Akteure in heiklen Szenen unterstützen

Aus dem Trailer von "Sex Education": Klar ein Fall für die Intimacy Coordinatorin.
Screenshot: www.netflix.com

Wenn britische und amerikanische Serien Sexszenen enthalten, ist die Anwesenheit eines Intimacy Coordinators am Set mittlerweile fast eine Selbstverständlichkeit. Auch Richtlinien für das Drehen intimer Filmszenen auf Basis von Best-Practice-Erfahrungen gibt es bereits. Hierzulande besteht Nachholbedarf. Julia Effertz, Deutschlands erste Intimitätskoordinatorin, beschreibt, warum ihre Tätigkeit für alle Beteiligten von Vorteil ist.

Den meisten Menschen ist es unangenehm, sich vor Wildfremden auszuziehen. Bei Schauspielern wird das jedoch als selbstverständlich vorausgesetzt: Sie sollen auf der Bühne oder am Filmset ganz natürlich nackt agieren und womöglich auch noch leidenschaftlichen Sex simulieren. Gerade bei Dreharbeiten sind solche Momente besonders heikel, schließlich läuft eine Kamera; die Nacktszenen sind fortan für immer in der Welt. Entscheidender ist allerdings ein anderer Aspekt: In der Vergangenheit ist es immer wieder zu Situationen gekommen, die gerade von jungen Darstellerinnen als unangemessen oder übergriffig empfunden worden sind; mal war es der Regisseur, der eine rote Linie überschritten hat, mal der männliche Spielpartner. Julia Effertz will dabei helfen, solche Vorfälle zu vermeiden. Die Schauspielerin ist Deutschlands erste Intimitätskoordinatorin. Die Bezeichnung klingt nicht sexy, ist aber eine exakte Tätigkeitsbeschreibung.

Effertz hat ihre Ausbildung bei Ita O’Brien absolviert. Die Britin ist so etwas wie die Schutzpatronin der Schauspieler, seit sie 2017 Richtlinien für das Drehen intimer Filmszenen veröffentlich hat. Seither wird sie bei Serien mit freizügigen Szenen – aktuell zum Beispiel „Sex Education“ von Netflix – regelmäßig als „Intimacy Coordinator“ engagiert. Ihr habe das sofort eingeleuchtet, sagt Effertz: „Es gibt Experten für Stunts, Zweikämpfe und Tänze; nur bei intimen Szenen werden Schauspieler alleingelassen. Dadurch ist eine Grauzone entstanden, in der auch sehr hässliche Dinge passieren können.“ Intime Szenen, ergänzt sie, seien für fast alle Schauspieler unangenehm: „Es gibt ja die Vorstellung des entgrenzten Künstlers, der bereit ist, über eigene körperliche und emotionale Grenzen hinwegzugehen, aber das ist nicht mehr zeitgemäß. Schauspieler sind genauso verletzlich wie wir alle, und intime Szenen bergen ein erhöhtes Verletzungsrisiko.“

Verletzlichkeit und hierarchische Verhältnisse

Julia-Effertz Foto: Teresa Marenzi

An Bühnen und bei Dreharbeiten herrschen zudem traditionell hierarchische Verhältnisse: Der Regisseur hat stets das letzte Wort. Schauspielerinnen sind in der Vergangenheit oft genötigt worden, mehr von ihrem Körper preiszugeben, als vorher vereinbart war. Viele haben sich gefügt, um ihrer Karriere nicht zu schaden. Effertz möchte allerdings vermeiden, dass bei diesem Thema nur auf Frauen geschaut wird: „Für Männer ist das genauso wichtig.“ Sie weiß von Kollegen, denen es sehr zu schaffen gemacht habe, eine Vergewaltigungsszene zu spielen. Auch bei vermeintlich harmlosen Kussszenen hält sie die Anwesenheit eines Intimitätskoordinators für wichtig, erst recht, wenn es sich bei den Darstellern um Teenager handele. „Der erste Kuss ihres Lebens, und das vor laufender Kamera und womöglich einem Dutzend Komparsen: Das bedarf erhöhter Fürsorge. Ein Kuss ist etwas sehr Persönliches, in diesem Moment ist man womöglich noch verletzlicher als bei einer Liebesszene.“

Effertz’ Argumente klingen derart einleuchtend, dass es fast verwundert, warum nicht schon längst jemand auf die Idee gekommen ist, diesen Beruf zu erfinden: „Man spart Zeit, die Szene sieht besser aus, und es kommt nicht zu Grenzüberschreitungen.“ Sie klärt mit dem Kostümbild ab, dass Genitalabdeckungen und Bademäntel bereitliegen, und sorgt für die Einhaltung des „Closed Set“: Außer Regie, Kamera, Ton, den beteiligten Schauspielern und natürlich ihr selbst ist niemand beim Dreh dabei.

Was gut für den Film ist…

In den USA und Großbritannien gehört die Anwesenheit von Intimacy Coordinators bei entsprechenden Szenen längst zum guten Ton. Dass das auch hierzulande nicht schlecht wäre, zeigt die Statistik von Themis. Bei der 2018 unter anderem von Verbänden und Gewerkschaften gegründeten unabhängigen Vertrauensstelle gegen sexuelle Belästigung und Gewalt in der Medienbranche hat es in den letzten 13 Monaten rund 200 Beschwerden gegeben. Das Spektrum reicht laut Vorstandsmitglied Eva Hubert „von sexistischen Sprüchen bis zu massiven physischen Belästigungen der schlimmsten Art“; die meisten Beschwerden (ca. 85 Prozent) stammten von Frauen. Hubert würde die verpflichtende Anwesenheit von Intimitätskoordinatoren selbstverständlich begrüßen.

Auch Regisseur Kilian Riedhof, für Filme wie „Homevideo“, „Der Fall Barschel“ und „Gladbeck“ (alle ARD) mit sämtlichen wichtigen TV-Preisen ausgezeichnet, kann sich das gut vorstellen: „Intime Szenen sind nicht so einfach zu filmen wie eine Unterhaltung in einem Café. Alle Beteiligten müssen sich mit Bereichen auseinandersetzen, die viel mit eigener Scham zu tun haben, und das ist immer potenziell heikel.“ Für ihn haben Sexszenen die Funktion, das Verhältnis der Figuren zu beschreiben: „Ist der Sex einvernehmlich? Dominiert einer den anderen? Gerät die Begegnung außer Kontrolle?“ Die Herausforderung bestehe darin, dafür den richtigen körperlichen Ausdruck zu finden, „und das muss vorher im Detail besprochen werden; in der Hitze des Gefechts ist für so etwas keine Zeit mehr.“ Sibylle Tafel („Für eine Nacht … und immer?“, ARD) wäre ebenfalls dankbar, wenn sie bei solchen Szenen Unterstützung bekäme, zumal viele Schauspieler bei Nacktszenen sehr nervös seien: „Lust zu zeigen bedeutet massiven Kontrollverlust.“ Außerdem habe man als Regisseur unter Umständen einen Interessenskonflikt: „Was gut für den Film ist, muss sich nicht zwangsläufig gut für den Schauspieler anfühlen.“ Ein erfahrener Kollege, der namentlich nicht genannt werden möchte, würde die Anwesenheit eines Intimitätskoordinators dagegen als „Eingriff in die Arbeitswelt“ empfinden; er hält die Diskussion für ein Zeichen von „um sich greifendem Puritanismus“.

Ita O’Briens Richtlinien für intime Filmszenen

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