Filmtipp: Gemeinsam gegen Machtmissbrauch

Aus dem Filmtrailer. Screenshot: YouTube

Einzig mit einem kargen Theatersaal als Bühne lenkt der Dokumentarfilm „The Case You“ den Fokus komplett auf seine fünf Protagonistinnen. 2015 mussten sie bei einem Casting Machtmissbrauch und Übergriffe erleben. Gemeinsam mit diesen fünf Frauen findet die damals ebenfalls betroffene Regisseurin Alison Kuhn eine eindringliche Erzählform. Sie berichten nicht nur vom erfolgten Machtmissbrauch, von Hilflosigkeit und Wut, sondern zeigen, wie Kunst auf Augenhöhe möglich ist.

Vielleicht fand das Casting in einem ähnlichen Raum statt wie dem Theatersaal der Filmuniversität Babelsberg, an der Kuhn seit 2018 studiert, und der zum hermetischen Raum ihres Dokumentarfilms wird. „Als junge Schauspielerin wollte ich meine neue Position hinter der Kamera nutzen, um meine Kolleg*innen zu unterstützen und ihren Stimmen eine öffentliche Plattform zu geben“, sagt die Regisseurin. Solche Stimmen braucht es dringend, denn allzu lange war im Namen der Kunst viel zu viel möglich. Medien reproduzierten zu gerne den voyeuristischen Thrill, wenn Schauspieler*innen bis zur Selbstaufgabe ihre Rollen ausfüllen im Namen einer vermeintlichen Authentizität. Seit 2017 wurde unter #MeToo noch längst nicht alles davon aufgearbeitet.

Kuhn und die Protagonistinnen sind nur sechs Schauspielerinnen von vielen, die 2015 für die gleiche Rolle vorsprechen. Der Regisseur und das Casting-Team manipulieren die teils noch minderjährigen Frauen perfide und sie werden ohne Absprachen eins-zu-eins jener Übergriffigkeit und Angst ausgesetzt, die eigentlich nur Teil der Rollenbiografie sein dürften. Niemand half den Darstellerinnen. „Die haben da einfach zugeschaut“, sagt Protagonistin Aileen Lakatos in „The Case You“. Und das ist wohl das Erschreckendste daran.

Regie implementiert immer ein diametrales Machtverhältnis, und genau darum darf es nicht ausgenutzt werden. Wenn Alison Kuhn nun ihre Rolle von Schauspiel zu Regie umkehrt, dann nimmt sie nicht einfach nur auf dem Regiestuhl Platz. Ihr Dokumentarfilm gelingt gerade deshalb, weil sie die anderen Frauen einlädt mitzugestalten. Selbstbestimmt berichten sie von den Geschehnissen. Kuhns Film vermittelt die Beklemmung, das Entsetzen und die Scham der Frauen, lässt aber Zuschauenden wie Protogonist*innen Zeit, die unterschiedlichen Aspekte zu verarbeiten. Die Darstellung des Missbrauchs im Film wird so zu einem Akt der Selbstermächtigung und zeigt dem Publikum, was Consent bedeutet.

Die Erleichterung, das abschließen zu können, spürt man beim Zuschauen. Doch dann setzte der Regisseur den Übergriff auf einer zweiten Ebene fort. Nur durch Zufall fanden die Frauen einige Jahre nach dem Casting heraus, dass der Regisseur ihre Aufnahmen in einen Dokumentarfilm über das Casting geschnitten hat und so die Nötigung der Frauen auch noch öffentlich gezeigt werden sollte. Die fünf Protagonistinnen und die Regisseurin verweigern sich Zuschreibungen, klagen an und erzählen ihre Geschichte. „The Case You“ benennt den Regisseur nie. Wir sollten es halten wie bei Amokläufern. Vergrößern wir nicht den vermeintlichen Ruhm für ihr toxisches Verhalten. Nennen wir lieber die Namen Isabelle Bertges, Gabriela Burkhardt, Aileen Lakatos, Lisa Marie Stojčev, Milena Straube und Regisseurin Alison Kuhn, die in einem gemeinsamen Schaffensprozess wirklich Selbstermächtigung und Kunst erschaffen haben.

„The Case You. Ein Fall von vielen“, eine Produktion der Filmuniversität Babelsberg Konrad Wolf, läuft ab 10. März in den deutschen Kinos.

 

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