Das Ende einer Ära – Kai Diekmann verlässt Springer

Er ist ein echtes Springer-Eigengewächs. Als 21jähriger startete Diekmann seinen Durchmarsch an der hauseigenen Journalistenschule. 15 Jahre lang polarisierte er an der Spitze von Deutschlands größtem Boulevardblatt „Bild“. Politische Leichen, darunter die eines Bundespräsidenten, pflasterten seinen Weg. Jetzt, gut 30 Jahre später, verlässt er den Verlag mit unbekanntem Ziel.

Nach dem Volontariat folgten Jobs als Parlamentskorrespondent bei „Bild“ und „BamS“, als „Bild“-Politikchef und Chef von „Welt am Sonntag“. 2001 dann der Gipfel, die Übernahme der „Bild“-Chefredaktion. Die „Bild“-Welt war damals freilich noch eine andere. Die Verkaufsauflage erreichte stolze 4,5 Millionen, die digitale Transformation der Medienbranche steckte noch in den Kinderschuhen. Diekmann erfreute die „Bild“-Gemeinde mit Gaga-Headlines wie „Rudi-Haudi-Saudi“ und zelebrierte die Beförderung von Kardinal Ratzinger unter dem Slogan „Wir sind Papst!“ Nachdem Springer-Vorstandschef Mathias Döpfner die Parole „Online First“ ausgegeben hatte, verwandelte Diekmann die Cash-Cow „Bild“ in eine Marketing-Maschine. Mit Journalismus hatte das allerdings immer weniger zu tun. „Bild“ als Marke – das konnte so ziemlich alles sein: Bücher, DVDS, PC-Spiele und Steuer-Software. Auch Nebenmarken feierten spektakuläre Erfolge: vom Volks-PC über die Volks-Bibel bis hin zur Volkszahnbürste. Das Blatt selbst lieferte eine wilde Mischung aus Werbung, Entertainment, PR und ja – auch Journalismus. Hauptsache, der shareholder-value stimmte. Gelegentlich besann sich „Bild“ auch unter Diekmann noch seiner Funktion als politisches Kampforgan. Zu spüren bekam dies vor allem Ex-Bundespräsident Christian Wulff. Dass die Macht von „Bild“ inzwischen begrenzt ist, zeigte sich dagegen im Fall des Diekmann-Freundes und Ex-Verteidigungsministers zu Guttenberg. Der war nach der Plagiats-Affäre selbst von „Bild“ nicht mehr zu retten.

In jüngerer Zeit verfolgte das Blatt einen Wackelkurs. Die Chefredaktion changierte zwischen hemmungslosem Griechen-Bashing, rührseligen Flüchtlingsstories und der Pranger-Aktion, bei der Hass-Einträge auf Facebook geoutet wurden. In einem Punkt immerhin sorgte Diekmann für Kontinuität. Auch unter ihm lag „Bild“ im Ranking der Presserat-Rügen für unkorrekte und persönlichkeitsverletzende Berichterstattung einsam an der Spitze. Ein Umstand, der ihm im so genannten Penis-Prozess gegen die taz zum Verhängnis wurde. Seine Klage gegen eine Satire, die sich parodistisch über eine missglückte Penisverlängerung bei Dieckmann ausgelassen hatte, wurde weitgehend abgeschmettert. Urteilstenor: Der Chef eines Blattes, das auch mit der systematischen Verletzung der Persönlichkeitsrechte Anderer Kasse mache, dürfe an Dritte nicht härtere Maßstäbe anlegen als an sich selbst. Pack schlägt sich, Pack verträgt sich. Seit 2009 ist Dieckmann Mitglied der taz-Genossenschaft.

Die „Bild“-Auflage dümpelt inzwischen bei weniger als zwei Millionen. Kein Wunder, dass Diekmann schon vor einem Jahr die Lust an seinem Sprachrohr offenbar abhandenkam. Anzeichen dafür waren bereits vorher erkennbar, als der einst so tadellos gegelte Springer-Manager im Silicon Valley vorübergehend zu einem Nerd im Hoodie und mit Hipster-Bart mutierte. Vor einem Jahr gab der stets polarisierende Diekmann die „Bild“-Chefredaktion an seine Stellvertreterin Tanit Koch ab.

Seither agierte er, inzwischen wieder rasiert und mit Denkerstirn, als Gesamtherausgeber der „Bild“-Gruppe und Verantwortlicher für die Steuerung der diversen „Bild“-Marken, faktisch als graue Eminenz. Damit ist es Ende Januar vorbei. Zuletzt geriet Diekmann wegen mutmaßlicher Belästigung einer Mitarbeiterin in die Schlagzeilen. Mit seinem Abgang bei Springer endet eine Ära. Über seine Zukunftspläne schweigt er sich einstweilen aus.

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