Relativiert: Risiko von Facebook-Filterblasen

Die Bedeutung sogenannter Intermediäre wie Facebook für die Meinungsbildung wird überschätzt. Einer neuen Studie zufolge sei Facebook für die meisten Nutzer eine Nachrichtenquelle unter vielen, nicht die alleinige. Die Befürchtung, dass sich die Menschen in Filterblasen bewegten und etwa mit Blick auf die Bundestagswahl nur eingeschränkt informiert seien, müsse deshalb aus wissenschaftlicher Sicht relativiert werden. 

Die aktuell von der Landesanstalt für Medien NRW (LfM) in Kooperation mit dem Forschungsschwerpunkt Medienkonvergenz der Johannes Gutenberg-Universität Mainz vorgelegte Expertise „Ganz meine Meinung? Informationsintermediäre und Meinungsbildung“ geht der tatsächlichen Bedeutung der Informationsintermediäre für die Meinungsbildung nach. Im Mittelpunkt stand die Frage, ob und wie wirkungsvoll insbesondere Facebook die Themenwahrnehmung und die Meinungsvermittlung bei politischen Themen beeinflusst. So betont Prof. Dr. Birgit Stark vom Institut für Publizistik an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz, dass die Voraussetzungen für Filterblasen nicht gegeben seien, da es neben wenigen sogenannten personalisierten Nachrichtenquellen, beispielsweise im Facebook-Newsfeed, noch viele klassische und somit ausgewogene Quellen gäbe, aus denen sich Nutzerinnen und Nutzer informieren. Wenn sich aber das Verhältnis von personalisierter und klassischer Nachrichtenquelle umkehre, könne „sich das auf die Meinungsbildung auswirken“.

Doch sei nicht nur die Wahrnehmung gesellschaftlich relevanter Themen, sondern auch die Wahrnehmung des Meinungsklimas beeinflussbar. “Das wahrgenommene Themenspektrum wird nicht per se von Facebook eingeengt. Facebook kann aber die Wichtigkeit von Themen verändern“, erläutert die Sprecherin des Forschungsschwerpunkts Medienkonvergenz an der Uni Mainz. Ein signifikanter Effekt für Facebook sei beim wahrgenommenen Meinungsklima zu beobachten. Hier könne es zu Gefahren kommen, wenn gesellschaftliche Randgruppen – unterstützt durch Social Bots oder Fake News – Diskussionen manipulieren, indem sie beispielsweise bestimmte Themen pushen oder gezielt durch Kommentare emotional polarisieren. Die Studie belege zudem weitere Einflussfaktoren auf die Meinungsbildung, darunter Persönlichkeitseigenschaften oder das eigene politische Interesse sowie nichtmediale Informationsquellen wie das persönliche Gespräch.

Für LfM-Direktor Tobias Schmid ist es „gut, dass für Nutzer in der politischen Mitte die Bedeutung von Echokammern überschaubar gering ist. Wir müssen aber auch die politischen Ränder und Extreme im Blick behalten. Die Medienanstalten setzen sich weiter dafür ein, dass sich Menschen ihre Meinungen auf Basis von Tatsachen bilden können und nicht auf Basis manipulierter Nachrichten.“

Die Ergebnisse der Studie „Ganz meine Meinung? Informationsintermediäre und Meinungsbildung – Eine Mehrmethodenstudie am Beispiel von Facebook“ wurden laut einer Mitteilung der Landesmedienanstalt in einem Mehrmethodenmix aus Nutzerbefragung, Datentracking der Internetnutzung sowie in Online-Gruppendiskussionen ermittelt. Erste Teilresultate seien bereits auf einer Tagung der Medienanstalten Anfang März 2017 in Berlin vorgestellt worden. Die Veröffentlichung kann bei der LfM in Druckform bestellt oder heruntergeladen werden.

Mit Gefahren für die gesellschaftliche Meinungsbildung durch Intermediäre setzt sich auch dieser M-Online-Beitrag auseinander.

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