„Das Netz ersetzt nicht den Besuch auf dem Acker“

Der Online-Journalismus boomt. Ungeregelt entstehen immer mehr Redaktionen. Gibt es die besondere Spezies der Online-Journalisten? Und wie geht man mit dem Problem Inhalt und Werbung um? Der Einstieg in eine Bestandsaufnahme.

Warum geht ein junger Mensch oder gar eine gestandene Journalistin zu einem Online-Medium und produziert schnell verderbliche Ware, mit der man noch nicht einmal einen Kisch-Preis gewinnen kann? Im Falle des jungen Menschen kommt die Antwort wie aus der Pistole geschossen: „Weil hier innerhalb der Medienbranche das größte Wachstum zu verzeichnen ist“, sagt der 29-jährige Gregor Kessler, der zurzeit bei Brigitte-Online ein Volontariat macht.

Rüdiger Dietz gehört zur Gattung „gestandener Kollege“ und ist vor eineinhalb Jahren bei Spiegel-online mehr oder weniger in den Job „reingerutscht“. In seinem bisherigen Journalistenleben machte er Funk und Fernsehen und war zuletzt Redakteur bei der „Hamburger Morgenpost“. Am Online-Journalismus reizt ihn, dass man hier alle journalistische Darstellungsformen miteinander verknüpfen kann: „Wir haben nahezu unbegrenzte Möglichkeiten“, so der Redakteur. Er schätzt an seiner Tätigkeit, dass es bei Online „keine alten Zöpfe“ gibt; der berüchtigte Bremser-Satz „das haben wir noch nie so gemacht“ ist dem E-Journalisten fremd.

Dass er an „schnell verderblicher Ware“ arbeitet, weist er eben so entschieden zurück, wie er nicht in den Chor derer einstimmt, die behaupten, die Spezies Online-Journalisten seien von besonderem Holz geschnitzt: „Ich sehe keinen wesentlichen Unterschied zu Kolleginnen und Kollegen in den klassischen Medien.“ Das sieht Jens Schröder, der seit Oktober bei der Akademie für Publizistik in Hamburg für den Aus- und Weiterbildungsbereich „Online“ zuständig ist, ähnlich: „Ohne journalistische Grundlagen funktioniert auch der Online-Journalismus nicht.“ Lediglich die Bereitschaft, sich mit der Technik auseinander zu setzen, runde das Idealbild das kompetenten Onliners ab. So versucht Schröder in seinen 3-tägigen Fachseminaren zu vermitteln, nicht nur aus dem Web zu leben: „Es gibt nichts, was den Eindruck vor Ort ersetzt.“

„Ich komme viel weniger raus“

Damit rennt er bei Uta Bangert offene Türen ein. Nachdem sich die gelernte Journalistin eine Aus-Zeit gegönnt hatte, kam sie über eine Fortbildung zu Brigitte-Online. Auch sie ist von der Schnelligkeit und den vielfältigen Darstellungsformen des Internets fasziniert. Aber: „Ich komme viel weniger raus“, sagt sie mit Nachdruck. Auch Dietz bedauert, dass er kaum noch „raus“ kommt. Er ist davon überzeugt, dass in absehbarer Zeit auch Netz-Reporter fester Bestandteil einer Online-Redaktion sind. Für Spiegel-online arbeiten bereits zwei Korrespondenten in Berlin.

Es besteht kein Zweifel: der Online-Journalismus boomt. Das merkt auch der stellvertretende Schulleiter der Henri Nannen-Journalistenschule, Berndt Schramka. Er ist für den ersten Online-Volontariatslehrgang, der am 1. November beginnt, verantwortlich. Üblicherweise erreichen die Schule im Zeitabstand von zwei Jahren etwa 1.800 Bewerbungen. Die Vorlaufzeit für das Online-Volontariat betrug vier Wochen und die Auswahlkommission musste dafür 600 Bewerbungen sichten.

„Die Schnelligkeit gibt mir den Kick“

Einen der 26 Plätze hat die 27-jährige Christina Kestel ergattert. Nach ihrem Studium in Literaturwissenschaften, Betriebswirtschaft und Psychologie arbeitete sie zwei Jahre als Freie in Brandenburg. Dann war sie sicher, dass Journalistin das Richtige für sie ist und schaute sie sich nach einem Volontariatsplatz um. Gelandet ist sie bei der „Financial Times Deutschland“ (FTD): „Die 9-monatige Grundschulung hat mich total fasziniert“, erzählt sie. Als sie vom Online-Lehrgang hörte, hat sie sich beworben: „Ich bin wie die sprichwörtliche Jungfrau zum Kinde zu Online gekommen“. Zunächst fiel ihr die Umstellung von Print auf Online schwer: „Hier sind wir viel häufiger aktuell. Es gibt keinen Redaktionsschluss im klassischen Sinne und doch ist er permanent da.“ Die News schnell an die Kunden weiterzugeben, findet sie toll: „Die Schnelligkeit gibt mir einen Kick!“

Hat das Tempo des Internets Auswirkungen auf die Qualität der journalistischen Produkte? Peter Berger, bei der FTD Ressortleiter Nachrichten und zudem für Online verantwortlich, sagt, selbst recherchiertes Material muss der Überprüfung von zwei unabhängigen Quellen standhalten und bei Agenturmaterial wird nicht nur auf eine Agentur geschaut, sondern auch, was andere Agenturen zum Sachverhalt melden: „So unterscheidet sich unsere Arbeitsweise nicht von Print.“ Kestel ergänzt: „Wir schmeißen nicht gleich alles auf den Markt!“

Die Geschwindigkeit des Netzes fasziniert auch den 28-jährigen Jens Findeisen, der bei stern.de ebenfalls auf den Beginn des Lehrgangs in der Henri Nannen-Schule wartet. „Man kann in kurzer Zeit einfach viel umsetzen“, sagt er. Vor seinem Volontariat war er Versicherungskaufmann und sagte sich eines Tages, „das kann es nicht sein“. Die „Lust aufs Schreiben“ war da und die Affinität fürs Internet auch. Bei stern.de fand er die geeignete Kombination, um beiden Neigungen nachzugehen.

FTD: Jeder muss für alles schreiben

Meist arbeiten die Online-Redaktionen losgelöst von den „klassischen“ Redaktionen. Einen anderen Weg geht die FTD: als sie im Februar des Jahres an den Start ging, sagte Chefredakteur Andrew Gowers, er sei glücklich darüber, dass er für die Redaktion völlig neue Strukturen aufbauen konnte. Dies wäre bei einem vorhandenen Blatt viel schwieriger gewesen. Zum Beispiel müsse bei der FTD jeder für alles schreiben. „Im News-Raum arbeiten die Kollegen rechts von mir für Print und links von mir für die Online-Ausgabe“, sagt Berger. Nicht alles was auf Papier erscheint, wird eins zu eins ins Netz gestellt. Interessante Themen der Zeitung werden von Redaktionsteams mit Web-Dossiers aufbereitet. Fürs Thema zusammen gestellte Links bieten zudem vertiefende Informationsmöglichkeiten. In einem Punkt konkurriert die FTD mit den Agenturen: Das Geschehen an der Börse wird fast in Echtzeit an die Kunden weitergegeben.

Auf der Website soll die Marke des Print-Titels erkennbar sein, sagen fast alle Online-Verantwortlichen. „Lieber auf Kosten der Schnelligkeit auf Qualität besinnen“, gibt Dietz die Devise für Spiegel-online aus. Was vor fünf Jahren als Kleinstbetrieb mit vier Leuten begann, ist inzwischen eine ansehnliche Abteilung mit etwa 80 Beschäftigten. Die Hälfte davon sind Redakteure, die andere Hälfte unter anderem Dokumentare, Korrektoren und Techniker. Bis zum Jahresende soll die vorläufige Sollstärke von etwa 100 Redaktionsmitgliedern erreicht sein. Die Internet-Aktivitäten des Verlags wurden Anfang September in der SPIEGELnet AG gebündelt. Ein Börsengang soll derzeit nicht auf der Tagesordnung stehen.

Problem: Niemand will dafür bezahlen

Wie aber wird mit Online Geld verdient? Schaut man sich die Zahlen des Spiegel-Verlags an, ist der E-Umsatz eine zu vernachlässigende Größe. Insgesamt wurden im abgelaufenen Geschäftsjahr 647 Millionen Mark umgesetzt. Der Gewinn betrug knapp 50 Millionen Mark. Gerade mal 8,7 Millionen Mark beträgt der Online-Umsatz. Das ist die Crux an der schönen neuen Medienwelt: Niemand will für sie bezahlen. Dass durch die vielen Online-Medien inzwischen Nachrichten „billig wie Dreck“ geworden sind, bestätigt Werner E. Klatten, Leiter der Stabsabteilung Märkte und Erlöse des Verlags und Vorsitzender der SPIEGELnet AG.

Durch einen stetigen Ausbau des Netz-Angebotes sollen die User an die Sites gebunden werden. Eine hohe Zugriffsrate – im September 6,3 Millionen Besuche über die Startseite und 23,1 Million Zugriffe auf Sites – bedeuten gute Werbeeinnahmen. Etwa 90 Prozent des Umsatzes wird über Bannerwerbung gemacht. Jahr für Jahr wurde der Umsatz verdoppelt und Klatten setzt auf den berühmten Schachbrett-Reiskorneffekt. Für die Zukunft erhofft er sich durch Bewegtbildwerbung einen neuen Einnahmeschub. Zudem ist die SPIEGELnet AG als Dienstleister für Dritte aktiv. Zum Thema e-commerce stellt Klatten klar, dass die bewährte Trennung von Redaktion und Anzeigenabteilung auch im Netz bleiben muss: „Der User muss wissen, was unabhängige Information und was Werbung ist.“

Trennung von Inhalt und Werbung

Seit einiger Zeit wird über das Problem Inhalt und Werbung offen debattiert. Die Verlagshäuser dürfen nicht nur informieren – also Inhalte anbieten -, sondern als Dienstleistungsbroker die Kaufwünsche der Netzgemeinde befriedigen und den Zahlungsverkehr abwickeln, alles muss aus einer Hand kommen, fordert der Unternehmensberater und Medienanalyst Marc Ziegler von der Beraterfirma Diebold in der FTD.

Die Branche ist in einem Dilemma: Einerseits soll im Netz Geld verdient und gleichwohl die Trennschärfe zwischen Inhalt und Kommerz beibehalten werden. Das führte beim „Spiegel“ im Vorfeld der Gründung der SPIEGELnet AG zu Diskussionen zwischen der Mitarbeiter KG und der Geschäftsleitung. Einige Verlagshäuser wiederum kennen kein Pardon und betreiben mittlerweile elektronische Kaufhäuser, in den man über Links auf den redaktionellen Sites vom Autoreifen bis zur Zigarre alles bestellen kann.

Die FTD zeigt einen Ausweg: „Online-Medien haben nur eine Chance: Entweder können sie die Leser durch einen entsprechenden Kodex überzeugen, dass Handel und Information sich nicht widersprechen müssen, und so ihr Anliegen im Netz finanzieren. Oder sie betrachten ihren Online-Auftritt per se als Zusatzgeschäft – als Werbung für das gute alte Print-Produkt. Andernfalls werden sie der Profite in der New Economy zuliebe schnell ihr wichtigstes Kapital der Alten Wirtschaft verlieren – ihre Glaubwürdigkeit“, so das Blatt am 1. August des Jahres.

Gute Ausbildung soll journalistisches Selbstbewusstsein stärken

Online-Ausbilder Schröder ist der Meinung, dass am ehesten eine gute Ausbildung das journalistische Selbstbewusstsein stärkt. Wer, wenn nicht die Kolleginnen und Kollegen selbst sollen einer Geschäftsleitung Paroli bieten? So plädiert Schröder dafür, dass sich die Branche möglichst selbst regelt und dass in die Ausbildung von Journalisten investiert wird. Untereinander sollen sich die Verlage auf Volontariats-Standards einigen.

Einen Anfang machten die Hamburger Medienunternehmen Verlagsgruppe Milchstrasse, Tomorrow Internet AG, Heinrich Bauer-Verlag, AOL Deutschland, Jahreszeiten-Verlag und das Internet-Unternehmen clickfish.com , die sich Mitte Oktober auf gemeinsame Richtlinien für eine Ausbildung zum Online-Redakteur geeinigt haben. Und unlängst kamen zum dju/IG Medien-Online-Abend gut 100 Kolleginnen und Kollegen, um mit Online-Chefredakteuren über das Gewerbe zu diskutieren (siehe Beitrag von Jürgen Bischoff auf Seite 10). Selbst der Bundesverband der deutschen Zeitungsverleger (BDZV) verschließt sich nicht mehr generell, mit den Gewerkschaften über die Materie Online zu reden.

Bisher ist für den Bereich Online so gut wie nichts geregelt. Tarifschutz gibt es nicht. Und über den schnöden Mammon wird sich ausgeschwiegen. Betriebsräte sind ein Fremdwort. Viele Online-Redaktionen fungieren als Töchter der bereits ausgegliederten Online-Töchter der großen Verlage. Auch außerhalb der klassischen Medienbranche etablieren sich Redaktionen. Beispielsweise bei der Firma Kabel New Media in Hamburg, die unter anderem die Website für BMW betreut. Auch in der AOL-Deutschland-Zentrale in Hamburg soll es eine stattliche Anzahl Online-Redakteure geben.

Regelungsbedarf

Unter der Hand geben die meisten Online-Verantwortliche zu, dass beispielsweise in der Entgelt- und Ausbildungsfrage Regelungsbedarf besteht. Doch offen möchte sie niemand aus dem Fenster hängen. Einstweilen redet das Gewerbe über sich selbst. In Umfeld des „Spiegel“ erzählt man folgende Geschichte: Hatte ein Reporter des Hamburger Nachrichtenmagazins zu vordigitalen Zeiten den Auftrag, etwas über Landwirtschaft zu schreiben, ging er auch auf den Acker und grub mit dem Bauer Kartoffeln aus. Heute lässt er sich ein Dossier aus dem weltweiten Netz zusammenstellen, geht dann noch mit dem Bauernverbandspräsidenten in eine schicke Bar und schreibt dann seinen Artikel.

Als Schramka diese Geschichte hört, schmunzelt er und relativiert: Mag sein, dass der Kollege tatsächlich auf den Acker gegangen ist. Aber vorher hat er sich aus dem umfangreichen „Spiegel“-Archiv auch ein Dossier zusammen stellen lassen. Unter Umständen findet er im Internet mehr zum Thema: „Aber das Netz ersetzt nicht den Besuch auf dem Acker“, so Schramka. Und deshalb werden die Online-Volos eben auch „raus ins feindliche Leben“ geschickt.

 

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