Bunt statt Braun!

Werkstattgespräche in der dju Hamburg

Die Idee stammt von der Rundfunkautorin Astrid Matthiae, und Jürgen Bischoff von der dju in Hamburg hat sie gerne aufgegriffen: In der von rechtsextremen Demonstrationen gebeutelten Hansestadt wird es in loser Reihenfolge Werkstattgespräche zum Thema: Bunt statt Braun geben, in denen Journalistinnen und Journalisten von Print- oder elektronischen Medien über ihre Arbeit öffentlich diskutieren: Mit ihren Interviewpartnern, mit Kolleginnen und Kollegen und mit der interessierten Öffentlichkeit. Im Mittelpunkt stehen dabei Berichte über das Zusammenleben mit Minderheiten und mit Ausländern sowie über den Widerstand gegen rechtsextreme Entwicklungen.

Eine gute Idee. – Allein die Tatsache, dass die „Minderheiten“, die oft eben „Randgruppen“ und „sozial Ausgegrenzte“ sind, selbst noch einmal zum Arbeitsergebnis Stellung nehmen können, ist anspruchsvoll. Sind Sachlage, Aussage, Intention und die Stimmung der Interviewpartner richtig wiedergegeben? Eine Kontrollfrage, die wir in der Eile des Geschäfts unseren Gesprächspartnern oft nicht mehr stellen.

Nun stellen wir sie also im Werkstattgespräch. Das erste hat in Hamburg schon stattgefunden: Wir hörten gemeinsam die halbstündige Radiosendung von Astrid Matthiae: „Der Dialog hat begonnen – Schleswig-Holsteins Sinti und Roma auf dem Weg in die Mitte der Gesellschaft“, ein Beitrag, der in der Sendereihe „Lokaltermin“ in der Redaktion von Wolfgang Meisenkothen auf NDR 4 ausgestrahlt wurde.

Da sitzen wir also in einem NDR-Konferenzsaal, der locker gefüllt ist mit grauhaarigen und rothaarigen, blonden und tiefschwarzhaarigen Leuten. Kolleginnen und Kollegen, Sozialarbeiter, Lehrerinnen sind gekommen, von den Sinti und Roma sind lauter Männer da. Das Thema ist klar: Es geht um das Leben der Sinti und Roma in Schleswig Holstein. Seit 600 Jahren siedeln sie schon dort, immer sind sie die „Zigeuner“, im Volkslied romantisch verklärt, in der Wirklichkeit oft scheußlich behandelt, grausam verfolgt. Aber was wissen wir wirklich über sie? Hat jemand von uns neben einem Zigeuner die Schulbank gedrückt? Wo gehen sie überhaupt zur Schule? Vor wenigen Jahren noch schafften Sinti- und Romakinder wegen ihrer Sprachprobleme fast nie die Grundschule: Ab in die Sonderschule, hieß es da, und so erstickten viele unerkannte Talente im Keim. – Astrid Matthiae berichtet nun von einem in Deutschland einmaligen Projekt an mittlerweile vier Schulen in Kiel: Sinti-Mütter nehmen in der Grundschule am Unterricht teil, vor allem, um den Sinti-Kindern bei Sprach- und Eingliederungsproblemen zu helfen. Mittlerweile sind die ersten Kinder schon gut durch die Grundschule gekommen und besuchen jetzt die Hauptschule.

Die Gruppe der schwarzhaarigen Männer wippt mit den Füßen. Der Vorsitzende des Landesverbandes in Hamburg erzählt atemlos von Elend und Tod der Sinti und Roma in deutschen Konzentrationslagern. – Wie kommen wir zurück zum eigentlichen Thema? Warum sitzen hier eigentlich keine Sinti-Frauen, fragt jemand. Wo sind die interviewten Mediatorinnen? – Sie hatten Angst zu kommen, antwortet Matthäus Weiß, der Vorsitzende des Landesverbandes der Sinti und Roma in Schleswig-Holstein. Sie fürchten sich vor rechtsradikalen Angriffen. Astrid Matthiae hat bei ihren Recherchen zum Thema das tiefsitzende Misstrauen der Sinti-Frauen kennengelernt. Sie scheuen die mediale Öffentlichkeit. Auch wir im Saal müssen uns an ein gemeinsames Gespräch mit den Sinti und Roma Männern erst herantasten. Sybille Wahnschaffe moderiert mit Feingefühl.

Matthäus Weiß wird für die Dauer der Diskussion zum Hauptgesprächspartner. In der Sendung hat er gesagt: „Wir wollen keine neuen Schranken aufbauen.“ Und was ist mit den alten Schranken? Wollen wir die nicht abbauen? Vor allem wollen wir verstehen, was in der Sendung noch offen geblieben ist: Warum gehen Sinti-Kinder nicht regelmäßig zu Schule? Warum darf eine Sinti-Frau keine Arbeit im Pflegeheim annehmen? Ganz konkrete Fragen, auf die es ganz konkrete Antwort gibt. Oder auch nicht. Die Kinder, so ist es bei den Sinti Tradition, werden zur Schule begleitet. Die Eltern haben Angst, ihren Kindern könnte unterwegs etwas passieren, Unfälle oder Überfälle. – Ist die Angst nicht übertrieben, widerspricht sie nicht dem Selbständigwerden der Kinder? „Wir nehmen uns die Zeit, unsere Kinder zu behüten“ lächelt Matthäus Weiß und tischt damit einen Gedanken auf, der die mehrheitsdeutsche Idee von der Erziehung zur raschen Emanzipation doch arg ins Wanken bringt.

Und warum darf eine Sinti-Frau nicht im Pflegeheim arbeiten? Unsere Ohren werden lang, aber wir hören nur: Da gibt es ein Tabu. Erklärt wird es nicht. Das ginge uns nichts an. – Wie bitte? Erstens sind wir Journalisten und bestimmen selbst, was uns angeht und interessiert. Das ist unser Beruf. Zweitens dienen Erklärungen der Verständigung. Drittens aber auch der Bemächtigung, kontert Matthäus Weiß.

Wir Großkopfeten aus der vermeintlich tabulosen Mehrheitsbevölkerung müssen schlucken. Und wir lernen wieder: Grenzen respektieren! Uns ergeht es nicht anders als der Autorin der Sendung: Eine Frage bleibt unbeantwortet.

 

 

 

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