Der Fotoreporter ist tot – es lebe der Fotoreporter

Totgesagt hat man die klassische Fotoreportage in letzter Zeit schon häufig. Doch leben Totgesagte bekanntlich länger und darum nimmt offenbar niemand den vielerorts angestimmten Abgesang auf die Reportage, das Sahnehäubchen der Fotografie, so richtig ernst. Ohne zu dramatisieren, muß man ihren Zustand aber wohl als besorgniserregend bezeichnen.

Magazinfotografen bemerken die Veränderungen am Markt seit etwa zwei Jahren in extremster Form, nämlich im Portemonnaie. Die Zahl der Aufträge ist zurückgegangen und die für Reportagen bezahlte Arbeitsdauer wurde verkürzt. Aber auch die Fotografenverträge verschlechterten sich und die Behandlung seitens der Redaktionen wurde ruppiger.

Vorbei sind die Tage, in denen Blätter wie „Geo“, „Geo-Saison“ oder der „Stern“ die Kollegen sechs Wochen lang auf Reportagereisen schickte, wenige Ausnahmen mal ausgeklammert. Vier Wochen am Thema war fast die Regel, drei Wochen galt als knapp. Heute wird der Fotograf angehalten, den Job in zwei Wochen zu erledigen, sogar einwöchige Jobs für große Reportagen hat es in letzter Zeit schon gegeben.

Die frühere Großzügigkeit diente nicht der Reiselust der Fotografen und Schreiber, sie galt dem Qualitätsanspruch und der Authentizität. Man wollte Unverwechselbares, keine Wiederholungen. Man wollte eine besondere Optik, das Markenzeichen dieser Magazine. Diese Tugenden haben heute nur noch eingeschränkten Wert.

Dabei ist gerade Zeit einer der wichtigen Faktoren für Qualität in der Fotografie. Daß man einem Land oder einer Situation nicht im Schweinsgalopp gerecht werden kann, sollte eigentlich jedem einleuchten. Zypern in einer Woche? Natürlich können so nur Klischees aneinandergereiht werden, man kann nicht einmal formal solide arbeiten, weil keine Zeit fürs Warten auf das beste Licht bleibt. Aber will denn heute außer uns Fotografen überhaupt noch jemand Qualität?

Seit „Focus“ im offensichtlich schredderbetriebenen Briefmarkenlayout Fotografie bis zur Unkenntlichkeit verhackstückt, und damit zumindest kommerziell Erfolg hat, gibt es viele Nachahmer. Bunt ist in. Die damit gepaarte Oberflächlichkeit auch. Daß einige Magazine, wie z.B. die „Bunte“ – nomen est omen – damit dennoch nicht auf die Füße kommen, liegt wohl eher an der Konzept- und Ahnungslosigkeit der Verantwortlichen als am bunten Weg der Verleger, die jetzt alle Magazine wie schlechtes Fernsehen machen wollen. Aber jene, die den Vorwurf von Niveaulosigkeit damit kontern, daß das Publikum, also der Leser, es offenbar genauso wolle, sind selbst die Zauberlehrlinge, die den Geist riefen, den sie nun nicht mehr loswerden. Auch hier sei die Frage erlaubt, ob sie es denn überhaupt wollen?

Natürlich verändern sich die Sehgewohnheiten. Das kommerzielle Fernsehen, im Gefolge die Öffentlichrechtlichen, denen offenbar wenig anderes einfällt, als RTL und SAT zu imitieren, haben für jene bunte, oberflächliche Bilderwelt gesorgt, an die sich die Zuschauer, die ja auch Magazinleser sind, langsam gewöhnt haben. Jetzt schlägt dieser Prozeß der Verflachung auf die Printme-dien durch.

Für den bunten Bildermüll, der tagtäglich deutsche Magazine füllt, ist die Wiedererkennbarkeit eines Fotos („Das habe ich doch im ,Stern‘ gesehen!“) kaum noch wichtig, geschweige denn die Wiedererkennbarkeit einer bestimmten Handschrift in der Fotografie. Fotografie ist zum beliebigen Illustrationsmittel geworden. Viele Bildagenturen, die für die Fotografen deren im Auftrag von Magazinen entstandenes Material zur Weiternutzung vertreiben und vom Honorar in der Regel 50 Prozent erhalten, haben im letzten Jahr Rekordumsätze erzielt – mit diesen „Konserven“. Und solche Konserven landen dann sogar auf Zeitschriftentiteln renommierter Magazine, „Geo-Saison“ sei hier als ein Beispiel angeführt. Dabei kann man den verantwortlichen Redakteuren nicht einmal widersprechen, die 40 bis 60 Prozent Kosten sparen, wenn sie ein Thema aus Archiven zusammenkaufen, statt es produzieren zu lassen: „Wenn’s doch keiner unserer Leser merkt?!“

Nicht genug damit, daß die häufigere Nutzung von Archivfotos uns Aufträge nimmt, vor einiger Zeit haben einige Verlage einen Plan ausgebrütet, um auch von diesem Kuchen ein paar Stücke einzuheimsen. Sie führten ein, wofür „Zwangssyndizierung“ die wohl treffendste Bezeichnung ist. Wer für diese Blätter einen Job machen will, muß vorher unterschreiben, daß er die Bilder anschließend dem Verlag XYZ zu weiterer Zweitnutzung überläßt. Dabei differieren die Zeiträume für die Zwangssyndizierung zwischen 6 Monaten und lebenslang. Für die Fotografen bedeutet dies geringere Einnahmen, denn meist zahlen Verlagssyndikate weniger an die Fotografen als die übrigen Agenturen. Für jene Magazinfotografen, die sich schon vor Jahren zusammengetan haben und eigene Bildagenturen aufgebaut haben, wie zum Beispiel VISUM, Bilderberg, Look oder Leif, bedeutet dies zudem, würde es bundesweit Schule machen, das langsame Sterben ihrer eigenen Agenturen. Denn nur wer immer neue Themen hereinbekommt, bleibt als Agentur gefragt. Gehen die neuen Themen aller Agenturfoto-grafen aber zuerst an die Verlagsagentur, dann trocknet die eigene Agentur bald aus. Und die Konkurrenz, nicht zuletzt auf dem elektronischen Bildermarkt, wächst mit Giganten wie Bill Gates und Ghetty täglich.

Bedient man sich nun auch bei der Zweitnutzung unserer Fotos, so sind noch andere Praktiken an der Tagesordnung, die nicht viel besser sind. In den letzten Monaten hört man als Fotograf oft aus diversen Bildredaktionen als Antwort, wenn man mal wieder wegen eines Themas vorspricht, man hätte ja so viele freie Geschichten angeboten bekommen, daß es mit Aufträgen sehr schlecht aussehe. Dazu die Fotostudenten, die für ihr Examen monatelang an einem Thema arbeiten würden und anschließend froh seien, wenn es veröffentlicht würde. Honorare spielten bei diesen Newcomern keine große Rolle. Ja … wenn man die Geschichte fertig sehen könnte?!

Im Klartext: Der Fotograf soll doch den Vorschlag auf eigene Rechnung realisieren. Danach würde man weitersehen. Dies bedeutet die Verlagerung des Risikos auf den wirtschaftlich Schwächeren, den Fotografen. Fehlende Risikobereitschaft oder fehlendes Vorstellungsvermögen der Redakteure soll er ausgleichen, indem er in Vorleistung geht. Folgendes Zahlenspiel mag verdeutlichen, was dies für den Fotografen bedeutet: Eine kleine 10tägige Reportage kostet für einen Fotografen innerhalb Europas, selbst bei mönchsähnlichem Aufwand, inklusive Reise- und Materialkosten mindestens 4000 bis 500 Mark, bei Schwarzweiß-Material sogar noch mehr. Zusätzlich hat er 10 Tage Arbeit investiert, hin-zu kommen Vorbereitungszeit und die Zeit für die Ausarbeitung. Würde ein freiberuflicher Fotograf mit einer solchen frei produzierten Geschichte einen Fehlschlag erleben, käme er leicht in existenzielle Probleme. Selbst wenn er die Reportage verkaufen könnte, so käme er wohl kaum auf eine Summe, die einem regulären Auftrag entspräche. Längst hat es sich in den Redaktionen eingebürgert, freie Angebote schlechter zu honorieren. So können sich die Magazine ins Fäustchen lachen. Sie trennen Spreu vom Weizen und sind die Gewinner.

Dabei muß nicht immer schlechte Qualität die Ursache dafür sein, zur Spreu zu gehören. Es gibt tausend Gründe dafür, daß eine an sich gute Fotoreportage plötzlich keinen Wert mehr hat: etwa weil ein großes Magazin mit einer ähnlichen Geschichte gerade herauskommt, während man selbst mit seiner Geschichte klinkenputzend herumrennt.

Extremstes Beispiel im Umgang mit angebotenen Geschichten ist das Supplement der spanischen Tageszeitung „El Pais“. Wenn man dort eine freiproduzierte Geschichte anbietet, bekommt man schon mal zu hören: „Wenn wir sie ohne Honorar veröffentlichen können, lege sie auf diesen Stapel. Wenn nicht, dann nimm sie wieder mit!“ Gott sei Dank sind wir in Deutschland noch nicht ganz soweit.

Aber auch hier haben sich im Umgang mit Fotografen leider Zustände eingebürgert, die vor denen in Spanien offenbar nicht weit entfernt sind. Daß Magazine die Themenangebote von Fotografen kaum noch beantworten, ist fast schon die Regel. Wobei wir ja genügsam geworden sind und mit einem einfachen „Nein“ schon zufrieden wären. Aber da werden mit Kollegen Termine gemacht, man kommt von weither angereist und dann wird man im Hausflur abgefertigt, „leider ist etwas dazwischengekommen“, aber man solle doch seine Mappe dalassen. Kommt dies in ein und derselben Redaktion häufiger vor, so glaubt man nicht mehr an Zufall. Oder man muß sich in einer anderen Redaktion Belehrungen übelster Art von einem Bildredakteur anhören lassen, der dann noch nebenher erklärt, er würde am liebsten mit jungen Londoner Fotografen arbeiten, die im Nebenjob Taxifahren. Die würden noch richtig „brennen“ für die Fotografie und Honorare seien für sie eher nebensächlich. Dies sind beileibe keine Einzelfälle, es ist eher symptomatisch für eine Branche, in der Fotografen wenn nicht gar „Arsch mit Finger“ (Äußerung eines Bildredakteurs), so bestenfalls aber „nützliche Idioten“ (Äußerung eines Bildredakteurs) sind.

Uns stehen harte Zeiten bevor. Unsere vermeintlich schwache Position wird von vie-len Verlagen für Vertrags-verschlechterungen genutzt, oder einfach zur Aufrechterhaltung des Status Quo, wie beispielsweise bei den Tageshonoraren. Bei einigen Blättern sind sie seit etwa 20 Jahren dieselben geblieben. Wenn sie aber wie beim „Spiegel“ tatsächlich endlich erhöht worden sind, dann hat man sich die Erhöhung gleich mit der zusätzlichen Abtretung von Rechten des Fotografen versüßt. Apropos „der Spiegel“. Die Honorierung eines halbseitigen Fotos mit 220 Mark in einem Magazin mit rund einer Million Auflage könnte man in ihrer Absurdität getrost, wäre es nicht so traurig, als Witz bezeichnen. Dieses Honorar hat schlicht Schülerzeitungsformat.

Dennoch mag ich in den Totengesang auf die Reportage und den klassischen Bildjournalismus nicht mit einstimmen. Zu sehr glaube ich an die eigenständige Sprache der Fotografie, die auch heutzutage mit Bildern von Eugene Richards, Anthony Buau, James Nachtwey, Larry Towell oder Sebastiao Salgado nichts von ihrer Kraft eingebüßt hat.

Vielleicht aber haben wir jetzt endlich den Schritt aus dem Elfenbeinturm getan. Viel zu lange haben gerade die Magazinfotografen geglaubt, daß sie die Dinge außerhalb ihres eigenen Brennweitenbereiches nichts angingen. Aber die Wirklichkeit hat uns eingeholt und offenbar ist die persönliche Betroffenheit noch immer der beste Anlaß zur Veränderung der eigenen Fokussierung. Und vielleicht war auch das gemeinsame Treffen der wichtigsten Fotografenorganisationen zur Schaffung einer Regelung für die Kennzeichnung digital oder manuell veränderter Photos, das im Februar in Köln stattgefunden hat*, ein erster Schritt zum gemeinsamen Vorgehen aller Verbände.

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