Vergessene Nachrichten gekürt

Foto: fotolia/Thomas/M

Was ist Phytosanierung? Weil das kaum jemand weiß, es aber durchaus wissenswert sei, haben Wissenschaftler*innen und Journalist*innen das Thema auf Platz 1 der vergessenen Nachrichten im vergangenen Jahr gesetzt. Die neuen Liste der Top Ten haben die Initiative Nachrichtenaufklärung (INA) und die Nachrichtenredaktion vom Deutschlandfunk (DLF) am 4. April vorgestellt.

Auch im vergangenen Jahr seien viele wichtige Themen in den Medien zu wenig oder gar nicht beachtet worden. Das liege an Dauerbrennern: erst Corona, dann der russische Angriff auf die Ukraine und nun der Nahe Osten, sagte DLF-Nachrichtenchef Marco Bertolaso. Mit den Top Ten wollten ihre Ersteller „weder kritisieren noch anklagen“. Vielmehr ginge es darum, den Blick zu weiten und solche Ideen immer wieder einzubringen. „Monokulturen der Information“ müssten bekämpft werden.

So beinhalte das Topthema die Chance, durch Schwermetalle belastete Flächen und Gebiete umweltfreundlich zu säubern. Selbst Lebensraum könne so wiederhergestellt werden. Dennoch finde sich dieser Lösungsansatz kaum in den Medien wieder. Schon das Fremdwort führe zu geringerer Beachtung, analysierte Hektor Haarkötter, INA-Vorsitzender und Professor für politische Kommunikation an der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg. Die Komplexität müsse für die Nutzer*innen verständlich aufbereitet werden. Oft gebe es in den Redaktionen dafür jedoch weder Personal noch Zeit. 

Tech-Monopole im Visier

Die Jury entschied sich erst an zweiter Stelle für das Thema, dass für die vergessenen Nachrichten mitverantwortlich ist: die Tech-Monopole. Webangebote abseits von Youtube, Facebook & Co. fänden praktisch keine Aufmerksamkeit. Es sei dringend darüber zu reden, wie „lausig“ die Clickzahlen selbst großer Medienunternehmen seien, sagte Haarkötter. Nach empirischen Analysen habe der Medienwissenschaftler Martin Andree die demokratiegefährdenden Auswirkungen dieser Tatsache betont.  

An dritter Stelle folgt die Darstellung von Grenzen bei Google Maps. Hier übernehme der Konzern etwa bei Konflikten wie um Taiwan, der Krim oder Kaschmir die politischen Vorgaben der jeweiligen Länder. 

Auf den weitern Plätzen folgen Schlaglöcher in Deutschland oder die hier kaum bekannte Tropenkrankheit Noma, die jährlich zehntausende Kinder tötet. Weitere Themen sind das in Lebensmitteln, aber nicht in Medikamenten verbotene Titandioxid, das Weltsozialforum als Gegenmodell zum Weltwirtschaftsforum und die Crossover-Nierenspende. Auf Platz 9 steht die Doppelbelastung von Kindern in migrantischen Familien, die zum Beispiel als Übersetzer*innen bei Behördengängen tätig werden müssten. Schließlich wählt die Jury noch das unbeachtete Thema der Suizide in der Landwirtschaft aus, wo Depressionen und Burn-outs oft vorkämen.

Mehr Nachrichten und Vielfalt wagen

Bertolaso appellierte an Redaktionen und Journalist*innen, dafür zu sorgen, dass es „in unserer freien Gesellschaft nicht dazu kommt, dass Nachrichten wie in vielen Teilen der Welt unterdrückt werden“. Und er kritisierte den dominierenden Aktualitätsbegriff. Außerdem sei die Reichweiten-Logik der Tech-Konzerne erdrückend. Daraus folge immer wieder ein bestimmter Themenmix. Er plädierte dafür, „mehr Nachrichten und mehr Vielfalt zu wagen“. 

Grundlage der Liste und für die Entscheidung der Jury bilden Vorschläge aus der Bevölkerung, die von Studierenden verschiedener deutscher Hochschulen recherchiert werden. Alle haben die Möglichkeit, bei der INA Themenvorschläge einzureichen. „Themenpluralität in den Medien ist wichtig. Daher bitten wir alle interessierten Bürger, die Initiative zu ergreifen und uns über die Website Themenvorschläge für vernachlässigte Themen einzusenden“, erklärte Filiz Kalmuk, Vorstandsmitglied der INA.

nach oben

Weitere aktuelle Beiträge

Renaissance einer Redaktion in Guatemala

Am 15. Mai 2023 stellte Guatemalas investigative Tageszeitung „elPeriódico“ ihr Erscheinen ein. Rund ein Jahr später sind die Köpfe hinter dem linken Leitmedium mit dem Online-Portal „eP Investiga“ wieder da. Die beiden Buchstaben eP erinnern an den alten Titel des Blattes, das sich dem Kampf gegen die Korruption verschrieben hatte. Offiziell gibt es keine Verbindung zur Familie Zamora und dem nach wie vor in Haft sitzenden Zeitungsgründer José Rubén Zamora. Allerdings tritt das investigative Portal für sein journalistisches Credo ein. 
mehr »

Buchtipp: Mediale Verzerrungen erkennen

In Zeiten von sinkendem Vertrauen in die Medien wirbt die Leipziger Medienforscherin Gabriele Hooffacker für mehr gegenseitiges Verständnis zwischen Journalist*innen und ihrem Publikum, indem sie journalistische Standards und wahrnehmungspychologische Einflüsse auf die Berichterstattung anschaulich erklärt. 
mehr »

Reformstaatsvertrag: Zweifel am Zeitplan

Der Medienrechtler Dieter Dörr bezweifelt, dass es den Bundesländern gelingt, sich gemäß ihrer Planungen bis Ende Oktober auf einen Reformstaatsvertrag zum öffentlich-rechtlichen Rundfunk zu verständigen. Er halte „diesen Zeitplan, um es vorsichtig auszudrücken, für ausgesprochen optimistisch“, sagte Dörr auf M-Anfrage. Nach dem bisherigen Fahrplan sollte der Reformstaatsvertrag dann bei der Ministerpräsidentenkonferenz im Dezember 2024 unterzeichnet werden.
mehr »

Reform oder Abrissbirne im Hörfunk

Die Hängepartie um Finanzierung und Reform des öffentlich-rechtlichen Rundfunks (ÖRR) geht weiter. Nach wie vor sträuben sich ein halbes Dutzend Ministerpräsidenten, der Empfehlung der Kommission zur Ermittlung des Finanzbedarfs der Rundfunkanstalten (KEF) für eine Beitragserhöhung um 58 Cent auf 18,94 Euro zu folgen. Bis Oktober wollen die Länder einen Reformstaatsvertrag vorlegen, um künftig über Sparmaßnahmen Beitragsstabilität zu erreichen. Einzelne ARD-Sender streichen bereits jetzt schon ihre Hörfunkprogramme zusammen.
mehr »