUJ: Wir sind noch hier und werden bleiben“, wurde zum Schlachtruf. Auf dem Gewerkschaftstag 2004 wurde der Vorschlag eingebracht, eine Aktivistenkonferenz zur Ausarbeitung von Strategien gegen Niedriglöhne durchzuführen. Diese findet am 19. November nun schon zum zweiten Mal statt. Erwartet werden weit über 100 Teilnehmende, Angestellte sowie Freiberufler.

Die Konferenz dient auch dem Erfahrungsaustausch. In Seminaren soll diskutiert werden, was in den Arbeitskämpfen der vergangenen Monate funktioniert hat und was nicht. Über Jahre hinweg waren Betriebsgruppen der NUJ dazu gezwungen, ört­liche Tarifverträge im „Häuserkampf“ auszuhandeln. Es war nicht möglich, landesweit gültige Tarifverträge oder gar einen für die ganze Medienindustrie gültigen Manteltarifvertrag auszuhandeln. Seit der Aktivistenkonferenz im vergangenen Jahr und dem diesjährigen Gewerkschaftstag der NUJ vernetzen sich die NUJ Betriebsgruppen verstärkt in konzernweiten Strukturen. So wurde es zum Beispiel für die Beschäftigten der „Northcliffe“ Zeitungskette möglich, in jedem Betrieb die selben Gehaltsforderungen aufzustellen und eine für die ganze Kette geltende einheitliche Kampagne zu führen. Einen für eine ganze Konzerngruppe gültigen Tarifvertrag durchzusetzen, soll der nächste Schritt sein.

Auf der Konferenz im November spielt die Einbindung von Freiberuflern in die Gewerkschaft eine besondere Rolle. Sie machen unter der Mitgliedschaft der NUJ einen großen Anteil aus. An Arbeitskämpfen waren sie bislang aber wenig beteiligt. Es gilt, keine Zeit zu verlieren. Britische Medienkonzerne reiten den Lokaljournalismus vermehrt in die Krise. Obwohl die Profite zunehmen, werden derzeit beispielsweise in Swansea in Wales, Ressour­cen abgebaut. Lokalredaktionen werden zunehmend die Mittel gekürzt. Gleichzeitig nimmt die Arroganz den Beschäftigten gegenüber zu. Trinity Mirror verbietet in diesem Jahr zum Beispiel alle betrieblichen Weihnachtsfeiern.

nach oben

weiterlesen

Mumia Abu Jamal an Corona erkrankt?

Die Nachricht über die akute Bedrohung für die Gesundheit des seit 1981 inhaftieren US-Journalisten erreichte in den letzten Tagen Solidaritätsgruppen in aller Welt. Sie fürchten um das Leben des 66-Jähigen, der wegen zahlreicher Vorerkrankungen zur Risikogruppe gehört. Der Aktivist der Black-Panther-Party wurde wegen der angeblichen Ermordung eines Polizisten zum Tode verurteilt. 2011 hat ein Bundesgericht die Strafe in lebenslange Haft ohne Revisionsmöglichkeit umgewandelt.
mehr »

Australische Medien müssen zahlen

Nach rund dreieinhalb Monaten ist das spektakuläre Verfahren gegen ursprünglich 36 Journalist*innen und Medienunternehmen in Australien beendet. Den Angeklagten wurde vorgeworfen, gegen eine gerichtliche Nachrichtensperre im Prozess gegen den australischen Kardinal George Pell wegen Kindesmissbrauchs im Dezember 2018 verstoßen zu haben. Der Prozess gilt als einzigartig für ein demokratisches Land, weil er offenbart, wie eingeschränkt die Pressefreiheit in Australien weiterhin ist: durch Gesetze, die noch aus der britischen Kolonialzeit stammen. 
mehr »

Aktion für Andrea Sahouri, USA

Mai 2020: Eine Reporterin im US-Bundesstaat Iowa geht mit der Berichterstattung über eine Black-Lives-Matter-Demonstration friedlich ihrer Arbeit nach. Doch als die Polizei die Kundgebung auflöst, gerät die Journalistin Andrea Sahouri ins Visier der Sicherheitskräfte. Es bleibt nicht nur bei einer Festnahme, sondern es kommt in der Folge sogar zu einer Anklage, die am 8. März 2021 verhandelt werden soll.
mehr »

Hanau: Betroffenen mehr Raum geben

Zum Jahrestag des rassisch motivierten Anschlags in Hanau hatten Interkultureller Mediendialog und dju in ver.di Hessen eingeladen, über Diskursverschiebungen in der Berichterstattung zu diskutieren. Es gebe zwar mehr Sensibilität, aber „in bestimmten Redaktionen ist der Groschen noch nicht gefallen, weil es sie nicht betrifft“, konstatierte Hadija Haruna-Oelker vom Hessischen Rundfunk.  Veränderungen habe es vor allem durch den Druck von Angehörigeninitiativen der neun Opfer gegeben, so Gregor Haschnik von der „Frankfurter Rundschau“.
mehr »