Filmtipp: „Der nackte König – 18 Fragmente“

Entlang zwischen Orten, Zeiten und Personen. Foto: W-film/ Mira Film

Mit seinem Filmessay „Der nackte König“ blickt der Schweizer Filmemacher Andreas Hoessli zurück auf zwei folgenreiche Revolutionen des 20. Jahrhunderts: Die Islamische Revolution im Iran und den fast zeitgleichen Kampf der Solidarność in Polen. Der Film erkundet, inhaltlich und formal fesselnd, Haltungen und Gedanken von Menschen, die aufbegehren, oder die das System verteidigen. „Der Film startet nun am 11. Februar zum Jahrestag der
Islamischen Revolution aufgrund der Corona-bedingten Schließungen online mit solidarischer Beteiligung von Partner-Kinos.

Der polnische Autor Ryszard Kapuscinski schreibt in einem Bericht über die Revolution im Iran: “Alle Bücher über die Revolution beginnen mit einem Kapitel, in dem von der Fäulnis der zerfallenden Macht und vom Leiden des Volkes die Rede ist. Dabei sollten sie eher mit einem Kapitel Psychologie beginnen, das davon handelt, wie ein gepeinigter furchtsamer Mensch unversehens seine Angst ablegt und Mut fasst. Dieser ungewöhnliche Prozess, der sich manchmal nur über einen Augenblick erstreckt, wie ein Schock, eine Läuterung, müsste bis ins Detail beschrieben werden.”

Wie nähert man sich solch einem revolutionären Augenblick im Leben von Menschen? Über Zeitdokumente, Erinnerungen von Zeitzeugen, die eigene Erinnerung? Über einen Besuch der Schauplätze solcher revolutionären Momente?

Andreas Hoessli hat für seinen Filmessay “Der nackte König – 18 Fragmente der Revolution” alle diese Möglichkeiten gleichermaßen genutzt. Dafür ist er gereist: Zurück in der Zeit, in die eigene Erinnerung und in die Erinnerungen seiner Protagonist*innen. Und geographisch, zu den Schauplätzen der Erhebungen, in Archive, zu Zeitzeugen u.a. nach Warschau und Teheran.

Entstanden ist eine kunstvoll verschachtelte, komplexe und intelligente Reflexion über Menschen in der Revolte. Ein Taktgeber des Films ist der innere Monolog des Filmemachers, sein “erzählendes Ich”. Ihm hat der verstorbene Schweizer Schauspieler Bruno Ganz seine unverwechselbare, ruhige, gänzlich unpathetische Stimme und Diktion geliehen.

In diesen Monolog arbeitet Hoessli verschiedenste Materialien ein: Historische Filmdokumente der Aufstände im Iran und in Polen, sowohl “offizielle” Nachrichtenbilder als auch “inoffizielle” Fotos. Viele Interviews – von damals und heute – und nicht zuletzt auch atmosphärische, teilweise mit Musik unterlegte, Impressionen der Schauplätze in der Jetztzeit. Oft sind das ruhige Totalen auf Plätze und Straßen, manchmal Großaufnahmen der Gesichter von Flanierenden, auch Blicke durch Fenster in das Innere von Restaurants und Wohnungen. Sie verleihen dem Off-Kommentar eine emotionale Echokammer.

Persönliche Verwicklung und innerer Monolog

Ausgangspunkt des Films ist Hoesslis persönliche Verwicklung in die Ereignisse während des Kampfes der „Solidarność“ für eine freie Gewerkschaft und gesellschaftliche Mitbestimmung Ende der 70er und Anfang der 80er Jahre.
Der damals 28-Jährige hatte 1978 mit einem Doktorandenstipendium an der Universität Warschau über “Machtprozesse und Entscheidungsstrukturen in der Planwirtschaft” geforscht. Sein Interesse galt aber auch dem Alltag im real existierenden Sozialismus.
So fuhr er zu einer Hochzeit auf dem Lande, die aus dem Off beschrieben wird, und er nahm an den Mai-Feierlichkeiten in Warschau teil, wenige Monate vor Beginn der Streiks.

Kurz darauf, während der beginnenden „Solidarnosc“-Bewegung, kehrte der Schweizer als akkreditierter Berichterstatter für das Zürcher „Tagblatt“ nach Polen zurück.
Wieder reiste er durchs Land – diesmal, um Kontakte zur Protestbewegung zu knüpfen. Er stand unter der Beobachtung des polnischen Geheimdienstes. Der hatte ihm – über die Botschaft in Zürich – zwar ein Arbeitsvisum ermöglicht, aber nur, um ihn dann in Polen “bearbeiten” zu können, ihn zu verfolgen und seine Kontakte abzuschöpfen. Das schildert Hoessli mit Zitaten aus den damals über ihn angelegten Akten und in Interviews mit zwei ehemaligen Geheimdienstlern.

In Warschau traf Hoessli damals den Journalisten und Schriftsteller Ryszard Kapuscinski (1932 – 2007) und liest dessen Schriften über Revolutionen, Aufstände und Revolten, Kapuscinskis zentrales Thema. Hoessli war fasziniert.

Kapuscinski wiederum reiste 1980 für die polnische Presseagentur nach Teheran, um über den sich zuspitzenden Machtkampf zwischen dem Schah-Regime und der Opposition zu berichten. So folgt ihm Hoesslis Filmessay mitten in die Islamische Revolution.

Innenansichten in Momenten des Aufbegehrens

Zwischen die ikonografischen Filmbilder der revolutionären Massen auf den Straßen Teherans, etwa nach der Ankunft Khomeinis, schneidet Hoessli ein Interview mit einer “nachgeborenen” jungen Iranerin, die ihre kindliche Wahrnehmung der Zeit schildert und ihre Irritationen angesichts der Konventionen der nach-revolutionären Gesellschaft des Iran.

Dann springt der Film erneut in die Jetztzeit und Hoesslis Blick (Kamera Peter Zwierko) streift durchs heutige Teheran. Er beobachtet organisierte Feierlichkeiten zum Jahrestag der Revolution, aber auch ganz normale Straßenszenen. Er trifft einen Journalisten, der damals Kapuscinski kennenlernte, einen oppositionellen Schriftsteller, einen ehemaligen Revolutionswächter, aber auch die damalige Botschaftsbesetzerin und jetzige Vizepräsidentin des Iran.

Mit diesen ständigen Bewegungen zwischen Orten, Zeiten und Personen entlang dem Monolog des Erzählers wird das Subjekt in der Revolte eingekreist, seine Empfindungen, Gedanken Motive.

Hoesslis Filmessay fordert vom Publikum ständige Aufmerksamkeit, über die vollen 108 Minuten. Die permanente Bewegung, die nonlineare Erzählweise, die assoziative Montage, die hinter den sachlichen Schilderungen der Ereignisse immer das psychologische Moment sucht und findet – das alles macht „Der nackte König“ zu einem anspruchsvollen Film. Er belohnt die Zuschauer*innen mit ungewöhnlichen Innensichten, berührenden Momenten und Eindrücken von Menschen in revolutionären Situationen. Der Steifen gewann den Hauptpreis des DOK.fest München 2020.

Online-Premiere: Am 10.02. 2021 ab 20:15 Uhr in Kooperation mit Altes Kino Ebersberg. Anschließend Gespräch mit Regisseur Andreas Hoessli hier im Livestream.

 

nach oben

Weitere aktuelle Beiträge

ver.di: KSK-Novelle bringt mehr Sicherheit

ver.di hat die vom Deutschen Bundestag beschlossenen Anpassungen im Künstlersozialversicherungsgesetz (KSVG) begrüßt, die am 1. Dezember im Rahmen einer umfassenden Novelle des Vierten Buches im Sozialgesetzbuch verabschiedet wurden. Es sei ein wichtiger Schritt zu mehr Fairness, dass über die Künstlersozialkasse versichert bleiben soll, wer im Hauptberuf künstlerisch oder publizistisch tätig ist, heißt es in einer Pressemitteilung.
mehr »

Umfrage: SoloS sollten mehr über Geld reden

7250 Honorardatensätze zeigen: Solo-Selbstständigkeit ist überwiegend „kein faires Geschäftsmodell“. Trotz hoher fachlicher Qualifikation und langjähriger Berufserfahrung würden Kreative nicht leistungsgerecht entlohnt. Zu diesem nicht überraschenden, doch ernüchternden Fazit kam eine Podiumsrunde im Leipziger Haus der Selbstständigen bei der Auswertung einer branchenübergreifenden Honorarumfrage, der sich 54 Gewerkschaften, Berufsverbände und Interessenvertretungen Solo-Selbstständiger anschlossen.
mehr »

Gambia: Viele Aufgaben trotz Fortschritten

Eine Delegation von Reporter ohne Grenzen (RSF) unter der Leitung von Generalsekretär Christophe Deloire hat Ende November in Gambia mit Präsident Adama Barrow die großen Fortschritte, aber auch die Defizite seines Landes in Bezug auf die Pressefreiheit diskutiert. Seit dem Sturz von Diktator Yahya Jammeh im Jahr 2017 hätten sich die Arbeitsbedingungen für Medienschaffende in dem westafrikanischen Land deutlich verbessert, heißt es in einer RSF-Pressemitteilung. Hoffnung mache zudem, dass der Mord am RSF-Korrespondenten Deyda Hydara im Dezember 2004 in Gambia aktuell vor einem deutschen Gericht aufgearbeitet wird.
mehr »

Wie Journalismus durch Krisen helfen kann

Klima, Corona, Krieg in der Ukraine – angesichts der vielen Krisen interessiert sich das Medienpublikum immer weniger für Nachrichten, denn diese machen mit ihren Negativschlagzeilen mutlos und zeigen kaum Handlungsoptionen. Der Druck auf Journalist*innen wächst, ihre Berichterstattung stärker auf die Bedürfnisse der Menschen auszurichten. Wie konstruktiver Journalismus dazu beitragen kann, diskutierten Wissenschaftler*innen und Medienpraktiker*innen auf einer Fachtagung von NDR Info und Hamburg Media School.
mehr »