Der Dirigent des Spiels

Interview mit dem ZDF-Bildregisseur Achim Hammer

M | Wer je einen Blick in einen Regieraum werfen durfte, hat sich angesichts von zwei Dutzend Monitoren garantiert gefragt: Wie schafft man es bloß, den Überblick zu behalten?


ACHIM HAMMER | Das kann man natürlich nicht von heute auf morgen erlernen. Man braucht schon eine längere Berufserfahrung, um ein Live-Fußballspiel mit dem heutigen Kameraaufwand koordinieren zu können. Und es sind ja nicht nur die Kameras. Dazu kommen noch Zeitlupe, Ton, virtuelle Einblendungen etc. Am besten lässt sich das mit der Arbeit eines Dirigenten vergleichen.

M | Der Dirigent weiß aber in der Regel auch, was er da dirigiert. Bei Ihrem Beruf ist nur klar, dass der Job neunzig Minuten dauert; und selbst darauf kann man sich nicht verlassen. Sie müssen sich doch ständig auf neue Situationen einstellen.

HAMMER | Das stimmt natürlich: Wir haben keine Noten, nach denen wir spielen, doch es gibt ja gewisse Gesetzmäßigkeiten, denen wir unterworfen sind. Andererseits: Wenn ich mich sklavisch an diese Vorgabe halte, darf ich das Spiel streng genommen nur aus der Perspektive der Führungskamera übertragen. Ich muss mich davor hüten, ein Spiel zu manipulieren, aber ich kann es durch die Bildauswahl unterstützen.

M | Wie sieht das aus?
HAMMER | Ich kann zum Beispiel durch die Schnittfolge viel mehr Dynamik reinbringen. Wenn eine Partie zusehends verflacht, weil zwar um jeden Ball gekämpft wird, aber keinerlei schöne Spielzüge zustande kommen, wenn es keine langen Pässe gibt und kein Spiel über die Flügel, dann ist man versucht, mehr Großaufnahmen zu zeigen und öfter in die Aktionen reinzuschneiden. Ein richtig gutes Spiel zu übertragen, ist keine Kunst, das läuft meist von selbst. Echte Herausforderungen sind Spiele ohne große Spielkultur.

M | Wie groß ist die Versuchung, eine Partie besser zu machen als sie ist? Der Sender will schließlich auch bei langweiligen Spielen keine Zuschauer verlieren.

HAMMER | Bewusst würde ich so etwas nicht machen. Wenn auf dem Platz keine Akzente gesetzt werden, ist man automatisch geneigt, die Akzente mit einer dynamischen Schnittfolge zu setzen und zum Beispiel mehr mit Großaufnahmen zu arbeiten. Aber das ist längst Teil der Sehgewohnheit geworden: Die Zuschauer erwarten, dass man Spieler und Trainer immer wieder mal in der Nahaufnahme sieht.

M | Die Spiele der Weltmeisterschaft werden mittlerweile mit zwanzig oder noch mehr Kameras übertragen, was auch eine andere Ästhetik ermöglicht.

HAMMER | Der ästhetische Wert ist mit Sicherheit gestiegen, auch die Dynamik. Die Technik hat enorm dazu beigetragen, dass ein Spiel heute anders interpretiert werden kann. Die fliegenden Kameras unter den Dächern der Fußballarenen zum Beispiel gibt’s erst seit einigen Jahren. Heute sausen diese „Spider-Cams“ über die Spielfelder und die Zuschauerränge und liefern tolle Bilder.

M | Wann wird ein Spiel richtig anstrengend?

HAMMER | Wenn sich in den letzten zwei Minuten all das ereignet, was eigentlich in den neunzig Minuten zuvor hätte passieren sollen. Das ist ärgerlich, weil man da als Bildregisseur gedanklich schon weiter ist und die Nachberichterstattung vorbereitet. Deshalb ist man leicht abgelenkt. Davon abgesehen sind andere Sportarten, bei denen sich mehrere Ereignisse gleichzeitig abspielen, etwa Biathlon oder Leichtathletik, eine mindestens ebenso große Herausforderung wie ein Fußballspiel.

M | Können Sie ein Spiel eigentlich noch genießen?

HAMMER | Aber ja, daran hat sich nichts geändert, auch wenn man eine Übertragung mit anderen Augen und damit kritischer sieht. Die Lust auf Fußball ist immer noch ungebrochen groß. Problematisch wird es live im Stadion, da vermisse ich die Zeitlupen.

M | Welche Bedeutung hat eigentlich das Thema Überstunden? Gerade bei einem Großereignis wie der WM haben die Arbeitszeiten wenig mit dem üblichen Acht-Stunden-Tag gemeinsam. Die alte Forderung „Sonntags gehört Papi mir“ ist in Ihrem Job doch ohnehin illusorisch.

HAMMER | Großveranstaltungen erfordern immer einen enormen Arbeitsaufwand. Zehn Stunden und mehr sind hier alltäglich. Natürlich tut es oft weh, für so lange Zeit von Familien und Freunden getrennt zu sein. Allerdings verbleibt vor Ort auf der Produktion wenig Zeit, darüber nachzudenken. Die Anspannung und der Arbeitsaufwand sind eben enorm groß. Nach vier- bis fünfwöchiger Trennung braucht man dann auch Zeit, um in den Alltag zurück zu finden. Das Gefühl, bei diesem Ereignis dabei gewesen zu sein, rechtfertigt aber doch manche Unannehmlichkeit.

Das Gespräch führte Tilmann Gangloff

Personalie

Achim Hammer (49) hat Sport, Geographie und Philosophie studiert, eher er 1984 in der ZDF-Sportredaktion anfing. Seit 1985 ist er Bildregisseur. Regieschwerpunkte sind Fußball, Leichtathletik und „Das aktuelle Sportstudio“. Hammer war Senior Producer für ARD und ZDF bei der Leichtathletik EM 2002 in München und wird es bei der WM 2009 in Berlin sein. Ihm oblag die ZDF-Regiekonzeption für die Olympischen Spiele Athen 2004 und Turin 2006.

tpg
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