Bärendienst am Journalismus

Portrait von Günter Herkel

Günter Herkel lebt in Berlin und arbeitet als freier Medienjournalist für Branchenmagazine in Print und Rundfunk.
Foto: Jan-Timo Schaube

Spiegel-Affäre? Der Begriff weckt Erinnerungen an die Attacke des Obrigkeitsstaates gegen eine mutige Redaktion vor 56 Jahren. Bei der neuen „Spiegel-Affäre“ kommt der Angriff auf die Pressefreiheit jedoch aus der Redaktion selbst. Offenbar hat der Journalist Claas Relotius bei seinen vielfach preisgekrönten Reportagen jahrelang systematisch geschummelt, getrickst und gelogen. In Zeiten steigenden Misstrauens gegenüber den „Mainstream-Medien“ eine Hiobsbotschaft für die gesamte Branche, ein Bärendienst am Qualitätsjournalismus.

Wie konnte das geschehen? Dass ein erfolgsbesessener Autor über einen so langen Zeitraum Geschichten fälschte, dramaturgisch zurechtbog, Geschehnisse und Personen frei erfand? Und das beim wichtigsten deutschen Nachrichtenmagazin, das sich so viel zugutehält auf die gewissenhafte Qualitätskontrolle seiner Dokumentationsabteilung? „Dass ein Kollege vorsätzlich betrügt, kann nicht Teil der alltäglichen Überlegungen im Journalismus sein“, so der Erklärungsversuch des hausinternen Aufklärers Ullrich Fichtner. Als habe es nicht den Fall Tom Kummer gegeben, der seinerzeit Redaktionen mit niemals stattgefundenen Promi-Interviews gefüttert hatte. Und dessen eigenwillige Transformation der zurechtgebogenen Wirklichkeit in „Kunst“  unter dem Begriff „Borderline-Journalismus“ in die Mediengeschichte einging. Erst vor sechs Wochen stellte Burda Strafanzeige gegen einen freien Autor, der dem Komponisten Ennio Morricone nie getätigte skandalträchtige Aussagen untergejubelt hatte. Zugegeben: der jetzt überführte Journalist ging im Vergleich dazu schlauer – oder sollte man sagen mit kontrollierter krimineller Energie – vor.  Seine gefakten Reportagen spielten in entlegenen Ländern, die von ihm erfundenen Protagonisten waren keine Prominenten, die Fälschungen mithin schwer durchschaubar. Dennoch gibt zu denken, dass die Enttarnung des Hochstaplers durch seinen misstrauisch gewordenen Co-Autor Juan Moreno erst gegen massive interne Widerstände durchgesetzt werden konnte.

Man registriere gerade bei den ganz jungen Kollegen eine ungesunde Fixierung auf Journalistenpreise, heißt es jetzt beim Spiegel. Die Verantwortlichen sollten sich aber auch fragen, inwieweit spezifische Elemente des berühmten Spiegel-Stils nicht dazu beitragen, einen Hang  zum Fiktiven zu befördern. „Szenische Inszenierung“ heißt die Masche, nach der dem Publik suggeriert wird, der Reporter sei selbst bei intimsten oder exklusiven Ereignissen dabei gewesen. Der Einsatz dieser Methode kostete Spiegel-Autor René Pfister vor vier Jahren den renommierten Henri-Nannen-Preis. Er hatte fälschlicherweise den Eindruck erweckt, den von ihm detailreich beschriebenen Hobbykeller von Horst Seehofer samt Modelleisenbahn mit eigenen Augen erkundet zu haben.

„Keine Angst vor der Wahrheit“ – dieser Werbeslogan des „Spiegel“ erscheint im Lichte des aktuellen Skandals einigermaßen daneben. Die Causa Relotius dürfte die Marke Spiegel nachhaltig beschädigen – und das in einem für das einstige „Sturmgeschütz der Demokratie“ ohnehin ungünstigen wirtschaftlichen Umfeld. Für Außenstehende kein Grund zu Häme. Der Skandal ist Wasser auf die Mühlen derjenigen, die schon immer wussten, die Presse verbreite ohnehin nur Fake News. Der Autoritäts- und Glaubwürdigkeitsverlust eines der publizistischen Flaggschiffe der Republik schadet mithin dem Ansehen aller demokratisch gesinnten Medien. Es bedarf größtmöglicher Transparenz und Aufklärung, das so verspielte Vertrauen zurückzugewinnen.

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