Auf dem Weg zur Webreportage

„Die Webreportage verändert die Erzählform“, sagt Rolf Nobel, Professor für Fotografie an der Fachhochschule Hannover. M sprach mit ihm über die Entwicklungen des Fotojournalismus. Sein Fazit: Fotografinnen und Fotografen sollten lernen, auch mit der Filmkamera umzugehen.

Rolf Nobel - Foto: Insa Hagemann
Rolf Nobel
– Foto: Insa Hagemann

Bei jeder Gelegenheit betonst Du, es gebe zu viele Fotografinnen und Fotografen. Trotzdem bildest du Fotojournalisten aus. Wie viele von ihnen finden eine adäquate Arbeit und wo kommen sie unter?

Rolf Nobel: Tatsächlich entspricht die Zahl der in Deutschland ausgebildeten Fotografinnen und Fotografen nicht dem Bedarf des Marktes. Ein Blick auf die Einkommenssituation spricht da Bände. Der Kuchen wird in immer mehr Stücke aufgeteilt und für viele Kolleginnen und Kollegen fällt nicht mehr genug ab.
Wir bilden in Hannover ja nur in dem sehr engen Segment des Fotojournalismus aus und ich glaube, dass wir unsere Studierenden in jeder Beziehung sehr gut auf diese Berufsrealität vorbereiten. Das unterscheidet uns von vielen anderen Hochschulen, wo die Studierenden sehr viel offener im weiten Feld der Fotografie ausgebildet werden. Trotzdem sucht ein großer Teil von denen dann später die Betätigung in der journalistischen Fotografie.
Unsere Absolventen haben aufgrund ihrer auf Fotojournalismus konzentrierten Ausbildung einen Wettbewerbsvorteil und darin sehe ich für sie auch die Chance, sich auf dem Markt durchzusetzen. Das bestätigen auch unsere Erfahrungen mit unseren Absolventen, die zum größten Teil von der Fotografie leben können. Die meisten natürlich als Freiberufler. Einige sind aber auch als fest angestellte Bildredakteure bei Zeitungen und Zeitschriften tätig.

Immer mehr Fotografinnen und Fotografen sollen gleichzeitig Videos drehen. Denken wir bald nur noch in bewegten Bildern? Wie verändert sich die Bildsprache durch die neue Technik?

Aufgrund der rarer werdenden Seitenzahl für große Reportagen suchen Fotografinnen und Fotografen nach Alternativen, solche Reportagen zu veröffentlichen. Da bietet sich das Internet an. Gleichzeitig bietet das Medium die Möglichkeit, Bewegtbild und Ton mit der Fotografie zu kombinieren und damit eine neue Darstellungsform zu kreieren – die Webreportage. Das verändert die Erzählform, in der man jetzt sehr viel mehr filmisch erzählen muss, auch unter Berücksichtigung filmischer Dramaturgie.
Das Problem ist, dass filmische Erzählweise normalerweise nicht zur fotografischen Ausbildung gehört. Wir haben früh damit begonnen, die Webreportage in unsere Ausbildung zu integrieren. Daraus erklären sich auch die Erfolge hannoverscher Absolventen und Studenten auf diesem Feld. Gerade erst hat Uwe Martin den Deutschen Reporterpreis 2011 gewonnen, 2010 war es Felix Seuffert und Michael Hauri hat 2010 den Axel-Springer Preis gewonnen. Er und zwei Kommilitonen haben auch die zurzeit erfolgreichste deutsche Produktionsfirma für Multimedia-Reportagen gegründet, 2470media.

Wie wirkt sich die Verbreitung der neuen Technik wie Smartphone-Apps und Videoclips auf den Arbeitsalltag von Fotografinnen und Fotografen aus?

Die neuen Darstellungsformen verlangen den kompletteren Fotografen, der eben nicht nur mit der Fotokamera und fotografischen Erzählweisen umgehen kann, sondern auch mit filmischen. Das erfordert auch den gekonnten Umgang mit der entsprechenden Software zum Schneiden und Vertonen.

Wie stellt sich deiner Meinung nach die Medienlandschaft in zehn Jahren dar und wo bleiben da die Fotografinnen und Fotografen?

Ich glaube nicht, dass die Printmedien keine Zukunft haben. Ich glaube aber auch nicht, dass sich in absehbarer Zeit etwas an den Honoraren zum Guten verändert und sich die Zahl der langen fotografischen Erzählgeschichten in den Printmedien wieder erhöht. Von daher ist man gut aufgestellt, wenn man die Arbeit auf viele verschiedene Säulen aufbaut. Dazu gehört neben dem journalistischen Arbeiten auch die Fotografie für Unternehmen im PR-Bereich, um Webreportagen machen zu können.

nach oben

weiterlesen

Schnelle und konkrete Hilfe für Kollegen

Journalisten helfen Journalisten e. V. setzt sich für in Not geratene, an ihrer Arbeit gehinderte, misshandelte Kolleg*innen und die Hinterbliebenen getöteter Journalist*innen ein. Der gemeinnützige Verein wurde 1993 von Christiane Schlötzer-Scotland gegründet, deren Ehemann Egon Scotland während seiner Recherchen für die „Süddeutsche Zeitung“ im damaligen kroatischen Krisengebiet von einem Heckenschützen am 26. Juli 1991 ermordet wurde. M sprach mit dem Geschäftsführer des Vereins Carl Wilhelm Macke.
mehr »

Mehr Sicherheit für Medienschaffende

Die Deutsche Journalistinnen- und Journalisten-Union (dju) in ver.di appelliert an die sächsische Staatsregierung, Maßnahmen zum Schutz von Journalistinnen und Journalisten insbesondere bei Demonstrationen zu ergreifen. Anlass ist die morgige (22. Juli) Debatte im Landtag über eine Große Anfrage der Linksfraktion. Demnach habe die Zahl der Angriffe gegen Medienschaffende in Sachsen im Jahr 2020 mit 29 registrierten Straftaten einen Höchststand erreicht. In mehr als der Hälfte der Fälle seien die Ermittlungen zudem eingestellt worden, heißt es in einer Pressemitteilung.
mehr »

Pensionskasse Rundfunk für Freie

Die Pensionskasse Rundfunk (PKR) feiert Geburtstag. Von den Gewerkschaften und den öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten 1971 als Versicherungsverein auf Gegenseitigkeit gegründet, hat die Pensionskasse für Freie in Film, Funk und Fernsehen heute mehr als 23.550 Mitglieder, davon rund 3.550 Rentner*innen. Mit 1,6 Milliarden Euro Bilanzsumme, einem Betragsaufkommen von 57,8 Millionen Euro jährlich und einer Brutto-Verzinsung von 2,1 Prozent hat die paritätisch verwaltete Kasse selbstbewusst „die Zukunft im Blick“.
mehr »

Journalisten mit Pegasus ausgespäht

Von einem Paukenschlag spricht die Deutsche Journalistinnen- und Journalisten-Union (dju) in ver.di angesichts der Enthüllungen eines internationalen Recherchekonsortiums, nach denen offenbar hunderte Journalist*innen und Menschenrechtsaktivist*innen weltweit von der Spähsoftware Pegasus überwacht worden seien, darunter auch zwei regierungskritische ungarische Investigativjournalisten.
mehr »