Rassismus in den Kommentarspalten

Foto: Neue deutsche Medienmacher*innen

Wenn Redaktionen in ihren Social-Media-Posts mit reißerischen Fragen und Generalisierungen arbeiten, kommen aus der Leserschaft häufiger rassistische Kommentare als wenn die Journalist*innen Kontext liefern. Das ist ein zentrales Ergebnis des Monitoring-Projekts „Better Post“, das die Neuen deutschen Medienmacher*innen (NdM) im September 2021 mit ihren Partnern im „Kompetenznetzwerk gegen Hass im Netz“ starteten, denn: „Rassismus darf kein Clickbait sein“.

„Nach einer quantitativen Analyse 2022 beobachten wir jetzt laufend die Mediendiskurse qualitativ-vertiefend“, erläutert Jutta Brennauer im Gespräch mit M. Die jüngste Debatte habe sich um den rassistischen Begriff „Talahon“ gedreht, der „zum Glück nicht Jugendwort des Jahres wurde“. Er trendete im Sommer auf TikTok und einige Medien berichteten über diese Fremdbezeichung, vor allem für muslimische Männer, oft nur im Sexismus-Frame, kritisiert sie. Zusammen mit Eda Öztürk und Judith Höllmann ist Brennauer bei den NdM zuständig für das Projekt, zu dem auch Workshops zur Sensibilisierung und Beratung von Journalist*innen gehören.

Sie seien auf journalistischen Fachkonferenzen gewesen wie der ver.di-Sommerakademie #krassmedial, in der RTL-Journalistenschule oder beim ZDF und der „Spiegel“-Bildredaktion.

Von Mai bis November 2022 hatten die NdM zusammen mit Datenanalyst*innen und migrantischen Selbstorganisationen etwa 1.800 Medien-Posts über die Einwanderungsgesellschaft und 85.000 Kommentare auf Twitter und Instagram unter die Lupe genommen. Sie identifizierten 761 rassistisch konnotierte Schlagwörter, Frames und Narrative. In den redaktionellen Posts tauchte „Ausländerfeindlichkeit“ am häufigsten auf, gefolgt von „Clan“ und „Remigration“. In den Kommentaren stand „dunkelhäutig“ an erster Stelle, auf Platz zwei und drei kamen „Clan“ und „Asylanten“.

Kontext liefern und W-Fragen beantworten

Bei der Analyse der rhetorischen Mittel, mit denen Rassismus im Netz verbreitet wird, wurden Zusammenhänge zwischen Posts und Kommentaren deutlich. Wenn es in den Posts polarisierende Fragen gibt, finden sich darunter mehr rassistische Kommentare, „denn Fragen motivieren zum Antworten“, so Öztürk im #krassmedial-Workshop. Auch unter Posts mit Generalisierungen von migrantisierten Communities außerhalb der weißen Mehrheitsgesellschaft gibt es mehr rassistische Kommentare. Als die „Welt“ am 8. April 2024 postete: „Alarmierende Zahlen: Wie bekommen wir die zunehmende Ausländerkriminalität in den Griff?“ gab es Kommentare wie „AfD wählen, Grenzen schließen, abschieben!“ oder „Remigration und Deislamisierung!“

Weniger rassistische Kommentare entdeckten sie, wenn durch Beantwortung der W-Fragen (wer, wann, wo, was, wie, warum) mehr Kontext geliefert wurde und weniger Spielraum für rassistische Interpretationen bleibe. So wurde der „Zeit Online“-Post „Polizeiliche Kriminalstatistik: Es ist bizarr, wie die Zahlen überinterpretiert werden“ kommentiert mit „Bravo – genau das!“ oder „Genau so geht korrektes journalistisches Arbeiten. Danke!“

Europaweite Hassdynamiken erkennen

Die qualitative Beobachtung von Mediendiskursen starteten die Medienmacher*innen 2023 als Teil des europäischen Monitoring-Projekts „Get the Trolls Out“, das vom Media Diversity Institute geleitet wird. Hier geht es darum, länderübergreifende Hassdynamiken, Desinformationsnarrative und Verschwörungsideologien zu identifizieren. Die NdM nehmen die Berichterstattung in Deutschland unter die Lupe und vergleichen sie vor allem mit medial vermitteltem antimuslimischen und antisemitischen Hass in Belgien, Frankreich, Moldawien, Polen, UK und Ungarn.

Auf die Frage nach Parallelen nennt Jutta Brennauer im M-Gespräch die „Ramadan-Beleuchtung“ in Köln und Frankfurt am Main, die „im Vergleich zur Weihnachtsbeleuchtung von einigen Medien zum Skandal aufgeblasen wurde“. Die Welt postete am 11. März „Europa ist kein Ort, wo der Islam zu Hause ist“ und erhielt in den Kommentaren viel Zuspruch wie „Richtig und wichtig“ oder „Ramadan gehört nicht zu Deutschland und wird es auch nie!“ Mit Verweis auf Deutschland sei die Ramadan-Beleuchtung dann auch in polnischen und ungarischen Medien als „Zeichen für die Islamisierung des Abendlandes“ gedeutet worden.

Teilweise schwerer zu erkennen seien rechtsextreme Narrative, die gegen Juden und Jüdinnen hetzen, so Brennauer. Da Antisemitismus in Deutschland auch strafrechtlich verfolgt wird, hätten Rechtsextremist*innen gelernt, antisemitische Narrative in Kommentarspalten etwa mittels Emojis zu kodifizieren, sodass sie nur mit Szenewissen erkennbar sind.

Diversitätspolitische Strategien

Aus den Monitoring-Ergebnissen entwickelten die NdM „Tipps für Journalismus auf Social Media“ wie „Texte informative Titel und verzichte auf spalterischen Fragen!“ Mit Verweis auf das NdM-Glossar empfehlen sie, bei der Wortwahl Selbstbezeichnungen zu nutzen. Zitate sollten überprüft werden und bei Falschaussagen gelte es, sie mit dem „Wahrheitssandwich“ zu widerlegen: Wahrheit – die Falschaussage – Wahrheit und Kontext! „Bilder sollen repräsentieren statt markieren“ bedeutet Menschen unterschiedlicher Altersgruppen, Religionen, Lebensstile oder Geschlechtsidentitäten in wechselnden Lebenssituationen zu zeigen, statt Klischees zu bedienen. Dafür wird auf alternative Bilddatenbanken verwiesen.

Um rassistische Kommentare zu bremsen, sei auch ein gutes Community-Management mit Moderation der Userspalten wichtig, so Öztürk: “Man kann seine Community pflegen und erziehen – durch Löschen, Sperren und Kommentieren.“ Sie nannte Beispiele wie “Cosmo“ oder „News WG“ des BR. Tipp der NdM: „Zeig Haltung und argumentiere dagegen, wo es sich lohnt! Melde Kommentare, die gegen Community-Standards verstoßen bei der Plattform und/oder zeige sie bei der Polizei an!“

Das „Better Post“-Projekt wird bis Ende des Jahres vom Bundesprogramm „Demokratie leben!“ gefördert. Brennauer hofft, dass es 2025 weitergeht – zumal ihre Workshops immer gefragter sind: „Wir müssen inzwischen nicht mehr Klinken putzen, sondern werden eingeladen“, sagt sie – etwa vom ZDF nach ihrem Workshop „gegen Hass, der k(l)ickt“ auf der diesjährigen re:publica. Die NdM wollen ihre Fortbildungen weiterentwickeln und Medienpartnerschaften anbieten. Chefredaktionen werden dann diversitätsstrategisch beraten und ihre Mitarbeitenden weitergebildet.

 

 

 

 

 

 

 

 

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