Möglicher Foto-Fake der Wrights

Foto: pixabay

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Fake News scheinen ein Phänomen unserer Zeit. Doch glaubt man John Brown, dann hielt sich eine Fälschung sage und schreibe 118 Jahre lang. An der Hochschule München präsentierte der diplomierte Fotograf, Flughistoriker und Pilot im Januar ein schier unglaubliches Foto.

Fast 90 Minuten lang sezierte John Brown „eines der berühmtesten Fotos der Welt“, nämlich jenes vom 17. Dezember 1903, das den ersten, über 120 Feet weiten Motorflug der Geschichte zeigen soll.

Unbestritten sind auf dem Foto zu sehen: Orville Wright auf dem Fluggerät Flyer I, sein Bruder Wilbur rechts davon im Sand des Strands von Kitty Hawk in North Carolina und eine kleine Sitzbank, die mitten in der Szene steht. Doch Brown zeigt vor allem auf die Schatten des Fliegers, der Personen und der Bank: Denn die weisen in verschiedene Richtungen.

Vor etwa sechs Wochen hatte er jenen „Gänsehautmoment“, als ihm auf einmal ein Licht aufging – oder besser: Jene verschiedenen Schattenverläufe. Und seitdem habe er selbst lang sehr genau hingeschaut. „123, nein 119 Jahre hat das niemand gemerkt“, erklärte der Flughistoriker. Denn das Foto hatten die Wrights nicht gleich nach dem selbst proklamierten Erstflug vom 17. Dezember 1903 öffentlich gemacht, sondern erst vier Jahre später. Tatsächliche Zeugenaussagen zu dem Flug gibt es laut Brown ohnehin nur zwei: die eines 17-Jährigen, der auch das Foto gemacht haben soll – und eines Herrn, der bestätigt, dass er „das Gleiche wie der Junge gesehen“ habe.

Sind die Wrights geflogen?

Brown, der am New York Institute of Photography zum Fotografen ausgebildet wurde, hat sich deshalb mithilfe modernster Technik intensiv mit besagtem, zigtausendfach öffentlich verfügbaren Wright-Foto befasst. Er gibt zu: Auch er vermutete bisher eher Verschwörungserzählungen hinter Aussagen, die Wrights seien damals gar nicht geflogen. Doch nun tat er das, was gemeinhin gemacht wird, um Fake-Fotos zu erkennen: Er suchte nach Sachen, die nicht da sein sollten – und nach Schatten, die in die falsche Richtung zeigen.

Und tatsächlich: Er fand auf dem Foto Dinge an Stellen, „wo sie nicht sein dürften“. Beispielsweise ein Stück Startschlitten, der unten am Flugzeug zu sehen ist – obwohl es in der Luft sein soll. Das konnte er aus Vergleichsfotos mit dem am Boden stehenden „Flyer“ herausfinden.

„Die Digitalisierung ermöglicht es heutigen Forschern, technische Details und Einzelheiten hinsichtlich der Bestandteile, die vorher unklar waren, zu erkennen“, hob John Brown die Vorteile moderner Analysetechnik hervor. Damit erkannte er auch, dass die Kufen auf dem Bild gebogen sind – was nur unter Last der Fall sei, also wenn die Maschine am Boden wäre.

Dass die eingesetzte „Korona“-Glasplatten-Kamera an diesem trüben Tag gar keine solch scharfen Flugbilder hätte produzieren können – auch das erläuterte Brown ausführlich. Wie er ebenso Details zum falschen Horizontverlauf und mehr analysierte.

Merkwürdige Schatten

Nicht zuletzt aber waren es die Schatten, die für den Foto-Analytiker ein untrügliches Zeichen darstellen: „Da sind zwei Aufnahmen übereinander gelegt.“ So verläuft dieser bei Wilbur Wright, der am Boden steht, nach links; bei Orville auf dem Flieger werfen die Schuhe ihre Schatten nach rechts. Also müsse die eine Aufnahme vormittags, die andere nachmittags gemacht worden sein, so John Browns eindeutige Schlussfolgerung. Und er nennt die Wrights deshalb nun „Hochstapler“. Kein Wunder also, dass Browns letzter Satz im als „Plädoyer“ bezeichneten Vortrag war: „Glauben Sie nur, was Sie sehen!“

Vom Deutschen Museum, dem bekannten Münchener Technik-Tempel, der bislang die Wrights als die ersten Motorflieger benennt, wollte man sich nicht zu Browns Sezierungen äußern: Man kenne „bislang die Beweisführung nicht“, hieß es auf unsere Nachfrage.

Den dort Verantwortlichen ist hingegen sehr wohl bekannt: John Brown ist seit langer Zeit davon überzeugt, dass nicht die Wrights, sondern der in Leutershausen geborene Gustav Weißkopf der weltweit erste Motorflieger war. Denn nicht nur für den Flughistoriker steht fest: Erste Flüge des in Leutershausen geborenen Gustav Weißkopf, der sich in den USA Gustave Whitehead nannte, haben zwei Jahre vor den Wrights stattgefunden.

Über Weißkopfs Erstflug am 14. August 1901 bei Fairfield im US-Bundesstaat Connecticut sind allein in den folgenden viereinhalb Monaten 1183 Zeitungsartikel weltweit erschienen. Auch das hat John Brown herausgefunden – durch einfache Online-Recherche übrigens. Trotzdem wird bis heute vielfach behauptet, es gebe nur einen Beitrag vom 18. August 1901 im Sunday Herald.

Und auch das ist weniger bekannt: Während der Weißkopf-Nachbau „21B“ am 4. Oktober 1999 auf einem oberbayerischen Militärflugplatz seine Flugfähigkeit bewies, stellte eine Wissenschaftlergruppe des US- Berufsverbands für Luft- und Raumfahrttechnik AIAA im Jahre 2003 im NASA-Windkanal dem Originalnachbau des „Flyer“ das Prädikat aus: „Unstabil bei jeder Geschwindigkeit.“ Könnte womöglich ein genauer Blick auf die Glasplatte jenes Fotos, das den Flug der Wrights am 17. Dezember 1903 über den Strand von Kitty Hawk zeigen soll, das Geheimnis endgültig lüften?

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