Ausbildung für die Zukunft in Syrien

Der DAAD fördert jährlich weit über 100.000 deutsche und internationale Studierende und Wissenschaftler rund um den Globus.
Foto: DAAD/M.Jordan

„Leadership for Syria / Führungskräfte für Syrien“ heißt ein Projekt des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD), das syrische Studierende in ihrer Ausbildung unterstützt und langfristig für einen Wiederaufbau des Landes weiterbildet, auch im Medien- und Literaturbereich. Wie unterschiedlich die Wege zum Stipendienprogramm sein können, zeigen zwei Beispiele von der Kunsthochschule in Braunschweig und der Universität Leipzig: Orwa Eyade im Masterstudiengang Medienwissenschaften und Abdalla Eldimagh im Promotionsstudiengang Germanistik.

Eyade stammt aus der Stadt Der Alzoor (Deir ez-Zor) im östlichen Syrien. Mit 18 Jahren ging er zum Studium Business Administration/Marketing an die Arabische Internationale Universität in Damaskus. Gleichzeitig begann er beim syrischen Radio und Fernsehen in der Produktion zu jobben und dann auch Sendeverantwortung zu übernehmen. Nach seinem Bachelor-Abschluss leitete er die Produktion der Studios des vom syrischen Staat unabhängigen, 2012 gegründeten Radio SouriaLi in Jordanien und Ägypten. In dieser Zeit besuchte er auch Weiterbildungen im slowenischen Maribor, in Ägypten, Istanbul und Paris.

Im Internet fand er 2015 das Programm des Austauschdienstes und beschloss, sich für einen Master in Medienwissenschaft zu bewerben. Er wurde als Stipendiat angenommen und fand einen Studienplatz an der Kunsthochschule in Braunschweig. Alles in allem eine Prozedur von einem halben Jahr, „und alles per Mail“, berichtet Eyade. Seit Oktober 2016 studiert er in Braunschweig, seine Frau konnte ihn begleiten. Jetzt peilt er seinen Abschluss im kommenden März an. Die für alle Stipendiaten zusätzlich eingerichteten Lehreinheiten zu Themen wie Regierungsverantwortung, Zivilgesellschaft und nachhaltiges Projektmanagement schätzt er sehr. Er halte sie für wichtig, um einmal seinen Beitrag zum Wiederaufbau seines Landes leisten zu können, so Eyade.

Orwa Eyade aus Syrien in Deutschland
Foto: privat

Der in Damaskus geborene Palästinenser Eldimagh begann 2007 im gerade erst etablierten Fach Germanistik an der Universität Damaskus zu studieren und war schon 2010 zu einem Sommerkurs als Stipendiat des DAAD in Bonn. Nach seinem Bachelorabschluss 2011 erhielt er ein „Erasmus Mundus“-Stipendium für einen Doppel-Master im portugiesischen Porto und in Bremen. Anschließend war es ihm möglich, seine Aufenthaltsgenehmigung in Deutschland zu verlängern, nachdem die bewaffneten Auseinandersetzungen in seinem Heimatland 2011 begonnen hatten. Eldimaghs Familie lebt noch in Damaskus. Sie musste vor dem Regierungsbombardement eines von den oppositionellen Einheiten besetzten Viertels aus ihrer Wohnung fliehen.

Durch die Aufenthaltsgenehmigung konnte er eine Dissertation planen und bewarb sich bei der Uni Leipzig, mit der die Germanisten in Damaskus eine Partnerschaft entwickelt hatten. Der DAAD hat Eldimagh auch als Mitorganisator einer Leipziger Tagung für syrische und deutsche Germanist_innen finanziell unterstützt. Entstanden ist dabei der Aufsatzband „Flucht, Exil und Migration in der Literatur. Syrische und deutsche Perspektiven“, bei dem Eldimagh Mitherausgeber ist.

Die Doktorarbeit von Eldimagh beschäftigt sich mit dem Orientdiskurs in der westlichen Filmindustrie. Das Thema „Orientalismus“, ein von Edward Said geprägter Begriff für die eurozentrische Sicht auf die arabische Welt, habe ihn schon als Student in Damaskus interessiert, erklärt Eldimagh. Nach der Promotion möchte er gerne eine Post-Doc-Ausbildung anschließen, denn sein Ziel ist es, eines Tages als Professor an der Universität Damaskus mit dafür zu sorgen, dass Lehrveranstaltungen von den Dozenten freier gestaltet werden können, als er es erlebt hat.

Der Medienpraktiker und Medienwissenschaftler Orwa Eyade hat die Hoffnung, irgendwann beim Neuaufbau der Medienlandschaft in Syrien mitwirken zu können, so, wie es in Deutschland nach dem Krieg geschehen sei. Ob er glaube, dass dies bald möglich sein werde, antwortet Eyade kurz und knapp: „Nein, nein, nein.“ Auch der Literaturwissenschaftler Eldimagh sieht „in absehbaren Zeit keine realistische Chance für eine Rückkehr nach Syrien“, um seine Träume in Damaskus zu verwirklichen. Die Heimkehr wäre von einer wirklichen politischen Lösung in nächster Zeit abhängig, an die er nicht glaubt, schätzt Eldimagh die Lage pessimistisch ein. Solange Assad an der Macht sei, könne er sich eine Rückkehr von Akademikerinnen und Akademikern, „die das Land gerne demokratisieren und liberalisieren möchten“, nicht vorstellen: „Ich warte auf die Stunde Null“.

Das DAAD-Projekt startete im Wintersemester 2015/2016. Seit diesem Frühjahr werden keine neuen Bewerber_innen mehr aufgenommen. Es wurde vom Auswärtigen Amt (200 Stipendien) und dem Kultur- und Wissenschaftsministerium Nordrhein-Westfalen (21 Stipendien) mit insgesamt 20,3 Millionen Euro finanziert. „Die Ausbildung junger Syrerinnen und Syrer in Deutschland ist eine Investition in die Zukunft Syriens, wenn dieser schreckliche Konflikt einmal beendet ist“, erklärte Außenminister Heiko Maas bei der offiziellen Abschlussveranstaltung in Berlin.

Die ersten Bewerberinnen und Bewerber haben ihre Ausbildung beendet und arbeiten etwa als wissenschaftliche Mitarbeiterin der Archäologie an der Uni Heidelberg, suchen einen Job oder unterrichten als Englischlehrer in der Türkei. Andere, wie Eldimagh und Eyade, sitzen noch an ihrem Master oder an ihrer Doktorarbeit.

 

nach oben

weiterlesen

Berliner Huckepack ergänzt Bundeshilfen

Der Berliner Senat hat jetzt ein weiteres Corona-Hilfsprogramm aufgelegt, um Soloselbstständigen und kleinsten Unternehmen den Wiedereinstieg in die existenzsichernde Arbeit zu erleichtern. Ab 17. Mai können bereits Soloselbstständige und Freiberufler bei der Investitionsbank Berlin (IBB) online einen Antrag im Rahmen des Programms „Neustarthilfe Berlin“ stellen, für Kleinstunternehmen starten entprechende Landeshilfen nach Pfingsten.
mehr »

dju fordert Ahndung der Dresdner Angriffe

"Es ist kaum noch zu ertragen, welchen Gefahren sich die Kolleginnen und Kollegen mittlerweile aussetzen müssen, einfach nur, um ihrer Arbeit nachgehen zu können“, sagt Bundesgeschäftsführerin Monique Hofmann. Mit großer Betroffenheit reagierte die Deutsche Journalistinnen- und Journalisten-Union (dju) in ver.di auf den massiven Gewaltausbruch gegen zwei Journalisten, der sich gestern nach einem siegreichen Fußballspiel des SG Dynamo Dresden ereignete.
mehr »

Journalismus jenseits von Profit

Liegt die Zukunft des Journalismus jenseits von Profit? Noch ist spendenfinanzierter Journalismus in Deutschland die Ausnahme. Ein wesentlicher Grund: Bislang fehlen dafür die gesetzlichen Grundlagen. Nicht nur Aktivisten wollen, dass sich das ändert. Lässt sich die Politik im Bundestagswahlkampf dahin bewegen? Diese und andere Fragen stellten wir Oliver Moldenhauer, einem der Vorsitzenden des Forums Gemeinnütziger Journalismus, das Non-Profit-Organisationen im Medienbereich vereint.
mehr »

Mehr Sichtbarkeit für Frauen beim SWR

Der Südwestrundfunk (SWR) will den Frauenanteil in Radio, Fernsehen und Internet erhöhen und Frauen in allen Programmen sichtbarer machen. Daher stellt sich der Sender als erste Landesrundfunkanstalt der ARD der sogenannten 50:50-Challenge. Nach dem Vorbild der britischen BBC sollen alle Redaktionen ein Jahr lang freiwillig auf ein möglichst ausgeglichenes Geschlechterverhältnis in ihrem Programm achten. Das Mitmachen in den Redaktionen ist freiwillig.
mehr »