An der Schnittstelle von Kunst und Kommerz

Ab Herbst 1998: Ausbildung für AV-Medienkaufleute

Als „weiteren neuen, zukunftsweisenden Ausbildungsberuf in der Medienbranche“ feiert es das Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB): das Berufsbild Kaufmann/Kauffrau für audiovisuelle Medien. Geschaffen wurde dieses Berufsbild von Sachverständigen der IG Medien und von Arbeitgebervertretern aus dem öffentlich-rechtlichen und dem privaten Rundfunk, dem Kinobereich, Musik-Verlagen und aus der Video-AV-Medienbranche.

Am 1. August dieses Jahres treten Ausbildungsordnung und Lehrplan offiziell in Kraft; dann können die ersten Azubis ihre dreijährige Lehre beginnen. Wer sich schnell einen Überblick darüber verschaffen will, welches Feld die AV-Kaufleute künftig abdecken sollen, schaut am besten ins „Ausbildungsprofil“, das allen Absolventen nach bestandener Prüfung in mehrsprachiger Ausführung ausgehändigt wird.
„Kaufleute für audiovisuelle Medien kennen die Produkte und Dienstleistungen sowie die Produktionsformen und Abläufe im eigenen Unternehmen und in der Branche. Im Rahmen der Planung, Herstellung und Vermarktung audiovisueller Medien führen sie unter Beachtung der Wirtschaftlichkeit ihres Handels kaufmännische, organisatorische und logistische Aufgaben durch“, heißt es dort. Interessant sind die genannten Details: Demnach sollen die kaufmännischen Fachkräfte die Konzepte, Produktionsentwürfe und Dienstleistungsangebote, die ihnen auf den Tisch kommen, nicht nur nach wirtschaftlichen, sondern auch nach künstlerischen, technischen und rechtlichen Gesichtspunkten analysieren und beurteilen. Ihr Arbeitsbereich deckt den Personal- und Materialeinsatz bei der Medienproduktion ebenso ab wie den An- und Verkauf von Rechten und Lizenzen, das Entwickeln von Marketingkonzepten oder den Vertrieb der Produkte. Als mögliche Arbeitgeber werden Medienunternehmen aus den Bereichen Fernsehen, Hörfunk, Film- und Videoproduktion, Musik, Multimedia und Filmtheater genannt.
Noch konkreter wird Lothar Scheffel, Leiter der Joseph-Du-Mont-Schule in Köln. Dort begann 1990 eine vollschulische Ausbildung von AV-Kaufleuten. Danach wurden die schulische und die betriebliche Ausbildung verknüpft: auf das bestehende Berufsbild Bürokaufmann/kauffrau wurde die Zusatzqualifikation für den AV-Bereich draufgesattelt; das war die Pilotphase für das neue Berufsbild. Was also werden künftig AV-Kaufleute tun? Scheffel: „Je nach Arbeitgeber – Filmtheater, Film-, Fernseh- oder Videohersteller – organisieren sie das Alltagsgeschäft, werben Aufträge an, pflegen die Beziehungen zu Autoren, Redaktionen und Verlagen oder setzen auch mal einen Event in Szene.“
Die geringste Nachfrage bislang komme von Firmen im Bereich der Tonproduktion, berichtet der Schulleiter. Betrieben, die AV-Kaufleute ausbilden wollen und jungen Leuten, die Interesse an diesem Beruf haben, rät Scheffel, sich bei den örtlichen Industrie- und Handelskammern nähere Informationen zu holen. Wer da nicht genug erfahre, könne sich an die IHK in Köln und in Hamburg wenden. In diesen beiden Kammerbezirken lief die Pilotausbildung; konkrete Erfahrungswerte liegen dort also vor.
Demnach haben vor allem Abiturienten eine Chance, eine Ausbildungsstelle zu bekommen. Zwar dürfen nach dem Berufsbildungsgesetz keine formalen Eingangshürden aufgebaut und so beispielsweise Hauptschüler und -schülerinnen ausgeschlossen werden. Und auch bei der Formulierung des Berufsbildes hat die IG Medien Wert darauf gelegt, daß für alle Schulabgänger eine Zugangsmöglichkeit besteht. Doch die Arbeitgeber im Medienbereich, berichtet Scheffel, bevorzugen schon aus Altersgründen Abiturienten: Sie sind volljährig, unterliegen also nicht mehr dem Jugendschutz, was den ungewöhnlichen Arbeitszeiten der Branche entgegenkommt. Sie haben meist auch schon den Führerschein und treten in der Regel selbstbewußter auf als gerade 16jährige. Der Schulleiter verweist außerdem auf hohe inhaltliche Anforderungen, etwa was Sprachkenntnisse angeht. AV-Kaufleute sollen nämlich, so steht’s im Lehrplan der Berufsschulen, in einer Fremdsprache mit Kunden, Lieferanten, Dienstleistern, Rechteverwertern und Teamkollegen kommunizieren können. Scheffel verteidigt den Anspruch, daß die kaufmännischen Fachkräfte mediale Konzepte, Produkte und Dienstleistungen auch unter künstlerischen Gesichtspunkten beurteilen sollen. „Klar“, sagt er, „das ist im Einzelfall konfliktträchtig. Doch wenn ein Musiker seine Titel vermarktet haben will, muß den Kaufleuten nachvollziehbar sein, was der Künstler will, um beurteilen zu können, ob und wie das zu realisieren ist.“ Die Pilot-Azubis, berichtet Scheffel, waren an Fächern, die sie auf dieses Terrain vorbereiten – wie etwa Filmästhetik – stark interessiert.
Die IG Medien hatte sich bei der Berufsbildentwicklung einen größeren Wurf gewünscht, sich vorerst aber nicht durchsetzen können. So gibt es neben den AV-Kaufleuten weiter, wenn auch mit aktualisierten Ausbildungsinhalten, die Verlagskaufleute. Es gibt Buchhändlerinnen und Musikalienhändler, es gibt neuerdings Fachkräfte für Veranstaltungstechnik und Fachangestellte für Medien- und Informationsdienste. „Ein schwieriges Feld“, sagt Lothar Scheffel, „das sind noch zu viele berufliche Spezialisierungen“. Er schätzt, daß in drei bis fünf Jahren die Zeit für eine Neuordnung reif ist. Ziel: Ein Beruf mit breit angelegten Grundkenntnissen, auf die diverse Fachrichtungen aufbauen. Vorbild: das neue Berufsbild Mediengestalter/in für Digital- und Printmedien, das die Berufe der Druckvorstufe aufnimmt und um das Anforderungsprofil der digitalen Medienvorstufe erweitert.

nach oben

weiterlesen

Medienleute schützen, nicht verteufeln

Als völlig geschichtsvergessen bezeichnet die Deutsche Journalistinnen- und Journalisten-Union (dju) in ver.di Hessen den Aufruf aus dem Umfeld der sogenannten Querdenker, am Sonntag in Frankfurt am Main gegen die „gleichgeschalteten Medien“ zu demonstrieren. Von der Polizei werde erwartet, dass sie Journalist*innen vor Übergriffen schützt, betonen auch die öffentlich-rechtlichen Redakteursausschüsse.
mehr »

Verbandsklagerecht für Urheber unverzichtbar

Das Verbandsklagerecht muss zwingend als neues Rechtsinstrument in das Urheberrecht aufgenommen werden. Mit dieser Forderung wenden sich der Deutsche Journalisten-Verband und die Gewerkschaft ver.di gemeinsam an die Abgeordneten des Deutschen Bundestags. Unterstützung erfahren die beiden Gewerkschaften durch ein Rechtsgutachten und den konkreten Formulierungsvorschlag von Prof. Dr. Caroline Meller-Hannich, Universität Halle-Wittenberg.
mehr »

Corona wirkt als Test für Menschenrechte

Die Menschenrechtslage hat sich in der Covid-19-Krise für Millionen von Menschen unmittelbar oder mittelbar verschlechtert, stellt Amnesty International im weltweiten Menschenrechts-Report 2020/21 fest. In vielen Teilen der Welt hätten die Pandemie und ihre Folgen im letzten Jahr die Auswirkungen von Ungleichheit, Diskriminierung und Unterdrückung verstärkt. Auch für Deutschland wird Handlungsbedarf ausgemacht.
mehr »

Wie hybrid darf ein Dokumentarfilm sein?

Der Dokumentarfilm „Lovemobil“ bietet seit Tagen heißen Diskussionsstoff. Eine STRG_F-Reportage des NDR hatte enthüllt, dass die Autorin Elke Lehrenkrauss den Film teilweise mit Darsteller*innen inszeniert hatte - ohne dies offenzulegen. Die Arbeitsgemeinschaft Dokumentarfilm (AG-Dok) nahm den Eklat um die "Fake-Doku" zum Anlass, in Kooperation mit der Deutschen Akademie für Fernsehen (DAfF) einen Web-Panel unter dem Titel „Was darf Dokumentarfilm?“ zu veranstalten.
mehr »