Die Krux mit den Bildern

Foto: imago images/Baering

Ist das goldene Zeitalter des Fotojournalismus vorbei? Sollen wir einstimmen in den Abgesang auf das Metier, der in den letzten Jahren immer wieder erklang? Nein, im Gegenteil – der Blick richtet sich auf die Verschränkung von Fotojournalismus und digitalem Publizieren, auf die digitale Netzwerkkommunikation und die Bildwirtschaft sowie aktuelle politische Debatten über das journalistische Bild im Jahr 2020.

Im Jahr 2020 ist laut dem Reuters Digital News Report das Smartphone in Deutschland zum ersten Mal das wichtigste Gerät für den Konsum von Nachrichten. Einen ähnlichen Trend gibt es bezüglich der Quelle von Nachrichten. Zum ersten Mal ist der Online-Konsum (inklusive der sozialen Netzwerke) gleichauf mit dem Fernsehen. Das wichtigste soziale Netzwerk, so der Report weiter, ist Facebook, gefolgt von YouTube und Instagram.

Diese digitale Medienöffentlichkeit ist durch eine sehr große Bildlastigkeit gekennzeichnet. Kein Artikel kommt ohne Bild aus, sei es um Aufmerksamkeit zu erzeugen, eine Nachricht zu visualisieren oder zum Zweck des Clickbaiting. Damit stellt sich die Frage, ob und wo wir es in dieser digitalen Medieninfrastruktur überhaupt noch mit Fotojournalismus zu tun haben bzw. wie sich der Fotojournalismus dort zeigt.

Von Fotojournalismus, sei es als Nachrichten- oder Dokumentarfotografie, lässt sich immer dann sprechen, wenn professionelle Akteure Bilder zum Zwecke journalistischer Kommunikation anfertigen, verbreiten und veröffentlichen. Und hier ist die Krux: viele der Bilder, die heute in journalistischen Medien kursieren, sind keine fotojournalistischen Bilder. Es finden sich PR-Bilder, Stockfotografien oder Amateurbilder. Und immer öfter mischt sich alles mit allem.

Glaubwürdigkeit und Fake News

Zu denken gibt aber vor allem eine weitere Entwicklung und zwar das rückläufige Vertrauen in Nachrichten. Laut dem Reuters Digital News Report liegt es nur noch bei 45 Prozent. Während von den befragten User*innen immerhin noch 59 Prozent den von ihnen genutzten Medien Glauben schenken, liegt das allgemeine Vertrauen in Nachrichten aus den sozialen Netzwerken nur bei 14 Prozent. In Zeiten von Lügenpresse- und Fake News-Vorwürfen ist das nicht verwunderlich und verweist neben der Polarisierung gesellschaftlicher Debatten auf den vermehrten Einsatz einer hinter Fake-News Vorwürfen versteckten politisierten Medienkritik, die auch vor dem Fotojournalismus nicht Halt macht.

Die grundsätzliche Herausforderung der Fotografie besteht darin, dass ihr auf der einen Seite ein vereinfachter Vertrauensvorschuss im Sinne einer eins-zu-eins-Realitätsabbildung mitgegeben wird. Auf der anderen Seite sieht sich das Medium wie kaum ein anderes mit einer heftigen Repräsentationskritik konfrontiert. Beidem liegt der Trugschluss zu Grunde, nur über das Bild ließe sich ermitteln, ob eine dargestellte Szene „wahr“ sei oder nicht. Dabei sind Fotografien immer kontextgebunden und es liegt an der Vertrauenswürdigkeit der Produktionsbedingungen und Verarbeitungs-mechanismen, ob diese glaubwürdig sind oder nicht. Die Glaubwürdigkeit und Transparenz dieser Protokolle sind entscheidend dafür, ob der Fotojournalismus unbeschadet aus der Fake News-Krise herauskommt und sich als Medium der Weltvermittlung behaupten kann.

Bildermarkt immer prekärer

Während Bilder immer wichtiger werden, wird der Bildermarkt seit Jahren immer prekärer. Laut der von Professor Lars Bauernschmitt von der Hochschule Hannover in Kooperation mit verschiedenen Verbänden durchgeführten Erhebung „image market 2020“ stellen ungefähr 80 Prozent der befragten Agenturen und Fotograf*innen sinkende oder stagnierende Honorare fest. Besonders schlecht ist die Situation auf dem journalistischen Bildermarkt. So kamen Fotograf*innen mit redaktionellem Schwerpunkt 2019 im Mittel nur auf einen jährlichen Netto-Honorarumsatz von 27.014 Euro, während er im werblichen Bereich bei 53.909 lag. Interessant ist, dass Urheber*innen und Agenturen dennoch ihre Vertriebskonzepte nicht in Frage stellen.

Klar ist, dass Bilder heute eine globale Handelsware auf einem Markt sind, der extrem stark von Zentralisierungstendenzen gekennzeichnet ist. Nirgendwo wird dies deutlicher als an der Marktmacht des Konzerns Getty Images, der durch internationale Zukäufe sein Portfolio ständig erweitert. Die Digitalisierung hat die Bildwirtschaft rasant verändert, seit fast der komplette Handel online abgewickelt wird und Mikropayment-Systeme für Cent-Beträge möglich sind. Cloudbasierte Datenbanken und Systeme wie Picturemaxx ermöglichen es auch einzelnen Fotograf*innen, als „One-Person“-Agenturen aufzutreten.

Visuelle Trends

Wenn es um Bildästhetik und Innovationen geht, führt kein Weg an Instagram vorbei. Dort werden Trends gesetzt und visuelle Innovationen ausprobiert. Das beeinflusst auch den Fotojournalismus. Aber lassen sich in sozialen Medien erfolgreiche Bildsprachen ohne weiteres im Fotojournalismus einsetzen? Auf jeden Fall gibt es Unterschiede. Während sich eher feuilletonistisch orientierte Bildredaktionen wie etwa bei der Zeit Experimente erlauben, ist das Bildverständnis im tagesaktuellen Journalismus bis heute eher tradi-tionell. Aber deswegen nicht unbedingt schlechter. Die Herausforderung liegt auch in den jeweiligen Strukturen, der redaktionellen Organisation wie den verfügbaren Budgets. Dazu gehört die Frage, wer eigentlich Bilder auswählt und über deren Publikation entscheidet (siehe „Quo Vadis, Bildredakteur?“ Seite 10 – 11).

Geschickt greifen auch Agenturen in die Debatte ein, die nicht für journalistische Inhalte bekannt sind, wie etwa das Berliner Start-Up EyeEM (siehe S. 16 – 17). Gesurft wird dabei vor allem auf der Storytelling-Welle, die auch im Journalismus um sich greift. EyeEM wirbt damit, Redakteur*innen und visuelle Entscheider*innen dabei zu unterstützen, qualitativ hochwertiges Storytelling zu finden, ohne beim Publikum Anstoß zu erregen. Die EyeEm Visual Trends 2020 benennen dafür unter anderem produzierten Realismus („Produced Realism“) und Bürgeraktivismus („Citizen Activism”). Es sind geschickt gewählte Stichworte, die durchaus Anknüpfungspunkte an Debatten im Fotojournalismus bieten und Teil eines nonchalanten Versuchs sind, die visuelle Content-Produktion über den Journalismus zu stülpen.

Journalistische Medien versorgen heute neben ihren gedruckten Produkten und den Online-Ausgaben auch verschiedene Social Media-Plattformen. Vor allem auf bildlastigen Plattformen wie Instagram stellt sich die Frage, ob es dort noch um die Vermittlung von Nachrichten oder eher das Branding des Verlags oder einer Medienmarke geht. Die Facebook- und Instagram-Feeds unterscheiden nicht, vom wem die Inhalte kommen, seien es Profis oder Amateure, Scharlatane oder Mediennutzer*innen. Professionelle Fotograf*innen sind wie andere auch, Konsument*innen, Produzent*innen und Distributor*innen in einem. Was wichtig ist, entscheiden Algorithmen, die die Nutzer*innen durch ihr Klickverhalten beeinflussen. Das heißt aber auch, jedes Bild ist gleich und Journalismus nicht per se mehr wert, als Celebrity oder PR. Für die Vermittlung visueller Inhalte eine immense Herausforderung. Deswegen warnt Michael Hauri: „Ich würde Fotograf*innen nicht raten, sich als Influencer*innen zu versuchen, weil dabei die Grenzen zur Werbung automatisch verwischt werden“ (siehe Interview Seite 12 – 13).

Wer böse wäre, könnte vermuten, dass eigenständige journalistische Inhalte in sozialen Netzwerken auch gar nicht so zentral sind. Denn im digitalen Neusprech dreht sich alles um „Content“. Und da wird kaum ein Unterschied gemacht, ob dieser von Unternehmen oder Verlagen stammt, redaktioneller oder werblicher Natur ist. Es ist oft eine oberflächliche Livestyle Welt, die man erfährt, wenn man bei den Inhalten der Social Media-Kanäle verbleibt. Dies verweist auf die Notwendigkeit einer Debatte darüber, ob seriöser Journalismus in sozialen Medien überhaupt möglich ist und welche Rolle die Fotografie dabei spielen soll. Vor allem aufgrund der großen Bedeutung sozialer Medien für den Nachrichtenkonsum junger Menschen ist dies wichtig. Das – zumindest theoretisch – bestehende Potenzial, hochwertige fotojournalistische Inhalte für soziale Netzwerke zu produzieren, ist dabei bei weitem nicht ausgeschöpft.

Eine Welle der Politisierung

Gepusht durch die Corona-Krise haben sich im Frühsommer in den USA verschiedene Institutionen wie das Authority Collective, das Netzwerk Women Photographer und die National Press Photographers Association zusammengetan, um eine „Photo Bill of Rights“ zu verabschieden. Ziel ist die Arbeitsbedingungen sogenannter „lens based workers“ – also aller Berufsgruppen, die vor und hinter der Linse arbeiten, von Fotojournalist*innen über Bildredakteur*innen bis hin zu Foto-Assistent*innen – zu verbessern, eine Debatte über inklusivere Arbeitsbedingungen anzustoßen und die Privilegien Weißer Männer im Business herauszufordern.

Kontrovers wurde in Facebook-Gruppen sowie auf einschlägigen Webseiten wie Petapixel vor allem der Vorschlag diskutiert, von den Fotografierten jedes Mal eine Zustimmung („Informed Consent“) einzuholen. Altgediente Fotojournalist*innen witterten dahinter den Versuch der Zensur, andere sahen es als in der Praxis nicht umsetzbar an, vor allem wenn es um Demonstrationen und Krisensituationen geht. Erst-unterzeichner wie Jovelle Tamayo konterten, es ginge um die Formulierung eines Ideals und das Anstoßen einer Debatte.

Neue Medien, ethische Fragen

Denn, sind Bilder einmal publiziert und in der Welt, stehen sie allen zur Verfügung und können zu vielfältigsten Zwecken genutzt werden. Dazu gehört auch staatliche Überwachung und Repression. Nie war es einfacher, über Gesichtserkennung fotojournalistische Dokumente zur Strafverfolgung oder zur Diskreditierung des politischen Gegners zu nutzen. In einer globalen Medienöffentlichkeit, die eine Folge digitalen Publizierens im Internet und sozialer Netzwerke ist, stellen sich klassische bild- und medienethische Fragen völlig neu.

Während der Nachhall auf diesen Aufruf in Deutschland bis heute quasi inexistent ist, schaffte es die Debatte um den Umgang der Fotografenagentur Magnum mit einer Arbeit ihres Mitglieds David Harvey aus den 80er Jahren bis auf die deutschen Feuilletonseiten. Die Kritik entzündete sich vor allem an der tendenziösen Verschlagwortung einer Reportage über minderjährige Sexarbeiter*innen in Thailand. Magnum entschloss sich nach einer eingehenden Prüfung, die Bilder aus dem Archiv zu nehmen. Vor allem rechtskonservative Autor*innen sahen hier einen Fall von „Cancel Culture“ und politisierten damit die Debatte weiter.

Aber es gibt auch positive Veränderungen. So überraschte im Oktober viele in der Branche die Nachricht, dass die bis dato inhabergeführte Fotoagentur Focus von einer Gruppe Fotograf*innen übernommen wird. Die Gruppe ist zwar stark Weiß und männlich dominiert, setzt aber an anderer Stelle politisch Akzente. So wurde nachhaltige Entwicklung als Leitprinzip ausgerufen. Dazu sollen etwa „Maßnahmen zur Bekämpfung des Klimawandels und seiner Auswirkungen“ ergriffen werden und Maßnahmen wie „zum Beispiel klimaneutrale Reisen, Übernachtungen, Stromanbieter“ gehören, so die Selbstdarstellung der Agentur.

Und die Kolleg*innen des Fotografenverbandes FREELENS beauftragten die Soziologin Renate Ruhne mit einer Studie über „Gender und Fotografie“, deren Ergebnisse im kommenden Jahr vorliegen sollen. Die Kölner Fotojournalistin Juliane Herrmann hingegen machte sich mit der dritten Ausgabe ihres im Eigenverlag publizierten Beyond Magazin auf die Suche nach einer (post)kolonialen Gegenwart. Ihre in der Tradition der humanistischen Fotografie verortete Magazinreihe möchte mit der aktuellen Ausgabe „einen Diskurs zu kolonialen Strukturen in der Fotografie, zur Macht der Bilder unserer Gegenwart und zu den Bedingungen der Bildproduktion in einer globalisierten Welt eröffnen“, wie auf Herrmanns Webseite zu lesen ist.

Die Welt des Fotojournalismus ist komplex. Auch wenn sie das schon immer war, sind die Herausforderungen so groß wie nie. Im Jahr 2020, nach #metoo und #blacklivesmatter, stellen sich viele Fragen, die ein „Weiter so“ im Fotojournalismus nicht mehr möglich machen. Sie betreffen alle in diesem Feld Tätigen, von den einzelnen Fotojournalist*innen über die Agenturen und Redaktionen bis zu Studiengängen, Festivals und Verbänden. Selten gab es so viel Bewegung in diesem Berufsfeld. Dazu gehört, dass alte Gewissheiten in Frage gestellt werden, aber es bietet auch Chancen für Veränderungen und vor allem eine politische Diskussion darüber, welche Form von Visualität der Journalismus heute braucht, welche Rolle dabei der Fotojournalismus spielt und wer dies bezahlen soll.

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