Schon entdeckt? Heddesheimblog

Er schreibt unbequem. Und hat viele Leser in seiner Heimat Heddesheim. Heddesheimblog hat Hardy Prothmann seinen Blog genannt. Der Journalist betreibt darauf seit Mai 2009 Lokaljournalismus in einer Form, „wie es leider nicht normal ist“. Kritischen Journalismus. „Hier gab es bislang nur Bratwurstjournalismus“, sagt Prothmann, der 15 Jahre lang fast nur überregional gearbeitet hat. Das Wort „Bratwurstjournalismus“ hat er im Januar sogar bei Wikipedia katalogisiert, es wurde nach vielen Diskussionen wieder gelöscht. Es meint Berichte über gnädige Wettergötter, nach Waffeln duftende Sportveranstaltungen und nichthinterfragte politische Entscheidungen.
Auf heddesheimblog.de gibt es das nicht. Im 11.400-Einwohnerort bei Mannheim muss man sich daran noch gewöhnen. Öffentlich wollen die Kritisierten lieber nichts über das neue Medium sagen. „Wir beobachten es kritisch und aufmerksam“, sagt ein Gemeinde-Sprecher, der namentlich nicht zitiert werden will. Viel Journalismus gibt es nicht in Heddesheim. Eine Seite Berichterstattung täglich liefert die Monopolzeitung Mannheimer Morgen. „Die schreiben brav alles auf, was die Stadtoberen wollen“, sagt Prothmann. „Dass das jetzt anders läuft, stört.“
Prothmann stört das nicht – auch wenn er manchmal mit Klagen oder Körpereinsatz bedroht wird, wie er erzählt. Er bearbeitet die normalen Lokalthemen. Wenn der Ball des Turnvereins schlecht besucht war, obwohl er der größte Verein im Ort ist, steht das im Artikel – statt „für das leibliche Wohl war gesorgt“. Und wenn es dafür Ärger gibt, wird auch der öffentlich. „Sie machen keine Bilder. Ich möchte auch nicht, dass etwas Negatives geschrieben wird“, zitiert er den Vereinsvorsitzenden. „Politik und Vereine sind eng verbandelt. Wenn ich die CDU kritisiere, kränkt das auch den Turnverein“, sagt der 42-Jährige.
Gegründet hat Prothmann das Blog, als sich in Heddesheim das Logistikunternehmen Pfenning ansiedelte. „Die Bürgerinitiative präsentierte Horrorzahlen über das Verkehrsaufkommen, der Mannheimer Morgen Jubelartikel über Jobs.“ Prothmann recherchiert selbst und präsentiert die Ergebnisse bei „blogger.de“. Eine Presseschau aus dem Archiv des Mannheimer Morgen mit Titeln wie „Betriebsrat zusammengeschlagen“ zusammen mit einem kritischen Veranstaltungsbericht bringen die Seite dort zum Abstürzen – die Geburtsstunde des heddesheimblogs auf einem stärkeren Server.
Seitdem arbeitet Prothmann 16 Stunden am Tag. „Ich will das Heddesheimer Lokalmedium sein“, sagt er. Und nicht nur das: Zehn Domains für die Nachbargemeinden hat er reserviert. Seit Dezember gibt es das Hirschbergblog, im Februar kommt das Ladenburgblog. Finanziell trägt sich das bislang noch nicht allein. „Das lokale Anzeigengeschäft läuft aber gut an. Ich bin optimistisch, dass es sich bald rentiert.“ Einen freien Mitarbeiter beschäftigt er bereits. Und er zählt täglich über 20.000 Seitenzugriffe von rund 2.000 Usern. „Das ist ein Viertel der Gemeinde. Und es macht richtig viel Spaß, diese lokale Lücke zu füllen.“

nach oben

Weitere aktuelle Beiträge

Schrittmacher für den Lokaljournalismus

Im Lokalen schlägt das Herz des Journalismus, hier ist er für die Menschen besonders gut erlebbar.“ So Netzwerk Recherche, das Lokaljournalist*innen mit einem Fellowship Lokale Recherche und einem Support Desk unterstützt, da sie unter wachsendem Druck Demokratie und mediale Glaubwürdigkeit verteidigen müssen.
mehr »

Lokaljournalismus: Die Welt vor der Haustür

"Echte Reporter*innen sitzen nicht in der Bundespressekonferenz, sondern schießen um 11 Uhr Fotos beim Grillfest der Freiwilligen Feuerwehr, schauen sich nachmittags das Kindertheater in der Turnhalle an und schreiben am Abend bei der Hauptversammlung des Geflügelzuchtvereins mit.“ Wer nach einer Definition von Lokaljournalismus sucht: Das wäre eine.
mehr »

Mentale Belastungen im Journalismus

Immer mehr Journalist*innen fühlen sich in ihrem Beruf unwohl. Der Druck ist in den vergangenen Jahren enorm gestiegen. Zum einen werden Menschen, die journalistisch tätig sind, über Hasspostings in den sozialen Medien angefeindet. Zum anderen steigt der interne Druck durch Arbeitsverdichtung und Vorgesetzte. Mit Helpline bietet „Netzwerk Recherche“ seit einigen Jahren ein telefonisches Gesprächsangebot – anonym, vertraulich und kostenlos.
mehr »

Fairnesspreis für „Im Osten was Neues“

Der Deutsche Fairnesspreis wird jährlich im Rahmen der feierlichen Verleihung des DEUTSCHEN SCHAUSPIELPREISES als Gemeinschaftspreis des BFFS und der ver.di FilmUnion vergeben und prämiert. Das diesjährige Thema des Fairnesspreises lautete „Zusammenleben der Kulturen“. Der Preis wurde am 11. September in Berlin verliehen.
mehr »