Seit November vergangenen Jahres läuft ein neuer Journalismus-Pilot in Zwenkau bei Leipzig. In zehn weiteren sächsischen Landkreisen will das Projekt „Bürger machen Journalismus“ Menschen aus ländlichen Regionen dafür gewinnen, sich journalistisch mit Themen aus ihrem Umfeld zu beschäftigen. Das Projekt der Universität Leipzig will Medienmisstrauen begegnen, indem es Bürger*innen ermöglicht, selbst in die Rolle eines Journalisten zu schlüpfen.
Gecoacht von Janett Vogelsberg, die als Journalistin und Moderatorin unter anderem für den Mitteldeutschen Rundfunk (MDR) arbeitet, erstellen im ersten Durchlauf sieben Bürgerinnen und Bürger aus Zwenkau und Umgebung in den kommenden drei Monaten eigene journalistische Beiträge – von der ersten Idee über die Recherche bis hin zur Veröffentlichung.
Journalismus entdecken – mit frischem Blick
Beim Auftaktworkshop im KulturKino Zwenkau standen neben einer Einführung in journalistische Arbeitsweisen Austausch und gemeinsame Ideenentwicklung im Vordergrund. Die Teilnehmenden diskutierten, welche Themen ihnen vor Ort wichtig sind und wie sie diese journalistisch angehen können. Coach Janett Vogelsberg zog ein positives Fazit und äußerte Vorfreude auf die kommenden Monate: „Wir werden gemeinsam den Journalismus entdecken – mit frischem Blick, sozusagen.“
Auch die Teilnehmenden selbst zeigten Motivation und Vorfreude. „Mich interessiert das Projekt, weil ich das Handwerkszeug des Bürgerjournalismus erlernen und Menschen kennenlernen möchte, die das gleiche Ziel haben“, freut sich Teilnehmerin Luise Hartung. So wie sie könnten in den kommenden dreieinhalb Jahren weitere 350 Interessierte in einer der 70 geplanten Gruppen journalistische Erfahrungen machen.
Misstrauen und fehlende Selbstwirksamkeit
Zwenkau habe ihr Mut gemacht, erklärt Judith Kretzschmar, Leiterin des Projekts von der Universität Leipzig und zeigt sich positiv überrascht sowohl über die Altersspanne, die zwischen 18 und 71 liegt und darüber, dass zahlreiche Frauen an dem Projekt teilnehmen. Auch dass zahlreiche Profis aus dem Journalismus als aktive Gruppen-Coaches ihre Unterstützung zugesagt haben, freut sie sehr. Nicht zuletzt ist der DJV Sachsen als Verband und Projektpartner mit im Boot.
Grundsätzlich, fügt sie hinzu, sei es bislang jedoch eher schwierig gewesen, Bürger*innen für die Idee des Bürgerjournalismus zu begeistern. Dies beschäftige sie derzeit „Tag und Nacht“, erzählt sie. Dass es nicht gerade leicht sei, Menschen überhaupt anzusprechen, habe zum einen mit ländlichen Regionen zu tun: „Wo nichts ist, ist es auch schwer, an etwas anzuknüpfen“, meint Kretzschmar. Trotzdem würden die Projektmitarbeitenden regelrecht „kleckern“ gehen: „Volkshochschulen, Kirchenchöre, soziokulturelle Zentren, Amtsblätter – wir suchen überall nach interessierten Menschen ab 18 Jahren und nach Multiplikatoren, aber der Rücklauf ist bisher gering“, berichtet die Projektleiterin.
Sie betont : „Wir hoffen, dass sich diese Anlaufprobleme im Laufe des Projekts mit zunehmender Bekanntheit von ‚Bürger machen Journalismus‘ verringern werden.“ Dabei sei das Projekt den Mitarbeitenden eine „echte Herzenssache“ und für die Teilnehmenden sowohl mit viel Wertschätzung als auch einer kleinen Aufwandsentschädigung verbunden. Aber viele Menschen scheinen sich im Unzufriedensein eingerichtet zu haben und „meckern, aber wollen nicht unbedingt etwas daran ändern“.
Dieser Eindruck führt auch zum Ausgangspunkt des Projekts. Es sind die Ergebnisse der im Februar 2025 veröffentlichten Studie „Von Lügenpresse und abgehobenen Eliten – Journalismus- und Demokratievertrauen in Sachsen“. Sie zeigt einen deutlichen Wunsch der Bevölkerung nach stärkerer Beteiligung und nach mehr lokal verankerten Themen. Gleichzeitig wurde hier eine große Distanz zu professionellen Journalistinnen und Journalisten sichtbar.
Journalismuskompetenz für alle
„Bürger machen Journalismus“ will hier praktisch ansetzen und einen Beitrag zum Abbau von Medienmisstrauen leisten. „Es geht nicht um Medienkompetenz, sondern eher um Journalismuskompetenz“, meint Judith Kretzschmar. Denn die Menschen könnten schließlich sehr wohl mit Kommunikationselektronik umgehen.
Dass im Hintergrund auch eine wissenschaftliche Auswertung durch die Förderung der Volkswagen Stiftung gewährleistet ist, ermögliche laut Kretzschmar eine tiefergehende Beschäftigung mit der Frage, warum die Schwelle zum Engagement so hoch ist und erlaube es, die „Learnings“ zu vervielfältigen und weiterzutragen. „Es zeigt auch den hohen Anspruch, den alle Projektbeteiligten verfolgen.“

