Ausgrenzung oder Aufklärung?

Berichterstattung über Neonazis besser ohne Schwarz-Weiß-Schablonen

Wie sollen Radio- und Fernsehjournalisten mit dem Thema Rechtsextremismus umgehen? Spätestens seit den letzten Landtagswahlen ist eine Debatte über angemessene Formen und Inhalte der Berichterstattung über rechtsradikale Aktivitäten entbrannt. Wissenschaftler und engagierte Reporter plädieren für mehr Professionalität und Gelassenheit.

„Seien Sie bitte still! Seien Sie bitte still!“ Hilflos stammelnd mühte sich ZDF-Frontfrau Bettina Schausten am Wahlabend des 19. September vergangenen Jahres, dem nationalistisch schwadronierenden sächsischen NPD-Spitzenkandidaten Holger Apfel das Wort abzuschneiden. Am Ende wurde Apfel der Saft abgedreht, die Neonazis konnten sich einmal mehr als Opfer einer „Meinungsdiktatur der Systemparteien“ stilisieren. Nicht nur aufgrund der Vorgänge im ZDF. Auch beim MDR und beim RBB reagierten TV-Journalisten ähnlich unsouverän auf die unverblümten Versuche rechtsextremer Politiker, ihre kruden Politbotschaften über die Massenmedien los zu werden. Alle Wahlforscher hatten zuvor einen Wahlerfolg der NPD in Sachsen bzw. der DVU in Brandenburg prognostiziert. Umso erstaunlicher das Versagen der Journalisten, die offenbar völlig unvorbereitet ins kommunikative Desaster schlitterten.

Mehr Ursachenforschung

Jetzt soll aus diesen Fehlern gelernt werden. Fast alle Sender haben seitdem ihre Politikredakteure und Moderatoren auf Seminare geschickt, um sie für den richtigen Umgang mit Rechtsextremisten vor Kamera und Mikro zu wappnen. Eine exzellente Arbeitsgrundlage könnten dabei die Ergebnisse des unlängst bei der Bertelsmann-Stiftung vorgestellten Projekts „Fernsehen und Rechtsextremismus“ geliefert haben, das im Auftrag der ARD / ZDF Medienkommission den Umgang der öffentlich-rechtlichen Anstalten mit den Rechten unter die Lupe nahm. Untersucht wurden alle Beiträge, die in den Jahren 2000 und 2001 bei ARD, ZDF, den Dritten Programmen sowie Spartenkanälen wie Phoenix und Arte zum Thema Rechtsextremismus liefen.

Rein quantitativ kann sich die Berichterstattung durchaus sehen lassen. Knapp 4.700 Beiträge liefen im Untersuchungszeitraum in den verschiedenen Kanälen. Vor allem im zweiten Halbjahr 2000, als sich Ereignisse mit rechtsextremem Hintergrund häuften, wie etwa der Fall Adriano in Dessau, der Brandanschlag auf ein Asylbewerberheim in Ludwigshafen oder das Urteil im Gubener Hetzjagdprozess. Dies, so Ekkehardt Oehmichen, Mitautor der Studie und Medienforscher beim Hessischen Rundfunk, habe natürlich eine eher ereignisbezogene Berichterstattung begünstigt: „Es entsteht ein Aktualitätsdruck, der sich dann darin zeigt, dass die Nachrichten und die kurzen Magazinbeiträge sehr primär sind und die Reflexion und die Analyse zu kurz kommen.“

Zwar positionieren sich die Journalisten eindeutig gegen Rechts. Eine vertiefende Ursachenforschung dagegen findet jedoch eher selten statt. Oft, so ein Ergebnis der Studie, erliegen die Journalisten der Gefahr einer stereotypisierten Berichterstattung. Da wird verbal mit Schlagwörtern wie „Nazis“, „Neonazis“, „rechte Schläger“, „rechtsradikale Skinheads“ oder „Ewiggestrige“ operiert, „fast immer ohne nähere Erläuterung, größtenteils beliebig oder synonym verwendet“. Fernsehen lebt von Bildern, also fangen die Kameras die immer gleichen Glatzköpfe im immer gleichen Outfit von Bomberjacken, Knobelbechern und Baseballschlägern ein. Wobei der Aktualitätsdruck häufig zum Griff ins Archiv nötigt.

Eindimensionaler Blick

Meist, so stellt Oehmichen fest, kranke der journalistische Blick an einer gewissen Eindimensionalität. Beliebt sei die Methode, „isoliert ’ne Täterschaft zu beschreiben und dann assoziativ – zum Beispiel Plattenbausiedlung im Osten – soziale Verhältnisse, die eben eine gesunde Entwicklung nicht ermöglichen, zu denunzieren und ein paar Chiffren hintendran zu setzen“. Stattdessen käme es eher darauf an, im Rahmen einer vertiefenden Hintergrundberichterstattung „die Ursachen, das geistige Umfeld oder auch die Defizite der öffentlichen Kommunikationskultur selbst zu benennen und näher aufzuarbeiten“.

Journalisten, so kritisiert Oehmichen, begriffen sich in dieser Frage eher als Bündnispartner der Politik. Es herrsche gelegentlich eine Art „gemeinsamer Gefühlskultur“ von Medien und Politik gegen Rechts. Eine Ausgrenzungsstrategie, die moralisch überhöht daher kommt, ohne zur Aufklärung über rechte Politik beizutragen. So geschehen am Wahlabend in Brandenburg und Sachsen, als beim Interview mit rechtsextremen Abgeordneten die Politiker der übrigen Parteien demonstrativ aus den Studios flüchteten. In Brandenburg existierte sogar ein entsprechendes „Fairness-Abkommen“ der Parteien, das den Auszug ihrer Vertreter beim Auftritt eines DVU-Mannes vorsah. An dieser Verweigerungshaltung, so fordert inzwischen RBB-Fernseh-Chefredakteurin Petra Lidschreiber, dürfe künftig nicht festgehalten werden, nötig sei die kritische Auseinandersetzung, auch mit der DVU.

Besser und klüger fragen

Auch ein Verzicht auf Live-Interviews mit rechten Aktivisten erscheint nicht als probates Mittel zur Immunisierung des Publikums. Wolfgang Kapust, Hörfunk-Redakteur im ARD-Hauptstadtstudio und seit Jahren engagiert mit dem Thema befasst, erinnert allerdings an professionelle Standards: „Wie bei jedem schwierigen politischen Thema sollte derjenige, der mit Rechtsextremisten live auf dem Sender spricht, auch wissen, mit wem er es zu tun hat. Das heißt, er soll über die Leute informiert sein, über ihre Programme, ihre Geschichten, auch ihre Probleme, dann kann man besser und klüger fragen, dann passieren keine Fehler und Oberflächlichkeiten.“ Zugleich müssten Journalisten sich gegen die „klare medienstrategische Ausrichtung“ der Rechtsextremisten wappnen.

Wo diese versuchten, durch spektakuläre Aktionen und Aufmärsche in der Öffentlichkeit Aufsehen zu erregen, müsse das Fernsehen „aufpassen, dass es nicht diesen Eindrücken und Bildern erliegt“. Eine „Plattform für rechtsextremistische Propaganda“ dürften öffentlich-rechtliches Fernsehen und Hörfunk auf keinen Fall bieten. Sobald diese Gefahr drohe, findet der WDR-Mann, komme „durchaus auch der Entzug des Wortes in Betracht, allerdings als letztes Mittel“.

Auch HR-Medienforscher Oehmichen sieht gelegentlich das Informations- und Aufklärungsziel von Sendungen verfehlt. Unter Umständen könne sogar das Gegenteil erreicht werden, nämlich „Trivialisierung, Dämonisierung oder Werbung für den Rechtsextremismus“. Zur „Optimierung“ der Berichterstattung empfiehlt er unter anderem den Verzicht auf Stereotype. Auch rechtsextreme Täter müssten differenziert dargestellt werden, „um den generell vorhandenen Manipulationsverdacht gegenüber dem Medium, den Rechte erheben, aufzubrechen“. Vermieden werden sollte – zwecks Verbesserung der Wirkungschancen von Sendebeiträgen – „jede Form falscher Emotionalisierung“. Nötig sei eine sachgerechte Einordnung rechtsextremistischer Aktivitäten, die sowohl auf Verharmlosung als auch auf Überbewertung verzichte. (Ein Rat, der bei der jüngsten Landtagswahl in Schleswig-Holstein erneut gröblich missachtet wurde: Dort wurde die NPD von einigen Medien zu einem größeren Problem aufgeblasen, als sie real verkörperte.)

Perspektivenvielfalt gefordert

Oehmichen fordert auch eine größere Perspektivenvielfalt beim Blick auf rechts, etwa die Einbeziehung der Positionen von Opfern, Tätern, Politikern, Experten sowie des sozialen und politischen Umfelds. Wo dies geschehe und auf einfache Schwarz-Weiß-Schablonen verzichtet werde, habe der Zuschauer – selbst der rechtsorientierte – „eher die Chance, sich eine eigene Meinung zu bilden“.

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