Der Bürger reibt sich verwundert die Augen

Glosse

Heute morgen ist er mir wieder im Radio begegnet: Der Bürger als solcher. Wahrscheinlich war er gerade aufgestanden, rieb sich die Augen und wurde bei dieser Tätigkeit sofort von einem Journalisten aufgespürt. So ist das eben in der Mediengesellschaft, selbst beim Augenreiben haben sie einen beim Wickel. Steht also da, der Bürger, nichts Böses ahnend und schon verkündet ein Hörfunkkommentator ihm beim Frühstücksei: „Der Bürger reibt sich verwundert die Augen.“* Da es ja stimmt, fühlt er sich ertappt, beobachtet, im Container umzingelt und stellt das Reiben erschrocken ein. Sicherlich hat er es nur aus Müdigkeit getan, der Kommentator aber hat ihn feinfühlig interpretiert, was ja seine demokratische Aufgabe ist, diese investigative Analyse des Augenreibens, die ihn veranlasst, den Bürger schon beim Frühstück zu belästigen. „Die Steuerreform (der Rentenkompromiss, das Bündnis für Arbeit) ist gescheitert, und der Bürger reibt sich verwundert die Augen“, hat der Journalist recherchiert.

Ich stehe immer voll tiefer Bewunderung vor dieser Leistung zahlreicher bedeutender Kollegen, die den Bürger als solchen bei seinen körperlichen Reaktionen auf vermeintliche politische Fehlleistungen entdecken. Hautnah sind sie nicht nur dran am Auge des Bürgers, sondern auch an seinem Ohr, denn „der Bürger kann es nicht mehr hören“, mahnen sie anwaltlich an seiner Statt, und wer nicht hören kann, hält auch lieber gleich den Mund, wie der Kommentator weiß: „Dem Bürger verschlägt es die Sprache.“ Das aber macht überhaupt nichts, denn dafür hat er ja die Journalisten, beziehungsweise die kommentierenden Journalisten, die sein Augenreiben, seinen Hörsturz und sein entsetztes Verstummen der Öffentlichkeit, nämlich ihm selber, mitteilen und erklären. Der Kommentator als solcher ist zudem von besorgter Fürsorglichkeit und warnt den Ahnungslosen mit dräuender Gestik und beschwörendem Blick via TV: „Dem Bürger steht ein Streik ins Haus.“ Und schon rast der Bürger zur Haustür und guckt, ob da schon ein Streik den Fuß über die Schwelle gesetzt hat, und dann rast er wieder zurück und hört weiter zu, ob der Kommentator ihm auch sagt, was er zu tun hat, wenn der Streik uneingeladen über seinen Teppichboden trampelt. „Dafür fehlt dem Bürger in diesen Zeiten jedes Verständnis“ erfährt er und ist zutiefst dankbar, denn das ist nun wirklich wahr: Man weiß nicht, ob der Streik sich die Schuhe abputzt und ob man was im Hause hat, um ihm was anzubieten. Aber das ist vielleicht gar nicht nötig, denn er erfährt, dass man ohnehin noch nicht weiß, „wie lange der Bürger sich das noch bieten lässt“. Nein, das weiß man wirklich nicht, und der Bürger überlegt ernsthaft, sich neue Türschlösser anzuschaffen und vorsorglich die Klingel abzustellen, obwohl man nicht sicher sein kann, ob Streiks überhaupt klingeln oder ob sie einfach plötzlich so im Haus herumstehen, ohne dass der Bürger sie – noch dazu in diesen Zeiten – eingeladen hat. Vielleicht aber kocht er auch schon mal Kaffee, bastelt eine hübsche Girlande und beschriftet ein Schildchen mit „Herzlich willkommen“, weil er zwar Radio hört und Fernsehen guckt, aber überhaupt gar kein Bürger ist, sondern Müllwerker und ÖTV-Mitglied! Und damit gar nicht gemeint ist, denn Gewerkschafter und zumal streikende Gewerkschafter sind keine Bürger. Bürger sind die, „auf deren Rücken der Streik ausgetragen wird“, was ziemlich verwunderlich ist, denn wenn der Streik ins Haus kommt, kann er sich ja auch ins Wohnzimmer setzen und muss nicht auf dem Rücken des Bürgers hocken. Was der Bürger, dem sowieso „der Staat mal wieder in die Tasche greift“ (das geht prima, weil er beim Augenreiben nicht auf seine Taschen aufpassen kann) letztlich davon hält, wie er sich letztlich verhalten wird, weiß der Journalist natürlich auch nicht, denn, und das ist jetzt meine ganz persönliche Meinung, er hat den Bürger gar nicht gefragt. Der Bürger, Überraschung, ist er nämlich selber! Er alleine ist derjenige, der reibt, sprachlos ist, nichts mehr hören kann, er ist der, der die Haustür dreimal abschließt und Kreuzschmerzen vom Streik bekommt, der auf seinem Rücken ausgetragen wird. „Übertragung“ nennen das die Psychologen, und die geht einher mit einer meist behandlungsbedürftigen Ich-Schwäche. Im deutschen Journalismus ist die Ich-Schwäche sehr weit verbreitet und hat dem Bürger das Gefühl beschert, seine Gedanken, Reaktionen und Gefühle seien Gegenstand umfassender Recherche und Analyse. Es ist wirklich selten, dass jemand (das bin meistens ich) den unschuldigen Bildschirm anraunzt: „Du hast mich ja gar nicht gefragt und außerdem bin ich eine Bürgerin, du Macho!“

Tja, Sie haben es geahnt, altfeministisch, wie ich bin, ärgert mich natürlich „der Bürger“ genauso, wie mich die Ich-Schwäche als solche nervt. Der Bürger hat dieselbe Funktion wie „der Beobachter“ und „der Experte“: Man muss nie „Ich“ sagen, keine Meinung haben und sie nicht aussprechen. Da die ARD jetzt 50 wird und man mit 50 schon ziemlich erwachsen ist, wäre dieser Geburtstag doch eine wunderbare Chance, alle Kommentatoren und Kommentatorinnen (die übrigens genauso gerne „der Bürger ist es leid“ sagen) zu verpflichten, siebzig Mal am Tage „ich finde“, „ich meine“, „ich denke“ zu sagen und zu schreiben, bis sie es können und den Bürger in Ruhe lassen.


  • *Alle Zitate sind authentisch.Von Ulla Lessmann erscheint in diesem Herbst eine Sammlung ihrer Glossen unter dem Titel „Wir sehen das hier nicht so eng“ als Fischer-Taschenbuch (12,90 DM) – darunter auch Texte, die zuerst in „M“ erschienen sind.
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