Techniker zum Nulltarif

Beiträge selbst zu produzieren, zahlt sich für freie Hörfunk-Journalisten in den Honoraren nicht aus

Eine „neue Ära“ bricht an bei SWF 4: Als erstes Funkhaus bundesweit wird das Südwestfunkstudio in Mainz sein Radioprogramm ab diesem Frühjahr volldigital produzieren. „Bandmaschine und Schere – sie gehören ab sofort ins Museum“, preist das Hausblättchen den Sprung ins Computer-Zeitalter: „Noch schneller, noch aktueller heißt es auch für die Reporter vor Ort. Mittels Laptop und ISDN überspielen sie ihre Berichte unmittelbar in den Funkhauscomputer.“ Der Schnitt von Interviewpassagen (O-Tönen), Musik und Geräuschen am Rechner ist technisch inzwischen kein Problem mehr, genau wie die Aufnahme eigenen Textes.

Was aber, wenn der Reporter vor Ort ein freier Reporter ist? Bekommt er dafür, daß seine Beiträge nicht mehr vom Studiotechniker, sondern von ihm selbst produziert werden, zumindest ein paar Mark mehr? Schließlich ist nicht nur der Mehraufwand, sondern auch die Anschaffung einer eigenen Anlage kaum zu umgehen. Die Honorar- und Lizenzabteilung („HoLi“) des badischen Senders konnte dazu aber keine Auskunft geben, berühren diese Fragen doch „betriebsinterne Belange, die nicht zur Veröffentlichung bestimmt sind.“

Dabei gibt es gar nicht viel zu verstecken: Die meisten öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten zahlen für selbstproduzierte Radiobeiträge in der Regel keinen zusätzlichen Pfennig. Eine Stunde Produktionszeit im professionellenHörfunkstudio kostet dagegen knapp 300 Mark, wie der Saarländische Rundfunk ohne Umschweife einräumt – Geld, das die ARD spart. Von den Heimstudios der freien Journalisten profitiert sie auch in puncto Flexiblität:Reporter mit eigener Technik sind schließlich jederzeit, also auch nachts und am Wochenende einsatzbereit.

Eigenes Studio für aktuelle Beiträge

„Für uns waren die vollen Studios der entscheidende Anlaß, selbst zu produzieren“, meint Paul Reiferscheid. Seit Jahresbeginn verfügen er und seine beiden Kolleginnen aus dem Kölner Journalistenbüro „A Jour“ über einen eigenen digitalen Schnittplatz: einen Computer mit entsprechender Hard- und Software, einen DAT-Recorder, eine konventionelle Bandmaschine und natürlich ein Mikrofon. Kostenpunkt: rund 7500 Mark. „Aber zumindest müssen wir uns nicht mehr um Studiozeiten kümmern, was ziemlich nervig war. Denn es kam oft genug vor, daß wir ein Band in drei Häppchen von je einer Viertelstunde produzieren mußten, manchmal über einen ganzen Tag verteilt.“ Immerhin können sich die Leute von „A Jour“ das noch leisten. Denn sie arbeiten kaum für aktuelle Redaktionen – anders als zum Beispiel Bernd Debus aus Dortmund. Für ihn war ein eigenes Studio unumgänglich: „Denn beim WDR Produktionszeiten zu bekommen, um mehrere Redaktionen mit Beiträgen zu einem aktuellen Thema beliefern, ist schlicht unmöglich.“ Um die aktuellen Auftraggeber nicht zu verlieren, gab er fast 10000 Mark für Technik aus. Viel Freizeit verbrachte er mit demStudium von Bedienungsanleitungen und Software. Er wälzte Kataloge, probierte geliehene Mikrofone aus, montierte einen leiseren Ventilator in seinen Computer und kaufte sich eine kaputte Bandmaschine – die er von einem Freund reparieren ließ, damit es nicht noch teurer wurde. „Und dann stellte sich heraus, daß die Sprachaufnahmen hallten.“ Also schraubte er Schalldämmplatten an die Wände seiner Wohnung. „Inzwischen geht’s“, meint Debus bescheiden. Weil die Qualität aber immer noch nicht der eines professionellen Studios entspricht, hat er es bisher nicht gewagt, einen Aufpreis für seine zusätzliche Dienstleistung zu fordern.

Aufpreis nur bei NDR und DLF

Den hätte er auch nur bei wenigen Sendern bekommen. Auf eine Anfrage bei allen ARD-Anstalten gaben nur Deutschlandfunk und der WDR an, selbstproduzierte Beiträge grundsätzlich höher zu honorieren. Der DLF zahlt für ein sendefertiges Band zehn Prozent mehr, und zwar schon „seit geraumer Zeit“. Bei einem Beitrag von vier bis fünf Minuten Länge sind das rund 40 Mark – Geld, das die Redaktionen aus ihrem Honoraretat nehmen. Ist der Etat dadurch früher erschöpft, muß man auf die Mitarbeit freier Journalisten gegebenenfalls verzichten. Die größte Anstalt in der ARD, der WDR, zahlt für die Produktion eines einfachen Beitrages mit O-Tönen bloß 30 Mark. „Viel ist das nicht“, gibt auch Werner Wilbertz aus der Mittelbewirtschaftung des Kölner Senders zu. „Aber erhöhen kann man die Beträge später ja immer noch. Sie zurückzuschrauben, ist dagegen sehr schwierig.“ Und solange Radiojournalisten wie Bernd Debus von der Regelung nichts wissen, kann der WDR die Einsparungen ganz allein für sich verbuchen.

Beim Ostdeutschen Rundfunk Brandenburg (ORB) werden, wie es hölzern heißt, „von-bis-Spannen angewendet, um eine leistungsgerechte Vergütung anzustreben“. In welchem Maße die Produktion der Bänder als Leistung bewertet und entsprechend honoriert wird, hängt von den Redaktionen bzw. den Redakteuren ab. Ganz ähnlich verfährt der Mitteldeutsche Rundfunk: „Für inhaltliche und technische Leistung bezahlen wir ein Gesamthonorar. Die Höhe ist Verhandlungssache.“ Und weil das so ist, rät der HoLi-Mitarbeiter aus Leipzig, das Honorar „rechtzeitig, also schon vor der Auftragsannahme mit der Redaktion auszuhandeln“. Norddeutscher und Süddeutscher Rundfunk, der Sender Freies Berlin und die Deutsche Welle zahlen für die technische Dienstleistung grundsätzlich ebenfalls nichts extra. Der Saarländische Rundfunk gab sich immerhin Mühe, seine Position zu begründen: Weil sich das Problem beim SR bisher nicht gestellt habe, könne man über eine gängige Praxis schlicht „noch keine konkreteren Angaben“ machen. Mitarbeiter von Radio Bremen dagegen dürfen sich sogar glücklich schätzen, wenn ihnen selbstproduzierte Beiträge überhaupt abgenommen werden. Denn, so Christoph Blöcher, Abteilungsleiter der Bremer HoLi: „Wir dulden das nur in Ausnahmefällen, und nur, wenn die technische Qualität ausreicht. Bisher haben unsere Studios nämlich noch genug Kapazitäten.“ Mehr Geld gibt’s nicht, jedenfalls nicht grundsätzlich.

Keine Notwendigkeit für eine Antwort

Den Gipfel der Sparsamkeit erreicht jedoch nur der Bayerische Rundfunk. Denn der zeigte sich sogar bei seiner Informationspolitik knauserig. Ralf Richter, Mitarbeiter der Münchner HoLi, ließ sich auf die Anfrage lediglich zu der Bemerkung hinreißen, daß er zur Beantwortung der Fragen „keine Notwendigkeit“ sehe. Auch den Tarifvertrag hütet der königlich-bayrische Buchhalter wie ein Staatsgeheimnis. Auf eine erneute Anfrage teilte er lediglich mit, daß selbst aus einer freien Mitarbeit beim BR „nicht die Berechtigung zur Einsicht in Tarifverträge oder Honorarrahmen“ abzuleiten sei.

Noch keine Regelung in Tarifverträgen

Doch in Tarifverträgen wird man Passagen über die Honorierung selbstproduzierter Beiträge auch noch vergeblich suchen. „Wir stehen ganz am Anfang“, sagt Klaus Peter Hellmich, im Bundesfachgruppenvorstand der IGMedien für die Belange der Freien zuständig. „Klar ist:Die Redaktionen werden einen Aufschlag X bezahlen müssen. Dabei peilen wir als Rahmen eine Forderung von etwa 40 Prozent des Beitragshonorars an.“ Auch der DJV will die technischen Dienstleistungen in den Tarifverträgen festschreiben, bei der Höhe der Honorare aber die jeweilige „finanzielle Situation“ der Anstalt berücksichtigen. Viel wichtiger als die Frage nach dem Geld erscheint IGMedien-Sprecher Hellmich jedoch, den Status der freien Radiojournalisten als „arbeitnehmerähnlich Beschäftigte“ zu erhalten: „Denn wer plötzlich vom Mitarbeiter zum selbständigen Produzenten wird, verliert alle Sozialleistungen. Nicht nur Urlaubs- und Krankengeld, sogar die Mitgliedschaft in der Künstlersozialkasse wäre dann pass“ Und das kann selbst ein Honorarzuschlag von 40 Prozent kaum wettmachen.

Elmar Boensch, Verhandlungsführer der IGMedien für die Nicht-Angestellten in den Tarifverhandlungen mit dem WDR, weist daneben auf die Auswirkungen für die angestellten Hörfunktechniker hin: „Was soll aus denen werden, wenn die Journalisten ihre Beiträge künftig komplett alleine gestalten?“ Die technische Qualität der Radiobeiträge würde unter der Entwicklung zum Einzelgängertum vermutlich ebenfalls leiden. Aber soweit sei es noch nicht, meint Boensch: „Von den freien Kollegen kam bisher jedenfalls keine drängende Aufforderung, daß wir uns um diese Fragen kümmen sollen.“ Unbeantwortet lassen sollte man sie aber auch nicht allzu lange.

 

 

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