Ein Leben für die Dokumentarfotografie

Carol, JoJo und Lisa treiben sich in der Mott Street herum, Little Italy, New York, 1976. Foto: Susan Meiselas

Mit einer Retrospektive über die US-amerikanische Fotografin Susan Meiselas hat das Ausstellungshaus C/O Berlin es geschafft, die Arbeiten der Grande Dame der dokumentarischen Fotografie nach Deutschland zu holen. Noch bis zum 9. September 2022 ist das über 50 Jahre entstandene Werk der Magnum-Fotografin in der Ausstellung „Mediations“ zu sehen. Gezeigt wird unter anderem ihr Langzeitprojekt „Kurdistan: In the Shadow of History“.

Wer sich für Fotojournalismus und dokumentarische Fotografie interessiert, stößt früher oder später auch auf die Arbeiten von Susan Meiselas. Die 1948 in Baltimore geborene Fotografin wurde mit ihrer Berichterstattung über die nicaraguanische Revolution Ende der 1970er Jahre international bekannt. Bereits seit 1976 war Meiselas Mitglied der renommierten, bis heute existierenden Agentur Magnum Photos. Kaum eine andere bekannte Fotografin ist ein Leben lang einem dokumentarischen fotografischen Ansatz so treu geblieben wie Susan Meiselas.

Die von Felix Hoffmann co-kuratierte Ausstellung belegt das komplette Erdgeschoss im Amerikahaus, dem Sitz von C/O Berlin. Sie versammelt 250 gerahmte Originalabzüge, neudeutsch Vintageprints genannt, sowie zahlreiche Dokumente, Zeitschriften, Audiomitschnitte und Notizen der Fotografin, die zumeist in Vitrinen präsentiert werden. Immer wieder werden auch an die Wand plakatierte Kontaktabzüge als Raumteiler eingesetzt. Der Parcours durch die Ausstellung ist chronologisch angelegt und reicht von frühen Serien der Fotografin zu Beginn der 1970er-Jahre bis hin zu Arbeiten aus den vergangenen Jahren. Dominierte anfänglich noch die Schwarzweiß-Fotografie, setzte sich bei Meiselas mit der Zeit die Farbe durch.

Interessant ist zu sehen, wie bereits in einer ihrer frühen Serien „44 Irving Street“ ihre spätere Arbeitsweise, die sie in ihrem Langzeitprojekt „Kurdistan: In the Shadow of History“ zur Meisterschaft brachte, in Teilen angelegt ist. Da ist zum einen eine radikale Solidarität und Hinwendung zu den von ihr Porträtierten sowie das Dranbleiben an einem Sujet beziehungsweise einem Thema über einen längeren Zeitraum. Die Porträts, die Meiselas 1971 von ihren Nachbarn in einer Pension anfertigte, in der sie während ihres Studiums lebte, ließ sie von den Porträtierten mit Gedanken über das eigene Abbild versehen. Wenn auch in anderer Form, so wurde Text in ihren späteren Arbeiten immer wichtiger.

Eine besessene Sammlerin und Archivarin

Der große Saal im Erdgeschoss des Amerikahauses ist zwei Arbeiten gewidmet, die unterschiedlicher nicht sein könnten und gleichzeitig doch paradigmatisch für Meiselas Werk stehen. Da ist zum einen das während ihrer Nicaragua-Zeit entstandene Porträt eines Widerstandskämpfers, der einen Molotowcocktail schleudert und das als Einzelbild unter dem Titel „Molotov Man“ zu einer Bildikone geworden ist. Und zum anderen wird dort das Langzeitprojekt über den Genozid an den Kurd*innen gezeigt, an dem Meiselas seit 1991 arbeitet. Während das Kurdistan-Projekt sich in seiner Gänze erst durch das Zusammenspiel einer Vielzahl von Fotografien und Dokumenten erschließt, wurde ihr die Hoheit über den „Molotov Man“ von den Revolutionär*innen in Nicaragua aus der Hand genommen, die dessen Bildgeschichte auf Wandgemälden und in anderen Formen fortschrieben.

Susan Meiselas ist eine besessene Sammlerin und Archivarin. Sie will die Dinge durchdringen, hinter die Fassaden blicken. Egal ob es um die Nachbarsmädchen in ihrer direkten Umgebung, Stripperinnen oder Guerilleros geht, immer zeigt sie die Menschen würde- und respektvoll. Dabei ist sie nicht nur Fotografin, sondern hinterfragt immer wieder auch die Verwendung des fotografischen Bildes beziehungsweise nutzt das Bild im Bild. Sei es, indem die Menschen, die sie ablichtet, Bilder von Verwandten in die Kamera halten. Oder wenn sie wie in ihrem Kurdistan-Projekt Reproduktionen von historischen Aufnahmen kurdischer Fotografen anfertigt. So schafft es Meiselas immer wieder, auch die Geschichte der Bilder, ihre Biografien, ihr Leben (weiter) zu erzählen.

Was in dem auf ihr fotografisches Werk ausgelegten Retrospektive in Berlin nicht so ganz deutlich wird, sind die Übergänge, die Entscheidungen und der Antrieb der Fotografin. So bleibt schwammig, was etwa den Auslöser gegeben hat, um Ende der 1970er-Jahre nach Nicaragua zu reisen und sich damit zum ersten Mal der Auslandsreportage zu widmen. Hier zeigen sich die Grenzen einer zwar hervorragend kuratierten, aber auf die Fotografie fokussierten Retrospektive. Alles in allem jedoch ist der Besuch überaus lohnenswert und bereichernd und beschert den Besucher*innen einen tiefen Einblick in ein spannendes Kapitel der Fotografiegeschichte.

„Susan Meiselas. Mediations“ 30. Apr bis 9. Sep 2022, C/O Berlin, Amerika-Haus, Hardenbergstraße 22–24, 10623 Berlin, täglich 11:00–20:00 https://co-berlin.org

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