Engagement für die Zivilgesellschaft

Der Schriftsteller und Orientalist Navid Kermani hat in diesem Jahr den Bürgerpreis der deutschen Zeitungen erhalten. Bei der Preisverleihung im Berliner Axel-Springer-Haus hob der Präsident des Bundesverbands Deutscher Zeitungsverleger und Vorstandsvorsitzende von Axel Springer, Mathias Döpfner, die Toleranz, Weltoffenheit und Liberalität des Kölner „Universalgelehrten“ hervor.

Kermani hat bereits zahlreiche Preise für sein Werk erhalten und seinen Reportagen, Sachbüchern, Reden und Romanen kürzlich auch ein Kinderbuch hinzugefügt. Im Januar 2016 hatte er mit etlichen Prominenten nach den Silvesterübergriffen eine gemeinsame „Kölner Botschaft“ verfasst, die von fünf Zeitungen entlang des Rheins abgedruckt wurde. Darin haben sie zur offenen Diskussion der Vorfälle, zur klaren Nennung der Täter und der Fehler der Polizei aufgerufen, sich aber auch gegen Fremdenfeindlichkeit und Vorurteile gewandt. „Es gab in Köln nach Silvester eine gewisse Sprachlosigkeit“, erklärte Kermani den Grund für diese „Botschaft“.

Der Laudator des Festakts, der Soziologe und Schriftsteller Wolf Lepenies, hatte in seiner Rede Kermanis Engagement für die Zivilgesellschaft hervorgehoben: Er sei kein „freischwebender Intellektueller“, sondern inzwischen vom Schriftsteller „zur politisch-literarischen Ich-AG“ geworden. Damit verkörpere er bestens die Vorstellung des „Bürgers“ als „animal politicum“, wie sie Theodor Mommsen in seinem Lebensrückblick beschrieben habe. Denn Bürgersinn bedeute Engagement. Demokratie verlange Verantwortung nicht nur der Eliten, sondern auch der Massen.

Den 1967 in Siegen als Sohn iranischer Eltern geborenen Kermani nannte er einen „deutschen Staatsbürger und europäischen Patrioten“, der auch den „Mut zum Pathos“ habe, der nötig sei, damit die „Nüchternheit der Demokratie nicht zur Kälte“ werde. Kermani fordere, in Deutschland die einheimische Kultur „selbstbewusst zu leben, die Vielfalt zu akzeptieren und andere zu respektieren“. Mommsens Aufforderung zum Bürgersinn sei er in vielen Diskussionen – auch in Schulen – „vorbildlich nachgekommen“.

Kermani wies in seinen Dankesworten auf die Bedeutung der Medien für die Gesellschaft hin, wie es sich in Köln erwiesen habe. Durch ihre Abbildung der Wirklichkeit mit Korrespondenten in aller Welt kämpften sie gegen „Informationsblasen“ und nähmen dabei auch Gefahr in Kauf, wie der Fall Deniz Yücel gerade zeige.

 

nach oben

Weitere aktuelle Beiträge

Filmtipp: Was haben wir gelacht

Der Dokumentarfilm „Was haben wir gelacht“ mit Maren Kroymann, Hella von Sinnen, Bettina Böttinger, Gaby Köster und Esther Schweins blickt facettenreich, differenziert und  kurzweilig aus weiblicher Perspektive auf die Rolle der Frau in der Fernsehunterhaltung der Neunziger- und Nullerjahre. Eva Müller und Isabel Schneider dokumentieren mit Hilfe vieler Show-Ausschnitte, wie misogyn und homophob diese Zeit war.
mehr »

KI-Resilienz im Journalismus

In der aktuellen KI-Debatte schenkt sich keiner was. Kaum taucht der Verdacht auf, ein Kollege habe ChatGPT oder Claude zum Schreiben mitgenutzt, beginnt vielerorts bereits die öffentlichkeitswirksame KI-Spurensuche.Die aktuelle KI-Debatte zeigt, warum Redaktionen endlich praxistaugliche Leitlinien für einen souveränen Umgang mit der KI brauchen.
mehr »

Bürgermedienplattform vor dem Aus

Die Bürgermedienplattform NRWision an der Technischen Universität (TU) Dortmund steht vor einer ungewissen Zukunft. Die nordrhein-westfälische Medienanstalt stellt Ende 2026 die finanzielle Förderung ein – nach dann fast 18 Jahren. Die Verantwortlichen versuchen, für eine Fortführung andere Geldgeber zu finden.
mehr »

Ein Preis mit hohem Preis

Die Berliner Autorin und Journalistin Marie von Kuck erhält für ihr Lebenswerk den Leipziger Medienpreis. Und kämpft zugleich ums Überleben. Warum sie die Auszeichnung mit gemischten Gefühlen entgegennimmt.
mehr »