Und sie können es doch: streiken!

Auch Journalistinnen und Journalisten haben irgendwann die Schnauze voll und werfen die Brocken hin. Seit langem zeichnet sich ab, daß der BDZV die Machtprobe mit IG Medien und DJV sucht. Bange Frage bei Zusammenkünften der Tarifkommission und bei Vorstandssitzungen: Wie mobilisieren wir unsere Kolleginnen und Kollegen? Aus vielen Redaktionen wurde berichtet, beim Thema Tarifpolitik schauen sich die Redakteurinnen und Redakteure auf die Fußspitze. In der bisherigen Tarifrunde hat kaum jemand daran gedacht und nun streiken sie doch – zwar nicht alle, aber immer mehr. Im folgenden – ohne Gewähr auf Volllständigkeit – ein Überblick über die Aktionen.

Die erste Warnstreikwelle

Nach drei erfolglosen Verhandlungsrunden, bei denen die Angriffe des BDZV immer unverschämter wurden („M“ berichtete regelmäßig) klopfte am 11. November die Tarifkommission die Position der IG Medien erneut fest und bekräftigte, daß es keinen Ausstieg aus der bereits vereinbarten und ab 1. Mai 1998 gültigen 35-Stunden-Woche geben darf. Erstmals wird in dem Gremium über die Mobilisierung zu Warnstreiks debattiert. Die Rede ist von „20 bis 30“ Redaktionen, wo Kolleginnen und Kollegen den Warnstreikaufruf wohl befolgen werden. Dann sind am 19. November bundesweit über 1000 Redakteurinnen und Redakteure in nahezu 50 Redaktionen im mehrstündigen bis ganztätigem Warnstreik. Im Essener Gruga-Park versammeln sich 400 Redakteurinnen und Redakteure zur zentralen Streikversammlung für NRW und geben die Parole „Wir sind nicht die Sparschweine der Verleger“ aus.

Am 20. November erscheinen die meisten Zeitungen im Ruhrgebiet und in Südwestfalen mit einem um die Hälfte verringertem Umfang. Viele Lokalausgaben fielen ganz aus. Die „Frankfurter Rundschau“ erscheint mit weißen Flecken. Auffallend ist, daß viele Kolleginnen und Kollegen in Baden-Württemberg, Bayern und Niedersachsen aus den Außenredaktionen der Zeitungen in den Warnstreik treten.

Landauf-landab finden Redaktionsversammlungen statt, werden Resolutionen verfaßt. Am 20. November – die vierte Verhandlungsrunde beginnt um 16.00 Uhr in Berlin – sind nochmals um die 700 Kolleginnen und Kollegen im Warnstreik. Neben den „Bild“-Redaktionen aus Essen-Kettwig, Düsseldorf, Bielefeld und Köln und der zum Springer-Konzern gehörenden „Bergedorfer Zeitung“ sind an diesem Tag erstmals Kolleginnen und Kollegen der Springer-Blätter „Berliner Morgenpost“ und „BZ“ im Warnstreik. Vor dem Verhandlungslokal demonstrieren gut 100 Redakteurinnen und Redakteure. Die Verhandlungsdelegation freut sich und bringt zum Ausdruck, mit dieser „Welle der Solidarität“ gehe man gestärkt in die Verhandlung.

Die vierte Verhandlungsrunde wird zur „offenen Hängepartie“ – ständig wird in kleinen, ganz kleinen und größeren Runden ausgelotet, was möglich ist. Und ständig treffen im Hotel Protestfaxe und Unterschriftenlisten ein. Es sind Dutzende von Resolutionen und tausende von Unterschriften (Anmerkung GF: Man möge mir die ungenaue Zahlenangabe nachsehen, genaues war wirklich nicht zu ermitteln, die Schätzung nach „hunderten“ und „tausenden“ beruhen auf Angaben der Verhandlungsdelegation, der Pressestelle der IG Medien und nach eigener Augenscheinnahme von dem, was in Stuttgart eingegangen ist). Am Freitagnachmittag richtet man sich vielerorts auf eine lange Nacht ein. Doch die Rückflüge der Verhandlungsdelegationen sind gebucht, man geht unverrichteter Dringe kurz nach 18.00 Uhr auseinander. Der BDZV legt in letzter Minute ein „Einigungspapier“ vor. Dieses sei aber nicht verhandlungsfähig, sondern nur „im Paket“ zu haben. Die Verhandlungen werden am 1. Dezember in Düsseldorf fortgesetzt.

Die zweite Welle und die 16 Stunden von Düsseldorf

Ab 28. November rufen IG Medien und DJV zur zweiten Warnstreikwelle auf. Diesmal beteiligen sich über 2000 Kolleginnen und Kollegen aus gut 75 Redaktionen daran. Wieder ist auffallend, daß es die Kolleginnen und Kollegen der Außenredaktionen und von kleineren Zeitungen sind, die sich massenhaft im Streik beteiligen. Die Kolleginnen und Kollegen aller Madsack-Zeitungen versammeln sich zur Streikversammlung in der Stadthalle von Hannover. In NRW halten die Warnstreiks auch die folgenden Tage an, täglich beteiligen sich zwischen 500 und 700 Redakteurinnen und Redakteure daran und versammeln sich mal in Schwerte, dann in Dortmund, den nächsten Tag in Lüdenscheid und Essen und am Freitag, 4. Dezember – erneut tagt an diesem Tag die Tarifkommission in Stuttgart – in Bonn vor dem Gebäude des BDZV zu Streikversammlungen.

In Kassel streiken die Kolleginnen und Kollegen der „Hessisch-Niedersächsischen Allgemeinen“ vier Tage. Auch da wo es bisher ruhig war, tut sich etwas: Bei der „Leipziger Volkszeitung“ findet eine Betriebsversammlung statt. Geschäftsführer Radestock teilt mit, daß die Gehaltsunterschiede Ost/West aus seiner Sicht unverständlich seien und im Verlegerverband keine Forderung der „Leipziger Volkszeitung“ sei. Bei der „Süddeutschen Zeitung“ in München findet eine halbstündige Informationsversammlung statt, daraufhin teilt die Verlagsleitung mit, daß zukünftig Gewerkschaftsversammlungen auf dem Gelände verboten seien. Mit den „Lübecker Nachrichten“ ist eine weitere Redaktion vom Springer-Konzern im Ausstand. Zeitgleich findet im Haus eine Gesellschafterversammlung statt und der Noch-Vorstandsvorsitzende Jürgen Richter muß das Gebäude durch ein Spalier der Streikenden verlassen.

In Düsseldorf wird am 1. und in der Nacht zum 2. Dezember 16 Stunden ohne Ergebnis verhandelt. Zu Beginn stärken 500 Kolleginnen und Kollegen der Verhandlungskommission den Rücken. Doch BDZV-Verhandlungsführer Rüdiger Nieman machte nur „ein ,Büs’chen‘ voll Protestierer“ aus und ließ sich nicht beeindrucken. Das „Büs’chen“ war der Mannschaftsbus von Bayern München … Dienstagnacht gegen 3.30 Uhr sah sich der BDZV außerstande, eine gefundene Kompromißlinie anzunehmen und will auf den 7. Januar 1998 vertagen. „Nicht annehmbar“ sagt IG Medien und DJV, am nächsten Tag um 10.00 Uhr soll weiterverhandelt werden. Das möchte der BDZV nicht. Der Warnstreikaufruf wird verlängert …

Am 2. Dezember greifen erstmals die Kolleginnen und Kollegen der „Hamburger Morgenpost“ in den Arbeitskampf ein. In einer Resolution wird der Geschäftsführung mitgeteilt, daß diese „hoffentlich den Zeitpunkt unseres Warnstreiks“ zu schätzen wisse. Von 11.00 bis 13.00 Uhr war das und bei der Streikversammlung wurde beschlossen, in den kommenden Tagen zu unterschiedlichen Zeiten raus zu gehen. Am dritten Tag kam man bedenklich an den Redaktionsschluß und die leitenden Redakteure fingen an, leise aufzumucken.

Am 5. Dezember bekräftigt die Tarifkommission ihre Haltung und gibt der Verhandlungskommission erneut das Verhandlungsmandat. Vom Erklären des Scheiterns und dem Einleiten der Urabstimmung wird vorläufig abgesehen. Dem BDZV wird bis Montag, 8. Dezember, 22.00 Uhr, Zeit gegeben, einen neuen Termin und ein verhandlungsfähiges Angebot zu nennen. Die Warnstreiks sollen fortgeführt werden.

 

 

nach oben

Weitere aktuelle Beiträge

Proteste beim Berliner Tagesspiegel

Mit Schildern wie „Tarifverträge einhalten“ haben sich am 20. Februar mehr als 100 Beschäftigte des Berliner Tagesspiegels vor dem Verlagsgebäude an einer aktiven Mittagspause beteiligt und damit klar gemacht: So nicht! Erst Ende 2022 hatten ver.di und DJV/jvbb nach zähen Verhandlungen und Protesten von Verlagsangestellten und Redakteur*innen mit der Geschäftsführung einen Haustarifvertrag abgeschlossen.
mehr »

Politik muss mehr für Tarifbindung tun

Zurzeit ringen die Gewerkschaften mit der Funke Mediengruppe um die Aufnahme von Tarifverhandlungen in Berlin und in NRW. Mit dem Austritt aus dem Bundesverband Digitalpublisher und Zeitungsverleger (BDZV) zum Ende 2022 hatte Funke die Tarifbindung verlassen. Mit dieser Tarifflucht sind sie auch in der Medienbranche nicht die einzigen. Insgesamt arbeiten nur noch knapp die Hälfte aller Arbeitnehmer*innen in Deutschland in tarifgebundenen Betrieben. Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) fordert eine Tarifwende von der Politik.
mehr »

Umfragestart zum Fair Festival Award

Zum dritten Mal startet ver.di eine Umfrage unter Mitarbeiter*innen von Filmfestivals, um den Fair Festival Award und das Label „Faires Festival“ zu vergeben. Festival-Beschäftigte können dazu bis zum 25. Februar 2024 die Fairness ihres Filmfestivals bewerten. Ausgelobt wird der Preis von den Festivalarbeiter*innen in ver.di, um das Thema „gerechte Arbeitsbedingungen und faire Vergütung“ bei Festivalarbeiter*innen, Festivals und Förderinstitutionen nachhaltig ins Bewusstsein zu rücken.
mehr »

Hart verhandelt: Kein Film ohne uns

In der fünften Tarifverhandlungsrunde für die rund 25.000 Filmschaffenden zwischen der Vereinten Dienstleistungsgewerkschaft (ver.di), der Schauspielgewerkschaft BFFS und der Produzentenallianz wurden erste Weichen gestellt. Dabei geht es neben den Löhnen auch um den Einsatz generativer KI, eine Vier-Tage-Woche und die Frage der Pensionskassen. Die Filmschaffenden erwarten auch einen Ausgleich für die Reallohnverluste in Zeiten hoher Inflationsraten.
mehr »