Wann machen Tarifkonflikte Schlagzeilen?

Christina Köhler vom Institut für Publizistik der Mainzer Johannes Gutenberg-Universität Foto: Richard Lemke

„Streikende legen die Region lahm“ betitelte die Westfälische Rundschau am 27. April die Warnstreiks im öffentlichen Dienst. Wann und wie berichten Medien über Tarifrunden? Welchen Einfluss haben sie auf Verhandlungen und Ergebnisse? Über das noch wenig erforschte Thema „Medien und Tarifkonflikte“ sprach Bärbel Röben mit Christina Köhler, wissenschaftliche Mitarbeiterin und Doktorandin am Institut für Publizistik der Mainzer Johannes Gutenberg-Universität.

In Mainz gibt es zwei aktuelle Forschungsprojekte zu „Medien und Tarifkonflikte“. Wie entstand die Idee dazu?
Ausgangspunkt für das erste Projekt waren die Tarifkonflikte der Lokführer und der Piloten. Mein Kollege Pablo Jost und ich waren sehr erstaunt über manche Berichte in den Medien – beispielsweise als die Privatadresse von Claus Weselsky veröffentlicht wurde oder die Bildzeitung ihn als den „Bahnsinnigen“ betitelte. Wir haben uns damals gefragt, welche Faktoren die Berichterstattung über Tarifkonflikte prägen.
Die bisherige Forschung hat vor allem einzelne Fälle im Blick – wie den Arbeitskampf in der Metallindustrie in Schleswig-Holstein 1956/57 oder den Tarifkonflikt der Lastwagenfahrer bei UPS im Jahr 1997. Es fehlt an einer längerfristigen und übergreifenden Betrachtung und so konnten Pablo Jost und ich die Otto-Brenner-Stiftung überzeugen, unser Vorhaben zu fördern. Wir haben nun verschiedene Tarifkonflikte in den vergangenen fünf Jahren ausgewählt und die Medienberichterstattung inhaltsanalytisch untersucht. Die Ergebnisse sollen Ende Mai veröffentlicht werden. Das zweite Projekt über Wirtschaftskommunikation baut darauf auf.

Was können Sie über den derzeitigen Forschungsstand sagen? Worüber wird vor allem berichtet?

Die bisherige Forschung zeigt, dass Journalist_innen sich vor allem auf zwei Dinge konzentrieren, wenn sie über Tarifpolitik berichten: Da geht es zunächst um einige wenige prominente Fälle – etwa um Tarifrunden im öffentlichen Dienst oder der Metallindustrie – und um besondere Akteure wie Spartengewerkschaften. Zweitens wird vor allem über Phasen intensiver Konfrontation zwischen den Tarifparteien (z.B. Warnstreiks und Streiks) berichtet. Die Bedeutung dieser „Magneten medialer Aufmerksamkeit“ zeigt die Rangliste der relevantesten TV-Nachrichtenthemen in den vergangenen zehn Jahren. So kamen die Lokführer- und Pilotentarifkonflikte 2014 auf Platz 7 und in den Jahren 2006 und 2007 gehörten ebenfalls zwei Tarifkonflikte zu den TopTen: Öffentlicher Dienst (Platz 6) und Bahn (Platz 3).

Warum gibt es diese selektive Aufmerksamkeit der Medien für die Tarifpolitik?

Das hat aus meiner Sicht vor allem zwei Gründe: Zum einen ist die Tarifpolitik durch langfristige, gewachsene Kooperationsstrukturen zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern gekennzeichnet, die dazu führen, dass Tarifkonflikte oftmals stark routiniert ablaufen. Medien greifen aber vorrangig Themen auf, die sich durch Konflikthaltigkeit auszeichnen. Zudem ist deren Berichterstattung über das aktuelle Geschehen stark durch Skandale, Dramatisierung, Negativismus sowie den Fokus auf einzelne Personen gekennzeichnet. Dadurch erklärt sich beispielweise der Fokus auf öffentlich ausgetragene Konflikte wie Streikmaßnahmen. Diese sind nicht nur Ausdruck von Kontroverse und Protest, sondern sie ermöglichen es, die eher abstrakten Inhalte von Tarifkonflikten zu visualisieren und zu personalisieren, indem zum Beispiel demonstrierende Menschen gezeigt werden. Ein anderer Grund könnte bei den Akteuren selbst liegen: Manche Tarifpartner scheinen gezielt öffentliche und mediale Aufmerksamkeit zu meiden. So wird bei Tarifkonflikten der IG BCE nur selten zum Arbeitskampf aufgerufen.

Also tragen Gewerkschaften auch selbst dazu bei, dass so wenig über Tarifkonflikte berichtet wird?

Ja, vergangene Untersuchungen kamen zu dem Schluss, dass gerade die gewerkschaftsseitigen Kommunikationsbemühungen weniger professionalisiert und modern sind als die der Arbeitgeber.

Was hat sich in den vergangenen Jahren in Berichterstattung und Kommunikation verändert?

Die Bedeutungszunahme von Spartengewerkschaften hat nicht nur die Struktur der industriellen Beziehungen in Deutschland verändert, sondern hat – so vermute ich – auch zu einem Wandel in der Medienberichterstattung über die Tarifpolitik geführt. Im Gegensatz zu den großen Branchengewerkschaften vertreten Spartengewerkschaften oftmals kleine, sehr spezialisierte Berufsgruppen. Gleichzeitig kommt es im Zuge der Tarifkonflikte solcher vermeintlich kleiner Arbeitnehmergruppen oftmals zu Arbeitskampfmaßnahmen, die breite Teile der Gesellschaft betreffen. Diese Tatsache führt zu einem erhöhten Konfliktpotential und einer generell gesteigerten Medienaufmerksamkeit für diese Tarifkonflikte im Speziellen und die Tarifpolitik im Allgemeinen. Außerdem haben sich gerade aus Sicht der Tarifakteure die Möglichkeiten der Kommunikation mit der allgemeinen Öffentlichkeit, den Medien und insbesondere den eigenen Mitgliedern massiv verändert. Einige nutzen die neuen Möglichkeiten der digitalen Medien bereits sehr intensiv, wie die Social Media-Arbeit von ver.di und IG Metall zeigt.

Welche Konsequenzen hat das für die Mitgliederbindung und für den Ausgang von Tarifverhandlungen?

Bei meinen Recherchen habe ich lediglich eine Studie gefunden, die herausstellt, dass Massenmedien dazu beitragen können, dass Streiks tendenziell länger dauern, weil die Fronten zwischen den Tarifakteuren verhärten.  In meiner Dissertation, die zum zweiten Projekt über Wirtschaftskommunikation gehört, will ich nun genauer überprüfen, welche Einflüsse Medien auf den Verhandlungsverlauf und das Ergebnis von Tarifkonflikten ausüben. Ziel wird es voraussichtlich sein, die beteiligten Akteure (insbesondere Vertreter von Gewerkschaften und Arbeitgeberverbänden) danach zu befragen, wie sie das Verhältnis zu Medien sehen und wie sie die Konsequenzen der Medienberichterstattung für das Handeln im Tarifkonflikt wahrnehmen.

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