Buchtipp: Neuauflage „Der Aufmacher“

Buchcover

Zum runden Geburtstag von Günter Wallraff veröffentlicht der Verlag Kiepenheuer & Witsch eine Neuauflage des „Bild“-Klassikers „Der Aufmacher“. Das Buch entpuppt sich als überraschend aktuell, zumal die Lektüre „Bild“ als Urmutter jenes Populismus’ entlarvt, der bis heute den rechten Rand dieser Gesellschaft befeuert. Die Mechanismen des Marktes sind ohnehin die gleichen geblieben: Die Digitalisierung hat diese Art von „Journalismus“ nicht verändert, er ist bloß noch überdrehter geworden.

In den späten Siebzigern hat „Bild“ mit einer Auflage von sechs Millionen Exemplaren die heute kaum fassbare Zahl von elf Millionen Leserinnen und Leserinnen erreicht; und das in einem Land mit damals sechzig Millionen Einwohnern. Wie das Blatt funktioniert, hat Günter Wallraff in seinem 1977 erschienenen Buch „Der Aufmacher“ geschildert. Mit der Digitalisierung hat „Bild“ mittlerweile seine Vormachtstellung als Hetzorgan der Nation verloren. Die digitale Revolution, schreibt Georg Restle, Leiter des WDR-Politmagazins „Monitor“, im Nachwort zur Neuauflage, „habe sich wie ein Turbolader auf den Journalismus“ ausgewirkt: „schneller, lauter, hemmungsloser“. Viele Intellektuelle betrachten „Bild“ daher nun als Relikt einer vergangenen Zeit und als Kuriosum, das man nicht mehr ernst zu nehmen braucht.

Aber selbst wenn die Zeitung im Vergleich zur überdrehten digitalen Konkurrenz „wie ein nervöses altes Schlachtross“ (Restle) erscheint: „Bild“ ist nicht zuletzt dank des eigenen Internetauftritts und des vor gut einem Jahr gestarteten „Bild TV“ immer noch ein Machtfaktor. Auch deshalb ist Wallraffs Buch nach wie vor aktuell, denn das Blatt ist die Urmutter des publizistischen Populismus’, aus dessen Schoß schließlich die AfD gekrochen ist. Beide, die Zeitung wie die Partei, pflegen mit ihrer Verherrlichung einer untergegangenen heilen Welt, die es in dieser Form ohnehin nie gegeben hat, die gleichen Ideale. Beide hetzen gegen Migranten, schüren ein Klima der Angst und schaffen so die Basis für allerlei Verschwörungsunfug, von dem sie wiederum profitieren: Ausgerechnet „Bild“ ist das einzige klassische Medium, das am rechten Rand als Sprachrohr akzeptiert wird. Natürlich distanziert sich der Springer-Verlag der Form halber von den Extremisten, aber die unheilige Allianz ist offenkundig. „Bild“, schreibt Restle, „peitscht auf, diffamiert politische Akteure und delegitimiert staatliche Institutionen – im geistigen Schulterschluss mit denen, die auf der Straße ‚Diktatur’ grölen und Staat und ‚System’ den Kampf ansagen.“

Günter Wallraff wird am 1. Oktober 80 Jahre alt; ein guter Anlass, „Der Aufmacher“ nochmals zu lesen. Der Autor galt damals vielen, die in den Journalismus wollten, als Vorbild, ebenso wie das „Washington Post“-Duo Bob Woodward und Carl Bernstein, das wenige Jahre zuvor die Watergate-Affäre aufgedeckt hatte. Wallraffs Bericht über seine Monate in der „Bild“-Redaktion Hannover lesen sich heute noch genauso spannend wie damals; die Empörung über den redaktionellen Zynismus und die damit verbundene Menschenverachtung bleibt ebenfalls bestehen. Außerdem ist das Buch nun unzensiert; bis 2012 durfte Kiepenheuer & Witsch nur eine teilweise geschwärzte Version drucken.

Die eigentliche Bedeutung des Werks offenbarte sich ohnehin erst später: Springer überzog den als „Untergrund-Kommunisten“ geschmähten Wallraff mit Klagen, die größtenteils erfolglos blieben. Einige der damit verbundenen Gerichtsurteile waren allerdings maßgeblich für das nach wie vor gültige Verständnis der durch Artikel 5 des Grundgesetzes gewährleisteten Pressefreiheit.

Im Reclam-Verlag ist anlässlich des Geburtstages als Band 14313 zudem eine Auswahl aus Wallraffs Gesamtwerk seit 1963 erschienen.

Günter Wallraff: Der Aufmacher. Erweiterte Neuausgabe, Kiepenheuer & Witsch, Köln 1977/2022, Taschenbuch, 328 Seiten, 13 Euro, ISBN: 978-3-462-00321-5

Günter Wallraff: Im Einsatz für Aufklärung und Menschlichkeit. Reclam, Stuttgart 2022, 268 Seiten, 10,80 Euro, ISBN: 978-3-15-014313-1

 

 

 

nach oben

Weitere aktuelle Beiträge

EU segnet SLAPP-Gesetz ab

Das Europäische Parlament stimmte in Straßburg mit großer Mehrheit für die sogenannte Slapp-Richtlinie. 546 Parlamentarier*innen stimmten für das Gesetz, 47 dagegen und 31 enthielten sich. Die Regelung soll Einzelpersonen und Organisationen, die sich mit Angelegenheiten von öffentlichem Interesse wie Grundrechten, Korruptionsvorwürfen und dem Kampf gegen Desinformation befassen, vor missbräuchlichen Klagen schützen. Jetzt muss die EU-Richtlinie am 19. März durch den Europäischen Rat bestätigt werden. Danach haben die 27 EU-Mitgliedstaaten zwei Jahre Zeit, die Vorschriften in nationales Recht umzusetzen.
mehr »

Presserat rügt immer häufiger

Der Deutsche Presserat erteilte 2023 so viele Rügen wie noch nie in einem Jahr zuvor. 73-mal verhängte er seine schärfste Sanktion für besonders schwere Verstöße gegen den Pressekodex. Im Jahr zuvor hatte er lediglich 47 Rügen ausgesprochen. Vor allem mehr Rügen wegen mangelnder Recherche wurden vom freiwilligen Kontrollorgan der Presse ausgesprochen. Besorgniserregend findet das die dju in ver.di.
mehr »

Ohne Anklage in polnischer Haft

Kurz nach dem russischen Überfall auf die Ukraine wurde der Reporter Pablo González in Polen inhaftiert. Die polnische Justiz beschuldigt ihn seither, für den russischen Geheimdienst spioniert zu haben. Bis heute befindet er sich in Isolationshaft, ohne dass Anklage erhoben oder Beweise vorgelegt wurden. Mit dem Regierungswechsel in Polen kam zunächst Hoffnung für den Journalisten auf. Doch nun wurde seine U-Haft erneut verlängert.
mehr »

dju verurteilt Angriff auf Rundfunkfreiheit

Als „massiven Angriff“ auf die Pressefreiheit und gegen den gesetzlichen Auftrag des öffentlich-rechtlichen Rundfunks hat die dju einen AfD-Antrag vom 22. Februar verurteilt, die Berichterstattung im Rundfunk Berlin-Brandenburg (RBB) über das Treffen von rechten, identitären und AfD-Vertretern in Potsdam durch die Landesregierung zu unterbinden. Die Landesvorsitzende der dju in ver.di Berlin-Brandenburg, Renate Gensch, nannte den öffentlich-rechtliche Rundfunk „Garant der Demokratie“.
mehr »