360°-Reportagen – neue Dimensionen für den Journalismus

Blick auf den Haytor-Felsen im Dartmoor/England
Foto: Kai Rüsberg

Journalismus soll den Konsumenten alle Dimensionen des realen Geschehens nahe bringen, doch ist er technisch gesehen bislang zumeist bestenfalls zweidimensional. Zeitungen auf flachem Papier, Fernsehen auf einer Mattscheibe. Reporter bestimmen die Blickrichtung und müssen die Eindrücke durch plastische Schilderungen lebendig werden lassen. Jetzt steht aber mit den Virtual Reality (VR)- oder 360°-Aufnahmen eine neue Technik an der Schwelle dazu, den Journalismus in eine wahrhaftig neue Dimension zu bringen. Ein kurzer Überblick über die ersten Gehversuche im virtuellen Raum.

Seichte Klaviermusik, eine säuselnde Männerstimme ist aus dem Hintergrund zu hören, dazu die Geräusche des Videobilds: ein Transportwaggon fährt auf Schienen auf die Kamera zu.

So startet „Crossrail 360„, eine Dokumentation im 360°-Video über den Bau des größten europäischen Tunnelbauprojekts in London. Der Zuschauer fährt mit dem Schienentransporter in den Tunnel, kann sich während der Fahrt umgucken und taucht an der Baugrube wieder auf. Man kann sich sowohl die Bauarbeiten auf der einen Straßenseite, als auch den Straßenverkehr und die Häuser auf der anderen angucken – je nachdem, wohin man seinen Blick richtet. Der begleitende Text dazu wird – und das macht den Film „outstanding“ – eingesungen: „I’m a crossway railway track and you can ride on me in late 2018“.

Die BBC setzt nicht nur mit diesem auf Musik geschnittenen Video Maßstäbe in der Experimentierlust mit 360°-Videos. Die BBC-Abteilung Forschung und Entwicklung hat einige Beispiele in einem Überblicksvideo zusammengefasst. Zu sehen sind ein nachgestellter Rettungseinsatz der Feuerwehr, die Arbeit eines Imkers, bei dem man sich völlig ungefährdet im Bienenstock umschauen kann, und eine verrauchte Bruchsteinhütte auf den schottischen Orkney-Inseln.

Allen ist gemein, dass sich der Zuschauer selbst im Video umschauen kann. Ihm wird ein Teil des Erkenntnisgewinns überlassen, den bisher der Video-Journalist durch Schnitt und Blickrichtungsauswahl übernommen hat. Einzige Einschränkung: Man kann sich nicht vom Standort der Kamera wegbewegen.

Viel wird zum Anschauen eines 360°-Videos nicht benötigt: auf YouTube kann jeder die Videos in dem typischen Player-Fenster ansehen und die Betrachtungsebene mit der Maus verschieben. Auf dem Smartphone kommt hinzu, dass durch das Bewegen des Displays auch der Bildausschnitt mitwandert. So wie bei dieser 360°-Reportage auf dem Laborschiff „Max Prüss“:

Setzt man das Smartphone in eine Halterung wie das Google Cardbord oder die tausendfach in Deutschland ausgelieferte Gear VR-Brille von Samsung, wird das Erlebnis noch intensiver. Zusammen mit einem Kopfhörer wird die Umgebung ausgeblendet und die Berichterstattung so real, wie kaum jemals zuvor.

Beim WDR ist man hingegen noch nicht so weit wie bei der Entwicklungsabteilung der BBC. Reporter David Ohrndorf hat hier erste Experimente gemacht und sieht dabei viel Potential: „Es gibt ja den Spruch, Radio ist Kino im Kopf: gute Radioreporter können alles so toll beschreiben, dass der Zuhörer sich genau vorstellen kann, was da jetzt gerade passiert. Aber, so toll kann der Reporter möglicherweise nicht beschreiben, wie ein bewegtes Bild das schaffen kann. Und ich glaube, da ist noch eine Steigerung: Diese 360°-Videos können es noch besser beschreiben, also beispielsweise die Atmosphäre.“

In Deutschland ist die Videoabteilung von „Welt.de“ führend bei 360°-Reportagen. Dort gibt es eine große Auswahl: vom Besuch im unfertigen Hauptstadtflughafen BER bis zur amerikanischen Präsidentschaftswahl. Die Rundfunkanstalt RBB hat mit der Simulation eines Autobahnneubauprojekts (A 100) zweidimensionale Baupläne in virtuelle Dimensionen übertragen und gibt einen dreidimensionalen Vorgeschmack darauf, wie sich die Planung auf das Wohngebiet auswirken wird.

Screenshot der Simulation des Autobahnneubauprojekts A100Bild:
Screenshot der Simulation des Autobahnneubauprojekts A100
Bild: VRagments/Lokaler/rbb

Auch die Fotojournalistin Julia Leeb hat 360°-Produktionen als Erweiterung für ihre Berichterstattung aus Krisengebieten der Welt entdeckt und testet die Einsatzmöglichkeiten: „Das ist eine ganz neue Technologie. Jeder ist eigentlich gerade im Experimentier-Modus und versucht sich aus. Man muss einfach ganz neue Erzählformen finden und das mache ich momentan. Weil der Nutzer sich sich die Perspektive selber aussuchen kann, sie wird nicht vorgegeben. Aber wenn der Nutzer sich in einem 360°-Raum bewegen kann, ist es natürlich schwer, seine Konzentration auf eine bestimmte Handlung zu lenken“.

Das bedeutet: Dem Journalisten kommt bei der 360°-Berichterstattung eine neue Rolle zu: Er beschreibt nicht mehr das Detail, er führt nicht mehr den Blick, er steht auch nicht mehr immer nahe bei der Kamera. Die Aufgabe des Journalisten ist viel mehr, die Storyline zu bestimmen, also die Hauptbewegungsrichtung der Geschichte, die Standorte und Zeitpunkte. Sobald das Video läuft, guckt sich der Zuschauer selbst um und bestimmt seinen Blickwinkel.

Mit den Möglichkeiten von 360°-Berichterstattung befindet sich der Journalismus auf einem vorgegebenen Weg, meint der Informatikprofessor Frank Steinicke von der Uni Hamburg: „Wir befinden uns an einem Paradigmenwechsel, wo wir weggehen von grafischen Benutzerschnittstellen, hin zu natürlichen Benutzerschnittstellen. Und Technologien wie VR und AR (Augmented Reality, Anm. d. Red.) bilden da eine neue Möglichkeit, tatsächlich mit meinen Daten auf immersive Art und Weise zu interagieren. Immersiv heißt, ich habe die Möglichkeit in meine Daten einzutauchen und sie so zu erleben, wie ich auch in der realen Welt Daten wahrnehme.““

Beim Heise-Verlag ist Jan-Keno Janssen aus der Redaktion der „c’t“ schon einen Schritt weiter gegangen. Er experimentiert mit VR, der virtuellen Realität, gemischt mit echten Bildern, also Bildüberlagerungen. Dabei kann sich der Zuschauer frei im (noch begrenzten) Raum bewegen und ist nicht einmal mehr auf den Standort einer Kamera angewiesen. „Ich finde persönlich, dass 360°-Video nicht ganz ausreicht, um das ganze Potenzial von Virtual Reality zu zeigen, sondern ich will gerne etwas anfassen. Denn, was ich an Virtual Reality toll finde, ist, dass ich mich wirklich frei im Raum bewegen kann und dass ich mit meinen Händen Sachen greifen kann.“

Bislang ist die Technik allerdings ein begrenzender Faktor. Es gibt zwar inzwischen eine ganze Reihe von 360°-Kameras auf dem Markt und für die kommenden Wochen sind weitere angekündigt. Sie kosten zwischen 300 und 800 Euro. Aber die Auflösung und technische Ausstattung zielt bislang eher auf einen Konsumentenmarkt. Nominell erscheint eine Sensorauflösung von 4K zwar recht hoch, doch muss sie das gesamte 360°-Bildspektrum inklusive Boden und Himmel abdecken. Deshalb setzen Profis zumeist auf Bilder von 2 bis 6 Action-Kameras, die in der Nachbearbeitung zu einem 360° Panorama zusammengesetzt werden müssen.

Auch wird bislang von den Herstellern die Tonaufnahme vernachlässigt, so dass man einen guten Ton zum Beispiel für Interviews in lauter Umgebung separat aufnehmen und später abmischen muss. Das macht eine Post-Produktion notwendig und gleichzeitig kompliziert. Und auch bei den Endgeräten für die Nutzer gibt es noch Verbesserungspotential. iPhones haben beispielsweise eine viel zu schlechte Displayauflösung, jedes einzelne Pixel wird sichtbar, sobald man sie in eine VR-Brille oder ein Cardbord setzt. Nur wenige teure Android Smartphones bieten Auflösungen, die eine echte virtuelle Illusion möglich machen. Und hochwertige reine VR-Brillen mit eigenem Display sind noch nicht weit verbreitet. Erwartet wird, dass hier der Markt der Spielekonsolen schon bald für mehr Marktdurchdringung mit virtuellen Endgeräten sorgen wird.

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