Filmtipp: Niemals allein, immer zusammen

marx Engels Niemals allein

NIEMALS ALLEIN, IMMER ZUSAMMEN. Foto: Neue Visionen

Krisen, Kriege, Katastrophen: Die Welt scheint im Ausnahmezustand. Allerdings haben das noch nicht alle gemerkt; oder sie wollen es nicht wahrhaben. Die einen leugnen den Klimawandel, die anderen haben Angst vor Veränderungen. Das sind denkbar schlechte Voraussetzungen für die dringend notwendigen Transformationen in nahezu allen gesellschaftlichen Bereichen. Kein Wunder, dass diejenigen, die morgen ausbaden müssen, was heute verpasst wird, die Geduld verlieren. „Niemals allein, immer zusammen“ gibt ihnen Gesicht und Stimme.

Der ohne Fördermittel oder Fernsehgelder zustande gekommene Dokumentarfilm zeugt gerade für ein Erstlingswerk von erstaunlich viel Selbstvertrauen und Souveränität; aber vielleicht liegt das auch an dem Quintett, das Joana Georgi porträtiert. Unter anderen Umständen könnte sich die Bezeichnung „filmisches Denkmal“ aufdrängen, doch in diesem Zusammenhang würde sie deplatziert wirken. Vermutlich wären Quang, Patricia, Simin, Zaza und Feline damit auch gar nicht einverstanden: weil das, was sie tun, für sie selbstverständlich ist. Ältere werden sich angesichts des Engagements womöglich mit einer gewissen Wehmut an Parolen der eigenen Jugend erinnern: „Wer sich nicht wehrt, lebt verkehrt“.

Filmplakat NIEMALS ALLEIN, IMMER ZUSAMMEN.
NIEMALS ALLEIN, IMMER ZUSAMMEN. Foto: Neue Visionen

Umweltschutz, Feminismus, Antirassismus

Zusammenstöße mit der Polizei waren schon früher nicht lustig. Trotzdem hatte der Widerstand bei allem Ernst, der die Jugend auch damals bewegte, eine spielerische Komponente: Es ging um viel, aber viele wollten dennoch vor allem ihren Spaß haben. Das ist heute anders; heute geht es um alles. Zwar enthält auch Georgis Film einige witzige Momente, etwa bei der Produktion von Patricias TikTok-Videos, aber davon abgesehen ist Quang, Patricia, Simin, Zaza und Feline nicht zum Lachen zumute. Dafür vermittelt „Niemals allein, immer zusammen“ mit umso mehr Nachdruck ein Gefühl, für das auch der Titel steht.

Die fünf repräsentieren Initiativen, die sich für Umweltschutz, Feminismus, Antirassismus und soziale Gerechtigkeit einsetzen. Quang ist Sprecher von „Fridays for Future“, Patricia ist Mitglied von „Deutsche Wohnen & Co. enteignen“, Zaza kämpft in der Krankenhausbewegung für bessere Bedingungen in der Pflegearbeit, Simin und Feline engagieren sich für die Aufarbeitung rassistisch motivierter Gewalt. Aber sie sind auch miteinander befreundet, und das ist das Besondere an diesem Film: Er stellt keine Organisationen vor, sondern die Menschen, die sie bilden. Wenn sie sich treffen, geht es um ihre Arbeit, aber eben auch um die Kraft, die sie aus den gemeinsamen Begegnungen schöpfen.

Über Visionen, Utopien und das Kämpfen

Georgi hat den neunzig Minuten eine kalendarische Struktur gegeben. Sie hat die Gruppe von Januar bis Dezember 2022 begleitet und konzentriert sich dabei nacheinander auf die Mitglieder, die aus dem Off über ihre Arbeit und ihre Visionen berichten. Schon zum Auftakt wird es sehr persönlich: Feline gestaltet „extravagante Cakes“ für Menschen, die sich Kuchen nicht leisten können. Was sie dabei kreiert, ist zweifelsohne Kunst. Georgi zeigt, wie sie eine Torte im Gedenken an die Opfer der Morde von Hanau entwirft, während sie ihrer Tochter die Hintergründe erläutert; „Kämpfen und Erinnern“ steht auf dem Backwerk. Auch in den anderen Kapiteln vermitteln sich die Motive meist über Gespräche, wenn sich Patricia zum Beispiel mit einem Mitstreiter austauscht. Georgi führt sie mit dem feministischen Klassiker „Brot und Rosen“ ein, Patricia singt das Lied mit einer Freundin. Auch die weitere Musikauswahl ist sehr sorgfältig.

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Die lautesten Auftritte hat Simin, die bei verschiedenen Kundgebungen ihrem Zorn über die vielen Ungerechtigkeiten in diesem Land freien Lauf lässt. Verglichen mit ihrer Vehemenz ist ver.di-Mitglied Zaza zwar eher still, aber nicht minder klar in der Sache. Gemeinsam stehen sie zudem für einen neuen Geist: Außerparlamentarische linke Bewegungen haben sich traditionell gegen Strukturen gewehrt, weil schon der Anflug jeder Form von Autorität Aversionen verursachte. Angesichts der Vernetzung rechtsextremistischer Organisationen kann sich die Demokratie den Luxus, dass alle ihr eigenes Süppchen kochen, jedoch nicht mehr leisten. Wenn wir uns zusammenschließen, appelliert Simin ans Publikum, „haben wir eine Welt zu gewinnen.“ Angesichts dieser Botschaft fällt kaum ins Gewicht, dass die Berichte der Beteiligten mitunter vorgelesen klingen.


„Niemals allein, immer zusammen“. D 2024. Buch, Regie und Produktion: Joana Georgi. Kinostart: 13. Juni

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