Öffentlicher Straßenraub

Der Medienrechtler Albrecht Götz von Olenhusen zum Fall „Kabinenluft”

Wie bewerten Sie die Konflikte um den WDR-Beitrag über Kabinendämpfe in Flugzeugen?

GÖTZ VON OLENHUSEN | Die Nutzung von O-Ton und Originalbildern von freien Autoren gegen deren Willen und gegen den Willen von Interviewpartnern – das hat eine neue Qualität, es ist eine Art von öffentlichem Straßenraub. Persönlichkeitsrechtsverletzung, Urheberpersönlichkeitsrechtsverletzung, und die Missachtung von Recht am eigenen Wort und Bild, und dazu noch ein Plagiat in Unreinkultur.

Dr. jur. Götz von Olenhusen Foto: M. Goesmmann
Dr. jur. Götz von Olenhusen Foto: M. Goesmmann

„Die Story” hätte so nicht gesendet werden dürfen?

Wenn der Interviewpartner Auflagen macht oder wenn er Wert darauf legt, dass derjenige, mit dem er spricht, dann auch tatsächlich mit dem Bericht zu tun hat, dann muss ein Sender das achten. Das ist eine Rechtspflicht des Senders gegenüber den Betroffenen und gegenüber dem Autor. Denn eine Rechtsübertragung ist nur dann wirksam, wenn tatsächlich die Auflagen, die der Interviewpartner gemacht hat, erfüllt worden sind. Der Betroffene muss andernfalls zustimmen, dass der Sender dessen Aussagen nutzen darf.

Kann denn ein freier Mitarbeiter solche Vereinbarungen über Auflagen treffen?

Ja, die sind gültig. Der freie Mitarbeiter erwirbt als Vertreter des WDR die Rechte, unter bestimmten Bedingungen. Wenn der Protagonist sagt, ich will vorher sehen, was ihr damit macht, dann kann der Sender nicht machen, was er will. Weder der Interviewpartner, noch der Autor sind Freiwild für einen Redakteur.

In diesem Fall hat der Autor gesagt, ich will nicht genannt werden, wenn der Film nicht von mir gebilligt werden kann.

Aber der WDR kann nicht davon ausgehen, dass das Material, die Idee, das Thema, die Recherche, das Recherchematerial, der O-Ton, und die Sendefassung ihm gehören und die Anstalt damit machen kann, was sie will. Das ist rechtlich nicht in Ordnung.

Die Sender haben nach dem Urhebertarifvertrag das Bearbeitungsrecht für die Werke?

Schon, aber die Bearbeitung darf nicht den Sinn und den Zweck verfälschen.

Da ging es aber nur um kleine Änderungen, meint man beim WDR.

Dann müssten sie erklären, warum sie die Wiederholung des Films abgesetzt haben, wenn nichts dran wäre an den Einwendungen des Autors, der Protagonisten und ihrer Anwälte. Die Sendung ohne Zustimmung der Beteiligten ist natürlich auch ein grober Verstoß gegen das Landesmediengesetz.

Der WDR-Redakteursausschuss hat sich zu dem Fall keine Meinung gebildet, weil Aussage gegen Aussage stehe.

Das Redaktionsstatut soll genau solche inhaltlichen Konflikte zwischen Angestellten und auch mit Freien lösen. Da kann man also nicht einfach sagen, „na ja, unangenehm, ist ja eine peinliche Sache, da wollen wir uns gar nicht auf die eine oder andere Seite schlagen.” Das Ganze ist wie in dem Kriminalfilm von Hitchcock: „Eine alte Dame verschwindet.” Hier heißt es „Ein Autor verschwindet.” Plötzlich wird der Autor zum angeblichen Täter gemacht, in Wirklichkeit ist er Opfer einer Medienkultur, die immer rabiater mit der Ware Information umgeht.

 Das Gespräch führte Ulli Schauen

nach oben

Weitere aktuelle Beiträge

Programmreform mit der Brechstange

Die Programmstruktur des Deutschlandfunks soll sich ab Dezember 2027 tiefgreifend verändern. Dagegen regt sich Widerstand. Der Verein „Informationsqualität“ klagt nun dagegen. Man kann nur hoffen, dass das Verwaltungsgericht Köln im Sinne der Kläger eine einstweilige Verfügung erlässt und damit die für den 30. November angekündigte Programmrefom des Deutschlandfunks stoppt.
mehr »

Lokaljournalismus: Die Welt vor der Haustür

"Echte Reporter*innen sitzen nicht in der Bundespressekonferenz, sondern schießen um 11 Uhr Fotos beim Grillfest der Freiwilligen Feuerwehr, schauen sich nachmittags das Kindertheater in der Turnhalle an und schreiben am Abend bei der Hauptversammlung des Geflügelzuchtvereins mit.“ Wer nach einer Definition von Lokaljournalismus sucht: Das wäre eine.
mehr »

Wenn freie Medien „Lieblingsfeinde“ sind

Freie Medien als Garanten für Demokratie stehen im Fadenkreuz der Rechten. Was bedeutet das für einen Journalismus, der ausgewogen berichten will? Wie können antidemokratische Prozesse gestoppt und umgekehrt werden? Darüber wurde auf der diesjährigen Medienpolitischen Tagung „Lieblingsfeind Freie Medien – europäische und deutsche Erfahrungen“, von ver.di und DGB in Berlin diskutiert.
mehr »

Der Medienrat macht sich Gedanken

Eine ebenso komplexe wie wichtige Aufgabe hat der neue Medienrat für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk erhalten. Das von den Bundesländern geschaffene sechsköpfige Sachverständigengremium soll bewerten, ob die Sender ihren Auftrag insgesamt erfüllen. Dabei geht es beispielsweise um eine ausgewogene und vielfältige Berichterstattung – was in Teilen der Bevölkerung in Zweifel gezogen wird.
mehr »