Das Rauschen herausfiltern

Tipps für journalistische Recherche in sozialen Netzwerken

Youtube, Twitter und Blogs liefern Nachrichten sehr viel aktueller als alle anderen Medien. Bevor das Drehteam eines TV-Senders vor Ort eintrifft, ist bereits ein mit dem Smartphone gedrehter Augenzeugenbericht bei Youtube erschienen. Anlässlich des arabischen Frühlings sahen sich TV-Sender veranlasst, Technik anzuschaffen, mit der Youtube-Videos in Sendungen integriert werden können. Schneller und aktueller geht es nicht – was können traditionelle Medien dem noch entgegensetzen? In jedem Fall eine gründliche Prüfung der Fakten!


Fast jeder ist schon mal auf ein gefälschtes Youtube-Video hereingefallen, aber nicht jeder wird es gemerkt haben. Eines der jüngsten Beispiele beschäftigte Mitte Dezember Spiegel-Online: der vermeintliche Angriff eines Adlers auf ein Kind in einem Park in Montreal. Wie gehen Journalisten und Redaktionen mit dem Problem Seriosität in den sozialen Netzwerken um? Wenn 200 Twitter-User von einem Attentat berichten, muss das Ereignis stattgefunden haben – oder? Profis legen 200 unterschiedliche Twitter-Accounts in wenigen Minuten an. Dazu benutzen sie Software, mit der sich diese Aufgabe weitestgehend automatisieren lässt.
Gavin Sheridan von der irischen Firma Storyful referierte im September anlässlich der Social Media Week in Berlin über journalistische Recherchemethoden im Netz. Storyful ist eine „Social News Agency“, also eine Nachrichtenagentur für soziale Netzwerke. Die Firma bezeichnet sich auch als „Outsourced Newsroom“. Sheridan gab Einblicke in die Arbeitsweise von Storyful. Twitter, Facebook und Youtube stünden bei den Auswertungen im Vordergrund, berichtete er. Um rund um die Uhr einen Newsroom zur Auswertung der Social Media betreiben zu können, beschäftige Storyful 24 Journalisten. Zu den Kunden der Firma zählten die New York Times, der US-Fernsehsender ABC-News sowie der französische Auslandssender France24.

Informationsflut bewältigen

Die Social Media Recherche stelle Medienschaffende vor zwei besondere Schwierigkeiten. „Das Rauschen herauszufiltern“ sei das erste große Problem, bei dem Versuch, aus diesen Plattformen „good output“ zu generieren. In jeder Minute würden 72 Stunden Video-Content auf Youtube hochgeladen und Facebooks User stellten täglich 250 Mio. Fotos online. Mit steigender Tendenz, wie etwa bei Twitter, wo 2010 noch 100 Mio. Tweets pro Tag erschienen sind, während es 2012 voraussichtlich 400 Mio. gewesen sein werden. Wie lässt sich diese Informationsflut in den Griff bekommen, Wichtiges von Unwichtigem trennen? Dies sei die zentrale Frage, vor der Journalisten und Redaktionen ständen, meinte Sheridan. Professionelles Social Media Monitoring sei dafür ebenso notwendig, wie eine effiziente Filterung der Daten.
Da Storyful als Nachrichtenagentur den Fokus auf News lege, diene Twitter als Hauptquelle. Sheridan zeigte beispielhaft Software und Verfahren, mit denen Storyful das Rauschen wegfiltert. Schon Twitter’s „Advanced Search“ eigne sich, um die Informationsflut zu beschränken und auf ein Thema zu fokussieren. TweetDeck erlaubt, eine große Zahl von Twitter-Kanälen gleichzeitig zu monitoren und die besten Quellen herauszufinden. Verschiedene Plattformen, darunter Twitter selbst oder auch Statweestics, bieten Hashtag-Analysen (zu Hashtags siehe „M“ Nr.7, 2012), womit sich schnell feststellen lasse, welche Themen auf Twitter gerade im Vordergrund stehen.

Fakten überprüfen

Das zweite Problem stellt die Überprüfung von Seriosität und Echtheit dar. Auf Twitter verbreiteten sich Neuigkeiten zwar extrem schnell, allerdings erfordere es einen hohen Rechercheaufwand, um lediglich die fünf klassischen W-Fragen zu klären. Als 2009 in New York ein Airbus im Hudson River landete, wurde das zuerst über Twitter verbreitet. Dort sollen auch die ersten Fotos verfügbar gewesen sein. Augenzeugen vor Ort produzieren mit den Kameras ihrer Smartphones schnell multimediales Material in den Social Media. Aber wer steckt hinter einem Twitter-Pseudonym? Darf das Foto in der Presse weiterverwendet werden? Um solche Fragen zu klären, müsse man die Tweeter, wie die Nutzer bei Twitter genannt werden, kontaktieren. Die Menschen in den Social Media seien sehr kooperationsbereit, was die Weiterverwendung ihres Materials betrifft, weiß Sheridan zu berichten. 95% der Angefragten erlaubten die Verwendung von Fotos und Videos on air, so die Erfahrung bei Storyful. Der direkte Kontakt sei unerlässlich. Gleichzeitig ließen sich so verlässliche Augenzeugen für die weitere Berichterstattung „als Auge und Ohr vor Ort“ gewinnen. Für Storyful seien direkte Kontakte zu den Social Media Usern besonders wichtig, die Firma nutze derzeit rund 3.500 feste Twitter-Kontakte als Quellen, berichtete Sheridan. Sie analysiere aber auch die Beziehungen ihrer Twitter-Partner untereinander und prüfe, wem diese auf Twitter folgen, um deren Glaubwürdigkeit besser einschätzen zu können. Zusätzlich würden die User-Profile der Kontakte über die verschiedenen Social Media Plattformen hinweg abgeglichen, um Unstimmigkeiten in den Profildaten zu entdecken.
Für Profis biete Twitter die Möglichkeit, die Sourcen der Tweets auszulesen, d.h. Nachrichten einschließlich ihrer Steuerungsdaten und Verwaltungsinformationen abzufragen. In maschinenlesbarer Form seien darin viele Details enthalten, wie etwa die Geokoordinaten des Teilnehmers und das Datum der Anmeldung bei Twitter. Haben sich etwa alle Tweeter, die über ein Ereignis berichten, erst unmittelbar davor angemeldet, könne mit hoher Wahrscheinlichkeit von einer Fälschung ausgegangen werden. Zur Auswertung dieser Informationen haben Firmen wie Storyful eigene Software entwickelt. Twitter, Facebook und andere Social Media Plattformen bieten dazu für Programmierer eigene Schnittstellen an.

Bilder abgleichen

Video- und Fotoanalysen stellen einen weiteren Schwerpunkt der Arbeit bei Storyful dar. Video-Material aus Krisengebieten, wie dem arabischen Raum, stellt Journalisten hinsichtlich der Authentizität vor besondere Herausforderungen. Oft werde von autokratischen Regimen gefälschtes Material in Social Media Plattformen eingestellt, das mit hoher Professionalität und auf hohem handwerklichem Niveau produziert wurde. Zur Überprüfung von Youtube-Videos kontaktiere Storyful die Filmer direkt über Youtube und erfrage, wann und wo das Video aufgenommen wurde. Um diese Angaben anschließend zu verifizieren, werden Satellitenfotos herangezogen, womit sich die örtliche Umgebung der Aufnahme analysieren lasse. Ein virtueller Blick vor Ort, etwa in die Straße des Geschehens mit Google’s Streetview zeigt, ob sich dort die gleichen Häuserfassaden wiederfinden lassen, die in dem Video zu sehen sind. Danach ist die Nord-Süd-Ausrichtung des Schauplatzes bekannt und der Standort des Filmers bestimmbar. Länge und Ausrichtung der Schatten im Video in Verbindung mit der Himmelsausrichtung geben Rückschlüsse auf die Tageszeit; damit lässt sich der Zeitpunkt einer Aufnahme überprüfen.
Video-Aufnahmen von Smartphones können über die Plattform Bambuser live ins Internet übertragen werden. Da es sich um ein schwedisches Social Media Angebot handelt, erscheine dort oft Material, das von US-Plattformen blockiert würde, so Sheridan. Aber hier könne man häufig andere Darstellungen als auf Youtube oder Vimeo finden. Bei der Auswertung von Fotos ergeben sich ähnliche Probleme. Digitale Fotos enthalten jedoch mit den sogenannten EXIF-Daten Hintergrundinformationen zur Aufnahme. Dazu gehören inzwischen oftmals auch GPS-Koordinaten. Diese lassen direkten Rückschluss auf den Standort zu und vereinfachen die weitere Überprüfung. Denn auf der Foto-Plattform Flickr kann mit GPS-Koordinaten nach Aufnahmen von Orten gesucht werden. Ein Vergleich des Bildhintergrunds erlaubt eine weitere Verifikation der Aufnahme. Wikimapia liefert Hintergrundinformationen und bildet einen weiteren Schritt bei der Verifikation: Diese Plattform enthält geografische Beschreibungen zahlreicher Orte und Plätze. EXIF-Daten sind jedoch nur bedingt verlässlich, da sie leicht manipuliert werden können.

Manipulationen entlarven

Videos und Fotos seien für Redaktionen oft unwiderstehlich, weiß Sheridan. Das nutzten Regime für manipulierte Darstellungen. Entsprechende Plattformen würden daher immer wieder zur Verbreitung von solchem Material verwendet, beispielsweise seien mehrere Jahre alte Fotos aus dem Irak als aktuelle Fotos aus Syrien ausgegeben worden. Über Social Media ließen sich sehr gut Kontakte in solche Regionen aufbauen und Manipulationen entlarven. „Wir folgen einer ganzen Menge Menschen in Syrien und das über mehrere Plattformen hinweg“, erzählte Sheridan. „Wenn Leute plötzlich Videos hochladen, aber nirgendwo in den Social Media ein Nutzerprofil haben, dann ist das eher unglaubwürdig.“ Ähnlich sehe es aus, wenn jemand bisher erst drei Mal getwittert habe, und plötzlich eine ganze Serie von Tweets losschickt, um über ein Ereignis zu berichten. So etwas müsse eben überprüft werden, das gehöre zum Handwerkszeug im medialen Umgang mit den sozialen Netzwerken.
Die meisten Social Media Nutzer dürften weder über die notwendigen Kenntnisse noch Möglichkeiten verfügen, diese Überprüfungen vorzunehmen, aber Journalisten und Redaktionen sollten das beherrschen. Hierin besteht eine wertvolle Funktion des Journalismus: filtern, verifizieren, präsentieren. Ein Aufwand, den auf Dauer kein Zuschauer oder Leser leisten kann und will. Daraus ergibt sich eine eigene Qualität jenseits des reinen Youtube-Broadcastings. Im Übrigen gelte in den Social Media, was für Journalisten sonst auch gelte: „Always be sceptical“, sagte Sheridan im Gespräch mit M.

nach oben

weiterlesen

Schon entdeckt? Crowdspondent

Sie lieben Abenteuer und Online-Journalismus. Kennengelernt haben sich Lisa Altmeier (28) und Steffi Fetz (29) auf der Deutschen Journalistenschule in München. Mit ihrem Projekt „Crowdspondent” probieren sie eine neue Form von Journalismus aus. Die Zuschauer entscheiden die Themen. Und die beiden Crowd-Korrespondentinnen packen Notizblöcke und Kamera in den meterhohen Rucksack – und sind dann mal weg. Im Leserauftrag reisten sie bereits in die brasilia­nischen Favelas und recherchierten im Sperrgebiet von Fuku­shima. Jetzt, ein Jahr vor der Bundestagswahl, fahren sie kreuz und quer durch Deutschland.
mehr »

Eintausend alternative Medien?

Gut 40 Jahre ist es her, als in München mit dem Blatt die Mutter aller Stadtzeitungen und der Prototyp der alternativen Presse erschien. Derzeit erinnert in der Landeshauptstadt eine Ausstellung über die 1970er Jahre an diese Publikation. Und es ist ein gutes Jahr her, dass eine neue Auflage des „Handbuch Alternativmedien“ erschien, herausgegeben von Bernd Hüttner, Christiane Leidinger und Gottfried Oy. Ein verdienstvolles und zugleich gewagtes Unternehmen: Rund 1000 „alternative“ Medien listet das Buch auf, davon 472 Printmedien in Deutschland, 89 in Österreich und 104 in der Schweiz, hinzu kommen 220 unabhängige Verlage, Archive und Freie Radios. Damit liegt eine…
mehr »

Triathlon in der Fotografie

Seit Jahren geht es mit den Arbeitsbedingungen für Fotojournalisten bergab. Der Markt der Printmedien schrumpft, mit ihm Auftragsvolumen und Honorare. Das Internet leidet unter der Gratismentalität von Betreibern und Nutzern. Mit der Verbreitung der digitalen Medien verändert sich auch die Bildsprache. Videoclips und Smartphone-Apps prägen zunehmend die Sehgewohnheiten und öffnen den Markt für Hobbyknipser. Die freien Stockfotografen werden zerrieben zwischen Branchenriesen wie Getty und Corbis auf der einen Seite und den Billigheimern Fotolia und Co. auf der anderen. Wo bleibt da der professionelle Fotojournalismus?Die crossmediale Vernetzung löst gewohnte Grenzen auf...
mehr »

Hakelige Tarifverhandlungen

„Danke für das Plus! ... und vor allem für die schöne Einmalzahlung!” Zahlreiche ver.di-Verhandler_innen in den Funkhäusern von ARD, ZDF und Deutschlandradio bekamen solche oder ähnliche Mails von ihren Kolleg_innen, nachdem die Gehalts- und Honorartarifverhandlungen in ihren Sendern erfolgreich beendet wurden.
mehr »