Der Terror der schönen Bilder

Debatten meist seltsam realitätsfern, technokratisch und fiktiv

Fernsehmacher und Kritiker sind sich weitgehend einig: „In der Berichterstattung zum 11. September wurde ein guter Job gemacht“. Zwar räumen Korrespondenten selbstkritisch ein, selbst vor Ort bisweilen weniger zu wissen, als die Redakteure im heimatlichen Studio. Durch das Sammelsurium an Agenturmeldungen seien diese einfach besser informiert. Diverse Tücken der Technik, Probleme, die Übersicht über das gesamte Geschehen zu behalten – zugestanden. Alles nicht so einfach.

Schreiten Fernsehmacher und ihre Kritiker zur Beurteilung dessen, was auf dem Bildschirm passiert, wenn Realität gespiegelt wird, gestalten sich diese Debatten meist seltsam realitätsfern, technokratisch und fiktiv.

Quote steigern

Kein Fernsehmacher würde entfernt auf die Idee kommen, auf Recherche zu gehen, um die Folgen seiner Berichterstattung in der Realität zu überprüfen. Selbstkritik ist Selbstbespiegelung. Man schaut die Sendung nochmals an, diskutiert mit anderen Fernsehjournalisten und -kritikern. Freut sich, unter sich und auf gleichem Niveau zu sein. Keiner da, der unqualifiziert dazwischen quasseln könnte. Und etwa gar nichts vom Metier versteht. Wer mit der Zeit geht, hat zu akzeptieren, dass Fernsehen Fiktion ist. Es gilt, die Quote zu steigern. Alles andere, altlinkes Gefasel. Ideologie.

Dumm ist nur, wenn man noch ein Privatleben hat. Oder gar Freunde, die ganz andere Dinge tun als Fernsehen machen, Fernsehen gucken und Kritiken verfassen. Solche, die lieben, streiten, Partnerschaft leben. Denn manchmal erzählen diese einem unverblümt Geschichten und Dramen aus dem richtigen Leben. Und behaupten obendrein steif und fest, das Fernsehen habe diese überhaupt erst initiiert.

Nehmen wir Lucy, 40, berufstätig, fröhlich und selbstbewusst. Seit einiger Zeit mit einem Algerier liiert. Nach dem 11. September sei ihre persönliche „Innere Sicherheit“ auf den Nullpunkt gesunken, sagt sie. Kurz nach den eindringlichen Fernsehberichten, die uns immer wieder mit der Frage konfrontierten, ob diese freundlichen jungen Männer arabischer Herkunft, die „mitten unter uns leben“ und gern den Koran lesen, nicht etwa ungeahnte kriminelle Energien haben könnten, schildert Lucy eines ihrer ersten einschneidenden Erlebnisse: Lucys Nachbar, ein älterer Herr, habe sich bei einer ihrer Nachbarinnen beschwert, weil bei ihr ein arabisch aussehender Mann ein und aus gehe. Der Mann habe zudem die Polizei verständigen wollen. Völlig unbegründet und aus heiterem Himmel sei er plötzlich der Ansicht gewesen, Lucys Freund sei ein Terrorist. Einer jener „Schläfer“, von denen in den Medien berichtet wurde. Und was dieser plante, davon habe der Nachbar bereits auch sehr konkrete Vorstellungen gehabt, so berichtet Lucy. Der Mann sei sich sicher gewesen, dass der Algerier das Haus mit einer Bombe habe in die Luft sprengen wollen. Begründung: Im Erdgeschoss lebt ein Amerikaner.

Ihre erste Reaktion sei Empörung gewesen, sagt Lucy. Handelte es sich hier etwa um die altbekannte Blockwartmentalität? Um mieses Denunziantentum, das sich aus diffusen Vorurteilen gegen Menschen aus anderen Kulturen speist?

Furcht um Sicherheit

Kurz: Sie klingelte bei dem Nachbarn. Fragte ihn, wie er zu solchen Äußerungen komme. Sagte ihm ihre Meinung: Schließlich habe er selbst zur Zeit des Nationalsozialismus gelebt. Als Deutscher. Doch trotz seiner Nationalität und der Zeitgeschichte, wäre wohl niemand auf die Idee gekommen, ihm per se zu unterstellen, er sei ein SS-Scherge gewesen. Auch sie sei Deutsche, fuhr Lucy fort, habe zur Zeit des „deutschen Herbstes“ gelebt. Dennoch sei sie nicht Mitglied der Roten Armee Fraktion gewesen, gab sie zu bedenken. Der Nachbar entschuldigte sich. Er habe sich nur Sorgen gemacht. Um die Sicherheit gefürchtet.

Spätestens an diesem Punkt der Erzählung wird man oft von Fernsehfachleuten aufgefordert, nun endlich zur Sache zu kommen. Und nicht auszuschweifen. Was geht uns Lucy an? Also zur Sache. Nehmen wir den mit dem Grimme-Preis ausgezeichneten ARD-Streifen „Die Todespiloten“, der uns so anschaulich die Täterprofile der Selbstmordattentäter des 11. September schildert. Motto: Sie waren nett und glaubten an den Islam. Nachbarn beschwören in der Sendung, dass diese ihnen völlig unauffällig erschienen seien. Ob der Film wohl als Aufforderung (miss)verstanden wurde, den eigenen Nachbarn mit fremdartigem Antlitz zukünftig detailgenauer zu bespitzeln und zu denunzieren? Darüber eine repräsentative Untersuchung zu initiieren, wäre wohl nicht ganz uninteressant. Devise: Trägt er Dir die Einkaufstasche die Treppe hoch und sagt freundlich „Guten Tag“, ist er erst recht suspekt.

Und – das ist nun wiederum keine Schilderung einer Fiktion oder eines Fernsehereignisses, das Quote bringen und Angstlust erzeugen soll, sondern wieder Realität: Lucys Lebensgefährte traut sich nicht mehr zum Frankfurter Hauptbahnhof noch an die Konstabler Wache. Lucy lebt derzeit in ständiger Angst um ihren Partner und dessen Freunde, von denen einige auch illegal hier leben. Nie wisse sie, ob nicht einer von ihnen in polizeiliche Kontrollen geraten ist, auf irgendeine Polizeiwache verschleppt. Einer von ihnen sitzt bereits in Abschiebehaft. Weil er aus Angst, dass sein befristetes Asyl nicht verlängert wird, sich nicht mehr bei der Ausländerpolizei meldete. Auch dies sind Auswirkungen der durch die Medien verbreiteten Hysterie.

Blick zum Nachbarn

Vielleicht sollten Fernsehmacher und Kritiker einmal ihre Kompetenz nicht darin sehen, den Fernseher niemals auszuschalten, sondern einen Blick in die Nachbarschaft zu riskieren. Denn wie sagte der Satiriker Tucholsky: „Wir brauchen den fröhlichen Kenner. Nun ist das große Unglück, dass sich der Kenner, wenn er dem deutschen Kulturkreis angehört, meist zum Fachmann herunterentwickelt – und der ist ganz und gar fürchterlich“.

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