Traditionelle Medien zu wenig divers

Symbolbild: 123rf

Vielfalt in traditionellen Medien ist gefährdet – durch Chefetagen, die überdurchschnittlich mit weißen Männern besetzt sind. Dazu kommt eine zunehmend stärker werdende Berufsflucht. Daneben entsteht ein „peripherer Journalismus“ – entweder mit einem hohem Anspruch an Diversität oder andererseits sehr eingeschränkter Vielfalt. Das Meinungsspektrum verschiebt sich von „migrantischen zu ultrakonservativen Stimmen“. Schlaglichter auf die kritisch-konstruktive Tagung „Diversität und Geschlecht im Journalismus“.

Unter „Diversität“ verstehen marginalisierte Gruppen eine bessere demokratische Repräsentation. Für den Journalismus bedeutet das: Wenn sich diese Repräsentation in traditionellen Medien trotz neuer Formate und Rekrutierungspraxen nicht findet, werden neue digitale Kommunikationsstrukturen genutzt. Mit dem politischen Rechtsruck gibt es in Deutschland allerdings nicht nur mehr Diversität, sondern zugleich die Bekämpfung von Vielfalt.

Diversität bezeichnet die Vielfalt menschlicher Identitäten, die sich aus Geschlecht, sozialer und ethnischer Herkunft, Alter oder sexueller Orientierung zusammensetzen und in ihrer Verschränkung mit Fragen der Gerechtigkeit und Macht verbunden sind. Das betrifft sowohl das Berufsfeld als auch die Berichterstattung und ihr Publikum.

Weiße Männer in den Chefetagen

Was intersektionale Vielfalt für Positionierungen im journalistischen Berufsfeld bedeutet, demonstrierte auf der Tagung unter anderem der Medienforscher Andreas Riedl für Österreich. Am Beispiel der Dimensionen Gender, soziale Herkunft und (post)migrantische Biografie zeigte sich mithilfe von Daten der Worlds of Journalism Studie, dass die Geschlechteranteile in der Gesellschaft sich auch im Journalismus widerspiegeln. Migrant*innen und Menschen mit niedrigem sozialen Status sind aber stark unterrepräsentiert. Journalist*innen aus den oberen Schichten sind demgegenüber überproportional vertreten und stellen die Hälfte des Personals.

Die männliche Geschlechtszugehörigkeit erweist sich als einzige Vielfaltsdimension, die sich positiv auf die Positionierung im Journalismus auswirkt – innerhalb der Hierarchie, bei inhaltlicher Gestaltungsfreiheit und beim Einkommen. Riedl stellte fest, dass die geringere Vertretung von Menschen aus niedrigeren sozialen Schichten und mit Migrationshintergrund im Journalismus – gemessen an ihrem Bevölkerungsanteil – mit ihrer Positionierung im Berufsfeld zusammenhängt. Er resümierte, es gebe „ massive Repräsentationsdefizite bei sozialer Herkunft und migrantischer Biografie“.

Jetzt bleiben nur die Alten und Dummen.“

Mit der zunehmenden Berufsflucht befasst sich die Kommunikationswissenschaftlerin Jana Rick in ihrer Dissertation. Sie stellte Teilergebnisse zu Geschlecht und Diversität vor. In Deutschland denke demnach ein Viertel aller Journalist*innen über einen Jobwechsel nach. Frauen betrifft das häufiger, da sie prekärer beschäftigt sind.

Aus problemzentrierten Interviews mit ehemals hauptberuflich tätigen Journalist*innen zwischen 25 und 62 Jahren ging hervor, dass sie in die PR, Marketing, Wissenschaft, Bildungswesen und Verwaltung gewechselt sind, mitunter als Hochzeitsredner oder Reiseleiterin arbeiten. Sie nannten vier wesentliche Gründe für ihren Berufsausstieg. Da ist zunächst die Unzufriedenheit mit der journalistischen Arbeit, aber auch mit den Arbeitsbedingungen: Zeit, Belastung, Bezahlung. Bei Freien kommen noch Existenzsorgen und Unsicherheit hinzu. Bemängelt wurde auch die Unvereinbarkeit von Beruf und Familie – wegen der Arbeitszeiten, der geringen Bezahlung und mangelnder Planbarkeit. Nur Frauen nannten Ungleichheitserfahrungen: verbale oder sexistische Belästigung, Diskriminierung am Arbeitsplatz durch Mobbing aufgrund von Migrationshintergrund oder Alter.

Rick resümierte, dass es individuelle und strukturelle Gründe für den Berufsausstieg gibt: schlechte Bezahlung, Familienunvereinbarkeit, aber auch Ungleichbehandlung wegen Geschlecht und Alter, die insbesondere Frauen aus dem Beruf treiben. Zu fragen sei, so die Forscherin, ob der Journalismus sich zu einem elitären Beruf für Privilegierte entwickle, der nur in bestimmten Lebensphasen ausgeübt werden könne, sodass eine Diversität in der Redaktion gefährdet sei. Sie schloss mit einem provozierenden Zitat, das von einer ihrer Interviewten stammt: „Jetzt bleiben nur noch die Alten und die Dummen!“

Mehr Vielfalt im „peripheren Journalismus“ ?

Journalist*innen verlassen traditionelle Medien auch, um „Minderheiten eine Stimme zu geben“ und „die Gesellschaft in ihrer Vielfalt zu repräsentieren“. Ob diesen „peripheren Akteur*innen“ das gelingt, untersuchten die Wiener Medienforscherinnen Phoebe Maares und Kim Löhmann anhand des wechselseitigen Selbst- und Fremdbildes. Sie interviewten zwischen Mai 2023 und Juli 2024 insgesamt 101 Journalist*innen in Österreich, die in peripheren und traditionellen Medien über Politik, Wirtschaft, Lifestyle oder Sport berichten.

Kommerzielle Orientierung traditioneller Medien

Periphere Journalist*innen kritisierten die kommerzielle Orientierung traditioneller Medien, die große Bevölkerungsteile ausschließen, wenn sie etwa vor allem über „Prämiumsportarten wie Ski“ berichteten und Frauen als „Ersatzheer“ betrachteten. Die größten Unterschiede zwischen beiden Journalist*innengruppen gab es im Ressort Politik, wo die peripheren Akteur*innen interventionistisch Missstände aufdecken und auch bekämpfen wollen. Vielfalt ist nach ihrem Verständnis zentral für „journalistische Legitimität und Deutungshoheit“, doch auch die traditionellen Journalist*innen sagten, „sie verfolgen mehr Vielfalt als periphere Akteur*innen erwarten“.

Eingeschränkte Diversität

Mangelnde Vielfalt im Berufsfeld wirkt sich auch auf die Berichterstattung aus – wie sich in Diskussionen und Vorträgen zeigte. Das Meinungsspektrum verschiebe sich von „migrantischen zu ultrakonservativen Stimmen“, hieß es etwa. Vielfalt ist zum Beispiel in „staatsskeptischen Angeboten auf Telegram“ gefährdet. Eine Analyse von Nutzertypen zeigte ein seht stereotypes Bild: Alle weiblichen User wollten als „sozial orientierte Gefühlsarbeiterinnen“ Interaktion und sich vernetzen. Die männlichen Nutzer suchten als „einsame Wanderer“ eher Informationen und eine Bühne, sie weiterzugeben.

Beim Thema „Gender“ äußerten sie sich zwar nicht homophob, aber beschränkten Vielfalt auf ein binäres Geschlechterverhältnis. Doch es gab auch Positivbeispiele: „Empathisches Empowerment“ für Diversität in Reportagen des öffentlich-rechtlichen Content-Netzwerks „funk“ oder Anregungen, wie ein plurales „Wir“ einem „Othering“, also dem Fremdmachen der „Anderen“ weichen kann. In einer Analyse der Berichterstattung über Rechtsterrorismus vom NSU bis Hanau wurde deutlich, dass Rassismus vorrangig durch Betroffene thematisiert und kritisiert wird. Sie seien es auch mehrheitlich, die „Entwürfe eines diversen WIR“ artikulieren.

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