Weser-Kurier: Klagen auf Gehaltserhöhung

Bei vielen Verlagen ist es in Mode gekommen, sich aus der Tarifbindung zu verabschieden. In Bremen wehren sich jetzt langjährig Beschäftigte des Weser-Kuriers (WK) gegen die Folgen dieser Sparmaßnahmen: Sie klagen vor dem Arbeitsgericht, damit sie weiterhin dieselben Gehaltserhöhungen wie in tarifgebundenen Betrieben erhalten. Unruhe gibt es im Pressehaus auch, weil der WK seine Werder-Bremen-Berichterstattung an eine konzerneigene Firma auslagert.

Die Bremer Tageszeitungen AG (BTAG) gehört zwar noch einem Verlegerverband  an, hat sich aber schon längst aus der Tarifbindung ausgeklinkt – 2005 zunächst für Redaktion und Verlag, Mitte 2016 dann auch für die Druckerei. Trotzdem übernahm die BTAG die bundesweit vereinbarten Gehaltssteigerungen bisher immer auch für die eigenen Beschäftigten, soweit deren Arbeitsvertrag noch aus den Zeiten der Tarifbindung stammt. Doch bei der letzten Gehaltserhöhung für Redakteur_innen war plötzlich Schluss damit: Die BTAG sparte sich den 1,5-Prozent-Aufschlag. Im Gespräch mit M begründet Vorstand Eric Dauphin das so: Das Unternehmen habe in den vergangenen Jahren wirtschaftliche Schwierigkeiten gehabt. „Wir sind aus dem Gröbsten zwar raus, sind aber immer noch an dem Punkt, dass wir noch sparen müssen.“ Das jährliche Weiterreichen der Tariferhöhungen sei zwar jahrelang „betriebliche Übung“ gewesen, aber allein „auf freiwilliger Basis“.

Die leer ausgehenden Ex-Tarif-Beschäftigten glauben dagegen, einen Anspruch auf die Erhöhungen zu haben. Deshalb haben etliche Redaktionsmitglieder und Drucker jeweils Klagen vorm Arbeitsgericht erhoben. Wie viele es genau sind, ist unklar. Die Gerichtssprecherin kennt keine präzisen Zahlen, weil die Verfahren in verschiedenen Kammern anhängig sind. Vorstand Dauphin spricht von „ein paar“ Klagen. Eine der Klägerinnen schätzt ihre Zahl auf immerhin 25 bis 30 aus der Redaktion und ähnlich viele aus der Druckerei. Weitere sollen noch folgen.

Im Gespräch mit M argumentiert die Klägerin damit, dass die BTAG seit 2005 immer die Tariferhöhungen der Branche mitgemacht und auch etwaige Verschlechterungen des Manteltarifvertrags gerne übernommen habe. Erst 2010 habe die Belegschaft überhaupt von dem Tarif-Ausstieg erfahren, und das auch nur durch Zufall. Der zur Rede gestellte damalige Vorstandschef Ulrich Hackmack habe daraufhin auf einer Betriebsversammlung erklärt, dass für die bisher Beschäftigten alles beim Alten bleibe; nur für Neueingestellte sollten die Tarifregelungen nicht mehr gelten. Dass es sich bei den Gehaltserhöhungen für Altbeschäftigte lediglich um freiwillige Leistungen handeln sollte, habe das Unternehmen nie zum Ausdruck gebracht. „Wir mussten davon ausgehen, dass die Dynamik des Tarifvertrags auch weiterhin gilt“, sagt die Klägerin. Entscheiden muss darüber jetzt das Arbeitsgericht. Die Güteverhandlungen sind bereits gescheitert, frühestens im Mai könnten die ersten Urteile fallen.

Für Matthias von Fintel, Medien-Tarifsekretär bei ver.di, ist der Bremer Konflikt ein Beispiel dafür, wie wenig verlässlich die Ankündigungen von Verlegern bei bevorstehenden Tarifausstiegen seien. Da werde dann gerne verkündet: „Es ist nichts Schlimmes zu befürchten“ oder: „Wir werden ja weiter Tariferhöhungen durchreichen.“ Damit sollten offenbar nur die Wogen geglättet werden. Alles sei unverbindlich, und „je nach Kassenlage werden die Zusagen dann gebrochen“.

BTAG-Vorstand Dauphin weiß nach eigenen Worten nichts von Zusagen. Als er 2012 nach Bremen kam, habe er dazu nichts Schriftliches vorgefunden. „Wenn, dann kann es nur mündlich gewesen sein.“

Ein weiterer Streitpunkt der vergangenen Tage: Die BTAG verlagert die Berichterstattung über den Bundesligisten Werder Bremen komplett in die konzerneigene Firma WKDigital (WKD). Dort wird gerade eine Redaktion aufgebaut, die die aktuelle WK-App für Werder-Fans inhaltlich und optisch aufwerten soll. Bisher wurde die App „Mein Werder“ (nicht zu verwechseln mit der App des Vereins) laut Dauphin automatisch mit WK-Texten befüllt. Ab Beginn der nächsten Spielsaison im Sommer sollen „richtig gute Leute“ im Zwei-Schichten-Betrieb Nachrichten rund um den Bundesligisten für den Digitalauftritt produzieren und dann auch die Zeitung mit Werder-Berichten beliefern. Aus dem bisherigen Sportressort des WK wechselt nur der langjährige Leiter zur neuen Werder-Redaktion bei WKD. Die im Mutterhaus Verbleibenden sollen sich vorrangig um den Lokalsport kümmern.

„Es geht dabei nicht ums Einsparen“, versichert Dauphin. Bei WKD werde nicht schlechter bezahlt als beim Weser-Kurier. „Wir schaffen sogar zwölf neue Arbeitsplätze.“ Mit der stark verbesserten App („ein Premiumprodukt“) wolle der Verlag noch mehr Werder-Fans erreichen – deutschlandweit gebe es davon drei Millionen. „Inhalte rund um Bundesliga-Vereine werden immer wertvoller“, sagt Dauphin. Auf diesem Markt herrsche ein harter Kampf, „und wir müssen sehen, wo wir bleiben“.

Der BTAG-Betriebsrat bedauert, dass damit „das Ende einer rund 70-jährigen Berichterstattung über Werder Bremen“ durch WK-Redakteur_innen bevorsteht. Vor allem aber stört er sich daran, dass die Sportredaktion davon erst erfahren habe, als „alles bereits festgezurrt war“. Dazu Dauphin: „Das stimmt nur zum Teil.“ Der Verlag habe frühzeitig angekündigt, dass er im Digitalen mehr unternehmen müsse. In der Projekt-Arbeitsgruppe für die Werder-App habe auch der Sport-Ressortleiter mitgemacht. „Wir können ja nicht mit allen diskutieren.“

Aber warum die Verlagerung zu WKD? „Weil wir weitere Partner suchen“, sagt der Vorstand. „Wir bauen eine recht umfangreiche technische Struktur auf“, ein offenes Modell, an dem sich auch andere Verlage beteiligen könnten. „Wir sind schon konkret in Gesprächen“, sagt Dauphin. Namen will er noch nicht nennen.

Auf der Suche nach neuen Einnahmequellen hat die BTAG jetzt auch ein eigenes Portal für Immobilienanzeigen gegründet. Auffällig ist, dass der WK in letzter Zeit verstärkt über Wohnungsthemen berichtet, zum Beispiel mit der Serie „So wohnt Bremen“. Darin wird regelmäßig auch auf das neue WK-Immobilienportal hingewiesen, sei es per Eigenanzeige oder im redaktionellen Text. Dauphin bestreitet aber, dass der Verlag den Anstoß zu diesem Themenschwerpunkt gegeben habe. „Die Serie war schon vorher geplant“, sagt er. „Es ist nicht so, dass wir der Redaktion sagen: Jetzt müsst Ihr mal über dieses Thema berichten.“

 

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