Arbeitsplatz Auto

Wie ein Agenturfotograf auf seine Rechnung kommt

Ein ungewöhnlicher Montag. Peter Roggenthin erledigt Bürokram, begutachtet die Fotoausbeute des Praktikanten, holt den Sohn vom Kindergarten ab und macht in dem geräumigen Arbeitszimmer eines Nürnberger Hinterhauses in aller Ruhe Bilder versandfertig, die er bereits am Samstag aufgenommen hat. Ein üblicher Tag dagegen, sagt der freie Fotograf, sieht so aus: „90 Prozent der Zeit im Auto, neun Prozent am Rechner und ein Prozent Arbeit mit der Kamera.“

Bilder per Handy

Roggenthin fotografiert für den „Deutschen Depeschendienst“ (ddp) in Nordbayern. Schnelligkeit ist Trumpf bei der Jagd ums aktuelle Bild zwischen Passau und Bad Kissingen. Das bedeutet: Fotos schießen, am Laptop auf dem Autorücksitz bearbeiten, Dateien per Handy an die Agentur schicken und weiter zum nächsten Termin: Digitale Aufnahme- und Übertragungstechnik gibt den Takt vor. Wenn’s brennt, beliefert der Bildjournalist die Zeitungen direkt. Deadline: zehn Minuten vor Andruck.

„Im Agenturgeschäft überwiegen die Vorteile der digitalen Fotografie“, sagt Roggenthin tapfer. Sein Herz allerdings hängt an der Reportagefotografie, wie er sie noch vor wenigen Jahren an der Fachhochschule für Fotodesign in Dortmund lernte: „Mein Lehrer schickte uns am liebsten mit einer Leica ohne Automatik und ohne Blitz los.“ Dafür mit viel Zeit im Gepäck und dem Auftrag, „zusammenhängende Geschichten zu erzählen.“ Wer so den Lebensunterhalt verdienen will, muss ziemlich unabhängig sein, erkannte Roggenthin bald und entschied sich stattdessen für Kinderfreuden, Familienpflichten und den Arbeitsplatz Auto.

In seinem Büro holt der Fotograf jetzt den Chip aus der Kamera, kopiert die Dateien auf die Festplatte und ruft die Software zum Bearbeiten der Bilder auf. Farbaufnahmen einer Fabrik im Grünen, mal Hoch- mal Querformat, mal mit, mal ohne das Geschäftsführer-Trio im Vordergrund. Routiniert wählt Roggenthin ein Foto aus, auf dem alle Drei unverkrampft lächeln, passt per Mausklicks die Bildschärfe an, legt den Ausschnitt fest und beschriftet die „Bauchbinde“ der digitalen Aufnahme, schreibt also eine Textzeile zum Foto. Zwei Minuten dauert danach die Übertragung jedes Bilds an die Redaktion – im Auto per Laptop und Handy müsste er die doppelte Zeit einkalkulieren.

Sagenhafte Erleichterung

„Bei der Digitalfotografie müssen weder Filme in der Dunkelkammer entwickelt noch Abzüge eingescannt werden. Im aktuellen Geschäft ist das eine sagenhafte Erleichterung“, erklärt Roggenthin. Außerdem bestimme er nun stärker die Auswahl der Bilder mit: „Früher nahmen die Redaktionen gern den kompletten Film und suchten selbst das passende Motiv aus.“ Angesichts der langen Übertragungszeiten ist nun Reduktion angesagt: „Ich schicke meist fünf Aufnahmen und die am besten Gelungene zuerst.“

Rund 20 000 Mark zahlte der freie Fotojournalist für seine erste digitale Ausrüstung, dazu kam ein zuverlässiges Auto. Jetzt will er eine Gerätegeneration überspringen und setzt darauf, dass die Bildauflösung, wie sie die aktuelle Kamera liefert, noch ein Jahr akzeptabel ist. Keine leichte Entscheidung angesichts des Qualitäts- und Konkurrenzdrucks, aber schließlich muss erst das Geld für die Neuanschaffung verdient sein.

Chance und Risiko

Die Agentur ddp honoriert Roggenthins Abrufbereitschaft mit einer kleinen Pauschale und überweist pro Arbeitstag 350 Mark. Ein Betrag, der laut Empfehlung der Mittelstandsgemeinschaft Foto-Marketing bereits bei einem Kurztermin herausspringen sollte. Ohne zusätzliche Auftraggeber ginge die Rechnung nicht auf: Printmedien wie „Spiegel“ oder die „Financial Times Deutschland“ zahlen besser, und für Industrieaufnahmen kann Roggenthin den drei- bis fünffachen Tagessatz berechnen. „Die Mischkalkulation muss sein“, sagt er. „Außerdem will ich ein breites Spektrum an Themen fotografieren: Mal Zinnfiguren für einen Warenhauskatalog, mal den bayerischen Ministerpräsidenten in der Fleischfabrik nach dem BSE-Skandal, mal Kinder in einer Krebsklinik.“ Vielfältige Aufträge würden den Blick schärfen, seien eine wichtige Übung gegen Monotonie und tägliche Hast.

Die Konkurrenz zwischen den Agenturen versucht ddp mit „anderen“ Fotos zu gewinnen, berichtet der Nürnberger Mitarbeiter. „Wir sollen den Zeitungen Vorabgeschichten liefern, statt wie alle übrigen beim Pressetermin vor den Rednern zu knien.“ Bei guter Planung klappt das: Als Roggenthin beispielsweise ein neues Solarkraftwerk vor der offiziellen Eröffnung besuchte, konnte er die Aufnahmewinkel ungestört und sorgfältig aussuchen und einige langlebige Symbolfotos für andere Kunden und fürs Archiv der Agentur schießen. Er beobachtet allerdings, dass Zeitungen nicht immer das ungewöhnliche Foto vorziehen:

„Es gibt zwei gegenläufige Tendenzen. Einerseits wollen die Redaktionen den unverwechselbaren Blickfang. Andererseits werden Textjournalisten mit der Digitalkamera losgeschickt, damit sie die Bilder zur Geschichte gleich mitliefern. Nach dem Motto: Im Zweifelsfall kann man am Rechner ja nachbessern.“

Die Anbindung an eine Nachrichtenagentur hat für den Freien Vorteile: Er kommt regelmäßig an Aufträge ran, erfährt interessante Termine und kann sich vor Ort sowie überregional einen Namen machen. Wenn’s gut läuft: Denn häufig veröffentlichen Zeitungen als Quellennachweis nur die Agentur, nicht den Namen des Fotografen selbst. Roggenthin wünscht sich saubere Lösungen: Der Urheber muss immer erscheinen, egal ob es sich um ein Einzelfoto oder eine Bildcollage handelt, meint er. Außerdem ist ihm die Kennzeichnung einer Fotomontage mit „M“ wichtig. Ein Anreiz für die Freien wäre es, glaubt er, wenn die Agentur nicht nur für jedes gelieferte, sondern auch für jedes veröffentlichte Foto zahlen würde. Bei ddp sei ein entsprechendes Punktesystem mal angedacht, danach aber nicht weiterverfolgt worden.

Wenig Zeit für Archivpflege

So um die 60 Arbeitsstunden pro Woche werden schon zusammenkommen, schätzt Roggenthin. Seit er mit einem jungen Kollegen kooperiert, lassen sich die Abend- und Wochenendtermine entzerren, so dass mehr Zeit für die Familie herausspringt. Auf der Strecke bleibt jedoch die richtige Pflege des eigenen Fotoarchivs. Dadurch verschenkt er Geld: „Manche Aufnahmen gewinnen erst im Rückblick an Bedeutung.“ Außerdem weiß niemand, wann die Tücken der digitalen Technik zuschlagen, wie haltbar die Aufnahmen tatsächlich sind. Das ließe sich nur durch aufwändige Mehrfachspeicherung umgehen.

Seine Zeit investiert Peter Roggenthin lieber in die Arbeit mit dem Praktikanten: „Schneide niemals Menschen oder Tieren die Füße ab“, erfährt der zum Foto eines prächtigen Pferdegespanns, dessen unterer Bildrand allerdings die Hufe kappt. „Es macht Spaß, anderen etwas beizubringen,“ erklärt der Freie das Engagement für den fotografischen Nachwuchs. „Außerdem überprüft man so die eigene Praxis.

 

 

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