Die unter anderem mit Top-Stars wie Hape Kerkeling, Fahri Yardim und Christoph Maria Herbst besetzte Verfilmung des erfolgreichen Theaterstücks „Extrawurst“ (Degeto / Lieblingsfilm) ist eine famos gespielte Satire über eine Debatte, die zum Kulturkampf eskaliert. Dabei geht es in der Jahreshauptversammlung eines Tennisclubs eigentlich nur um die Frage, ob für das einzige muslimische Vereinsmitglied ein eigener Grill angeschafft werden soll.
Natürlich haben Moritz Netenjakob und Dietmar Jacobs die Ereignisse zugespitzt, aber die Handlung wird nie zur Parodie, denn was sich die Beteiligten gegenseitig an den Kopf werfen, bleibt stets in einem realitätsnahen Rahmen.
Noch rasch den Tagespunkt „Sonstiges“ abgehandelt, dann kann endlich der gemütliche Teil der Jahreshauptversammlung beginnen. Die Wiederwahl von Heribert, seit 25 Jahren Präsident des Tennisclubs, war ohnehin bloß Formsache, ebenso wie die im Keim erstickten Bemühungen seines Stellvertreters Matthias, sich ein bisschen wichtig zu machen. Alles wie immer also; bis sich Melanie meldet. Sie hat erst kürzlich mit ihrem Doppelpartner Erol die Bezirksmeisterschaft gewonnen und ist der weibliche Star des Vereins, ihr Wort hat daher Gewicht, und ihr Anliegen ist nicht von der Hand zu weisen: Erol, einziges muslimisches Vereinsmitglied, isst kein Schweinefleisch. Das war bei den bisherigen Grillfesten offenbar nie ein Problem, aber Melanie weist auf einen Aspekt hin, der womöglich weniger bekannt ist: Erols Glaube verbietet ihm auch den Verzehr von Fleisch, das in unmittelbarer Nähe von Schweineschnitzeln und -würsten gegrillt worden ist. Sie plädiert daher für die Anschaffung eines zweiten Grills. Der scheinbar harmlose Vorschlag entpuppt sich rasch als Spaltpilz: Nun beginnt ein Hauen und Stechen, in dessen Verlauf bildlich gesprochen im Vereinsheim kein Stein auf dem anderen bleibt.
Die Komödie basiert auf dem bereits 2019 entstandenen sehr erfolgreichen Theaterstück von Moritz Netenjakob und Dietmar Jacobs. Die beiden haben auch das Drehbuch gemeinsam verfasst. Im Grunde brauchten sie nicht viel zu ändern. Der Film ist ebenfalls äußerst textreich. Trotzdem haben es Marcus H. Rosenmüller und sein Kameramann Daniel Gottschalk klug vermieden, „Extrawurst“ wie eine Bühnenadaption wirken zu lassen, obwohl sich die Handlung überwiegend im Vereinslokal abspielt. Kleine Schauplatzwechsel in die Tennishalle oder die Werkstatt genügen, um nicht zuletzt dank witziger Slapstick-Elemente auch optisch Dynamik in die inhaltlich ohnehin zunehmend turbulente Handlung zu bringen.
Melanies Anregung hat zur Folge, dass nicht für möglich gehaltene Ressentiments zur Sprache kommen, weil sich unter dem Firnis des guten Miteinanders Abgründe von Klischees und Vorurteilen offenbaren: Nach einigem Hin und Her gilt Erol (Fahri Yardim), dem die Diskussion äußerst unangenehm ist, bloß noch als „der Türke“, während sich Matthias (Friedrich Mücke) in der Neonazi-Schublade wiederfindet. Aus der Debatte ist ein Streit um kulturelle Identität und Weltanschauungen geworden. Melanie (Anja Knauer) wird das Mitspracherecht abgesprochen, weil sie und ihr fortwährend Sprüche klopfender Gatte Torsten (Christoph Maria Herbst) bloß Zugereiste sind. Einzig Matthias’ Mutter (Gaby Dohm) hat aus ihrer Deutschtümelei anscheinend noch nie einen Hehl gemacht, weshalb sie spontan in Beifall ausbricht, als sich ausgerechnet der schließlich doch noch in Rage geratene Erol zu einer fremdenfeindlichen Äußerung hinreißen lässt.
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Zunehmend zur tragischen Figur der Ereignisse wird jedoch Heribert (Hape Kerkeling), der seinem Nachnamen Bräsemann anfangs alle Ehre macht und sich im Auge dieses Sturms zunächst in Sicherheit wähnt: Der Präsident, so steht zu vermuten, hat bislang noch jeden Konflikt wegmoderiert. Diesmal jedoch entgleitet ihm die Debatte umgehend; da kann er noch so oft das friedliebende Clubmotto zitieren. Weil auch seine wiederholten Versuche, die Wogen mit einem Witz zu glätten, kläglich scheitern, und sich die Mitglieder schließlich gar an den Kragen gehen, bleibt ihm nur der spontane Rücktritt; aber das ist selbstredend noch lange nicht das Ende der Geschichte.
Rosenmüller wird immer noch gern auf sein 2007 mit dem Deutschen Filmpreis für die beste Regie und das beste Drehbuch ausgezeichnetes Debüt „Wer früher stirbt ist länger tot“ reduziert, hat aber mit dem Fußballfilm „Trautmann“ (2018) ein großes Drama über Triumph und Tragödie gedreht. „Beckenrand Sheriff“ (2021) war eine mitreißende Komödie über einen mürrischen Schwimmmeister, der sein Freibad retten will. Milan Peschel, der selbst dann komisch ist, wenn er bloß zum Fenster reinschaut, hat als Hausmeister und Pausenclown auch in „Extrawurst“ eine Minirolle.
Darstellerisch ist die Satire ohnehin ein großes Vergnügen, aber ihr Prunkstück sind die Dialoge, weil das erfahrene Autorenduo instinktsicher auf einem sehr schmalen Grat wandelt. Natürlich haben Netenjakob und Jacobs die Entwicklung zugespitzt, doch die Handlung wird nie zur Parodie, denn was sich die Vereinsmitglieder gegenseitig an den Kopf werfen, bewegt sich stets in einem realitätsnahen Rahmen: Exakt solche Gespräche gibt es inklusive der oft gar nicht bös’ gemeinten gedankenlosen Diskriminierungen tagtäglich.
„Extrawurst“. Deutschland 2025. Buch: Moritz Netenjakob & Dietmar Jacobs. Regie: Marcus H. Rosenmüller. Kinostart: 15. Januar 2026
