Berlinale: Long Road to the Director’s Chair

Das von Helke Sander und Claudia von Alemann organisierte Frauenfilmseminar gilt als das weltweit erste Frauen-Filmfestival. Hier Claudia von Alemann, Helke Sander, Vibeke Løkkeberg und Vibeke Pedersen im November 1973 in Berlin Foto: bpk / Abisag Tüllmann

Die norwegische Regisseurin Vibeke Løkkebergs hat über 50 Jahre verloren geglaubtes Archivmaterial  entdeckt und daraus den Dokumentarfilm „The Long Road to the Director’s Chair“ über das „Erste Internationale Frauenfilm-Seminar“ im Westberliner Kino Arsenal realisiert. Sie hatte selbst 1973 mit „Abortion“ (1971) daran teilgenommen und das Event mit Interviews der filmschaffenden Frauen auf 16mm dokumentiert. Die Frauen berichten eindrücklich von den sie diskriminierenden Arbeitsbedingungen in der Film- und Fernsehbranche.

Die beiden Organisatorinnen des Festivals und Seminars, Claudia von Alemann und Helke Sander, kamen in den späteren 1970er und frühen 1980er-Jahren als Filmemacherinnen zu Ruhm. Dann verschwanden sie wie die meisten Regisseurinnen mit feministischem Anspruch von der Bildfläche. Der „Frauenfilm“, so wurden Filme von Frauen damals bezeichnet, hatte aus Sicht der Produktionsfirmen und Fernsehredaktionen ausgedient. Als wenn das Thema Geschlechtergerechtigkeit nur ein Zeitgeist-Phänomen wäre. Claudia von Alemann sicherte ihr Überleben dann  ähnlich wie die Filmemacherin Jutta Brückner  mit der Lehre an Filmhochschulen.

Frauen im Film: Ablehnung und Konkurrenz

In Løkkebergs Film, der auf der diesjährigen Berlinale Premiere hatte, geht es nicht um die späteren Entwicklungen in der Filmbranche, die Norwegerin arbeitet ausschließlich mit Archivmaterial. Die Dokumentation macht dem Publikum den Urgrund der immer noch anhaltenden Kämpfe um Geschlechtergerechtigkeit bewusst: Die gut ausgebildeten filmschaffenden Frauen wollen nicht mehr nur hübsch anzusehende Cutterin, Regie-Assistentin oder Redaktions-Sekretärin sein. Sie wollen andere Gewerke erobern.

Nurith Aviv etwa, israelisch-französische Filmschaffende: „Als ich meinen ersten Film als Kameraufrau gemacht habe, haben meine männlichen Kollegen nicht mehr mit mir geredet.“ Am Anfang sei sie mit ihrer Arbeit nicht ernst genommen worden, berichtet auch die Fernsehjournalistin Angelika Wittlich. Später allerdings wurde sie dann nur als Konkurrentin wahrgenommen.

Claudia von Alemann, damals freiberufliche Regisseurin beim Fernsehen, spricht von dem psychologischen Druck, aufwändiger arbeiten zu müssen als der männliche Durchschnitt: „You have to prove, prove, prove; you have to be better, better, better.“ Alemann muss beim Fernsehen viele Kompromisse machen, um einfach Geld zu verdienen, das sie wiederum in unabhängige Filme zu feministischen Themen investiert.

Haarsträubende Arbeitsbedingungen

Helke Sander betont, die Redakteure hätten keine Ahnung von diesen Themen, behandelten die Regisseurinnen aber so, als wenn sie wiederum keine Ahnung hätten. Weitere Frauen wie etwa die US-Regisseurin Ariel Maria Dougherty, die Produzentin Christiane Schäfer und die Journalistin Alice Schwarzer berichten von den haarsträubenden Arbeitsbedingungen für Frauen in der Branche, auch von sexueller Belästigung.

Demnächst soll eine mehrteilige historische TV-Serie die Kämpfe um die Gleichberechtigung von Frauen im Filmgeschäft entstehen. Das gab Produzent Anders Tangen kürzlich bekannt. „Wir sitzen immer noch auf einer Goldmine von Material, das wir für eine mehrteilige Serie von 30-minütigen Episoden mit verschiedenen Akzenten verwenden können, was uns erlaubt, tiefer zu graben und andere Themen zu beleuchten“, erklärt Tangen.

nach oben

Weitere aktuelle Beiträge

Faire Honorare für Filmvermittlung

Die AG Filmvermittlung legt erstmals einen Honorarrahmen für freischaffende Filmvermittler*innen vor und macht damit auch auf die prekäre Erwerbssituation in der Branche aufmerksam. Für die Honorare zieht der Verein den Basishonorarrechner Kultur von ver.di heran.
mehr »

ver.di übt Kritik an ZDF-Intendant

Der Vorgang der Ausladung der Musiker Igor Levit und Danger Dan aus der 100. Ausgabe des Satire-Magazins „Die Anstalt“ (Sendetermin am 21. Juli 2026) wirft große Wellen. Der Auftritt wurde durch eine kurzfristige Entscheidung des ZDF-Intendanten Norbert Himmler verhindert. Daran übt auch der ver.di-Bundesvorstand starke Kritik.
mehr »

Politische Ausladung: ZDF sagt Auftritt ab

Ein neues Lied von Igor Levit und Danger Dan heißt "Keine Angst" und erscheint zum 17. Juli 2026. Es handelt vom möglichen Widerstand gegen eine zunehmende politische und gesellschaftliche Faschisisierung, wie sie weltweit und auch in Deutschland zu beobachten ist. Ein Auftritt der Künstler mit dem Song sollte ebenfalls für die 100. Sendung von "Die Anstalt" aufgezeichnet werden, die am 21. Juli 2026 erscheint. Dann lud das ZDF Danger Dan und Igor Levit kurzfristig aus.
mehr »

RSF: Kritik an Reform der Nachrichtendienste

Die Bundesregierung möchte dem Bundesnachrichtendienst (BND) und dem Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) deutlich mehr Befugnisse einräumen, das hat sie am 14. Juli 2026 in einer 700-seitigen Stellungnahme dargelegt. Der Schutz von Journalist*innen und ihren Quellen wird darin systematisch abgebaut, kritisiert Reporter ohne Grenzen (RSF). Und das ist nur ein Kritikpunkt an der Reform, die an anderer Stelle als "unanständig" kritisiert wurde.
mehr »