Buchtipp: Vergessene Nachrichten oder Trash

Hektor Haarkötter, Jörg-Uwe Nieland (Hrsg.): Nachrichten und Aufklärung. Medien- und Journalismuskritik heute: 20 Jahre Initiative Nachrichtenaufklärung. Springer VS-Verlag, Wiesbaden 2018, 264 Seiten, 44,99 €, ISBN 978-3-658-18098-0

„Heute gibt es nicht zu wenig, sondern zu viel Nachrichten“, konstatieren die Herausgeber des Sammelbandes „Nachrichten und Aufklärung“, der anlässlich des 20. Jubiläums der Initiative Nachrichtenaufklärung (INA) erschienen ist. Über unklare Auswahlverfahren für die Bundesrichterwahl wurde nicht berichtet, dagegen ausführlich über die Scheidung von Brad Pitt und Angelina Jolie – eine Schieflage nach den Relevanzkriterien der INA, die alljährlich die „Top Ten“ der vergessenen Nachrichten veröffentlicht.

Wissenschaftler_innen und Journalisten problematisieren in dem Jubiläumsband das Verhältnis zwischen Mediensystem und Gesellschaft, welche Themen relevant für den sozialen Diskurs sind und warum diese vernachlässigt werden. Alle Autor_innen stammen aus dem INA-Umfeld – angefangen bei den bisherigen Geschäftsführern Peter Ludes, Horst Pöttker und Hektor Haarkötter, der den Band zusammen mit Jens-Uwe Nieland herausgegeben hat, bis hin zu Vorstands- und Jurymitgliedern wie Günter Wallraff.

Die INA wurde 1997 an der Universität Siegen mit dem Ziel gegründet, auf Themen und Geschichten hinzuweisen, „die von deutschen Massenmedien vernachlässigt werden, für die demokratische Willensbildung aber besonders wichtig sind“. Ihr Initiator, der emeritierte Medienprofessor Peter Ludes, definiert in seinem Beitrag, was unter dieser gesamtgesellschaftlichen Relevanz verstanden wird: „Je mehr Menschen von einem Problem betroffen sind, desto wichtiger ist es, vor allem wenn es um Leben und Tod oder allgemeine Lebenschancen geht.“ Traditioneller Journalismus, der über solche Themen aufklärte, werde durch das Internet mit seinen „Infrastrukturen der Verschleierung“ untergraben, da im Netz „nicht algorithmisch erfassbare Wahrnehmungsbereiche“ grundsätzlich „ausgeblendet“ würden und kommerzielle Plattformen sowie soziale Netzwerke keiner öffentlichen Kontrolle unterliegen.

Die Hälfte der zwölf Beiträge thematisiert wie der von Ludes die Aufklärung durch Nachrichten aus theoretischer Perspektive. Da geht es etwa um Gründe für die Vernachlässigung bestimmter Themen wie die Macht sozialer Eliten und eine „gewisse Kameraderie“ von Journalist_innen mit diesen, wie sie auch die INA jenseits von Verschwörungstheorien kritisiert. Die aktuelle Glaubwürdigkeitskrise der Medien sei weniger auf mangelnde Transparenz der Berichterstattung, sondern eher auf politische Entfremdungsgefühle der Rezipierenden zurückzuführen. Das habe auch mit der zunehmenden Komplexität von Welterfahrungen zu tun, die journalistische Themenreduktion erschwere. Informationskanäle würden zunehmend durch irrelevante Junk News wie „Klatsch und Trash“ verstopft, illustriert Politologe Jens-Uwe Nieland in seinem Beitrag.

Drei Autoren referieren empirische Studien. Eine Analyse thematisiert das mobile, sozial vernetzte und dialogisch kommunizierende junge Publikum, das von Redaktionen umworben wird mit Themen aus seiner Lebenswelt. Eine Inhaltsanalyse der heftig kritisierten Ukraine-Berichterstattung deutscher Leitmedien endet mit dem Fazit, dass die westliche Einmischung zwar erwähnt wurde, aber „keinen besonderen Rechercheeifer auslöste“, so dass sie im Mainstream untergehen konnte.

Die journalistische Perspektive vertreten Enthüllungsautor Günter Wallraff, nach dem der seit 2015 verliehene INA-Preis für Journalismuskritik benannt ist, und der DJV-Bundesvorsitzende Frank Überall, der schreibt: „Nicht die Lüge, sondern die Nachlässigkeit in der journalistischen Arbeit ist der Feind der Aufklärung.“ Wallraff beklagt, dass häufig soziale Themen unter den Tisch fallen, „die vielen Menschen unter den Nägeln brennen“, etwa die prekären Arbeitsverhältnisse. So zählte die Scheinselbstständigkeit freier Journalist_innen 2017 auch zu den vernachlässigten Themen. Die Dokumentation der Top Ten vergessener Nachrichten aus 20 Jahren INA im letzten der vier Kapitel hat die Kölner Medienwissenschaftlerin Johanna Wergen erstellt – einzige Frau unter den Autor_innen.

Alle Beiträge umkreisen das Themenfeld Aufklärung und Nachrichten – mal näher an der Geschichte der INA wie bei Horst Pöttker, der die Begleitforschung des Projekts vorstellt, oder allgemeiner, wenn der Qualitätsbegriff oder die Verdachtsberichterstattung problematisiert werden. Die Texte sind so unterschiedlich wie ihre Verfasser – mal gut verständlich geschrieben, mal stört der Fehlerteufel den Lesefluss. Für die Zielgruppe der Wissenschaftler_innen und Studierenden sind sie sicherlich eine interessante Lektüre, aber auch für alle, die sich für die Geschichte der INA interessieren.

 

 

 

 

 

 

 

nach oben

weiterlesen

Wort gewinnt an Wert

Zehn Info-Wortprogramme betreiben ARD und Deutschlandfunk zusammen. Gemessen an den zahlreichen öffentlich-rechtlichen und privaten Popwellen ein eher kleiner Sektor. Doch mit Ausnahme von WDR5, wo leichte Verluste hingenommen werden mussten, haben alle Informationsangebote bei der Media Analyse 2018 Hörer_innen gewinnen können. Sender wie SWR Aktuell verzeichnen sogar 49,3 Prozent Plus. Was die Infowellen besonders freuen dürfte: Zugelegt haben die Sender vor allem in der für sie relevanten Zielgruppe der 30-49-Jährigen, nicht bei den Älteren. Wie kommt´s?
mehr »

Anatomisch nicht möglich

Im Vorschulalter lernen Kinder, dass Zeichentrickwelten in Wirklichkeit nicht existieren. Das heißt aber nicht, dass die Bilder wirkungslos bleiben: Wenn sich Kinder mit einer Figur identifizieren, spielt es keine Rolle, ob sie gezeichnet oder real ist. Weil Trickserien also großen Einfluss auf die kindliche Identitätsentwicklung haben können, üben Wissenschaftler_innen harsche Kritik an der „hypersexualisierten“ Gestaltung vieler weiblicher Figuren.
mehr »

Buchtipp: Die Sprache der Rechten – kaum Erkenntnisgewinn

„Die Rechtspopulisten sind schlaue Verführer“, behauptet der Passauer Kommunikationswissenschaftler Frederik Weinert. Und erhebt in seinem Buch „Die Sprache der Rechten“ den Anspruch, über Instrumente und Wirkungsweise dieser Verführungskraft aufzuklären. Doch der Band enttäuscht auf der ganzen Linie. Schade eigentlich, denn das brandaktuelle Thema hätte eine profundere Betrachtung verdient.
mehr »

Die Nacktheit im Fernsehen

Eine Zeitlang war Nacktheit im Fernsehen auch dank vieler freizügiger Angebote der Privatsender so normal, dass sich kaum noch jemand daran zu stören schien. Mittlerweile hat sich der Trend jedoch derart ins Gegenteil gekehrt, dass das nudistische RTL-Format „Adam sucht Eva“ zur Ausnahme wird. Liegt es am Zeitgeist, erregt nackte Haut in Zeiten von YouPorn keine Aufmerksamkeit mehr oder sitzen an den entscheidenden Stellen bei den Sendern inzwischen viel mehr Frauen als früher, weshalb der männliche Blick nicht mehr dominiert?
mehr »