Es geht um Wahrheit, Transparenz, Integrität

Einladung zum Mitmachen. screenshot: journalismustrustinitiative.org

Die Journalism Trust Initiative (JTI) ist eine Plattform, die vertrauenswürdige Nachrichtenquellen identifizieren und stärken will. Unter der Regie von Reporter ohne Grenzen (RSF) soll ein Beitrag gegen Hass, Propaganda und Fake News geleistet werden. Ende Mai wurde die Webseite freigeschaltet. Am 29. Juli diskutierten Projektteilnehmer verschiedener internationaler Medien zum Thema „Glaubwürdiger Journalismus als Gegengift gegen Desinformation“ über Funktionsweise und Aufgaben der Plattform.

Olaf Steenfadt, Projektdirektor bei Reporter ohne Grenzen, skizzierte in der Online-Konferenz die Rahmenbedingungen des Projekts. JTI basiere auf Kriterien, die RSF seit drei Jahren zusammen mit mehr als 130 Vertreter*innen von Medien, Technologieunternehmen, Regulierungsbehörden und Nichtregierungsorganisationen erarbeitet habe.

Das JTI-Angebot besteht aus drei Stufen. Zunächst füllen Medien eine Selbstevaluierung über die JTI-Online-App aus und prüfen dabei, ob die eigene Arbeitsweise dem JTI-Standard entspricht. Die Ergebnisse dieser Evaluierung können dann freiwillig der Öffentlichkeit zugänglich gemacht und als Transparenzberichte publiziert werden. Letzte Stufe dieses Prozesses ist ein externes Audit mit einer unabhängigen Bewertung durch eine lizenzierte Zertifizierungsstelle.

„Bei JTI geht es nicht um Inhalte, sondern um Transparenz und Selbstregulierung der Medien“, erläuterte Steenfadt. Nach erfolgreichem Durchlaufen des dreistufigen Prozesses erhält das jeweilige Medium das „JTI“-Zeichen. Es soll Mediennutzer*innen, der Werbewirtschaft, sozialen Netzwerken und Suchmaschinenbetreibern helfen, zwischen seriösen Quellen und Informationen fragwürdiger Herkunft zu unterscheiden. Glaubwürdige journalistische Berichterstattung soll auf diese Weise einen Wettbewerbsvorteil gegenüber Propaganda und Desinformation erhalten.

Die Glaubwürdigkeit stärken

Jon Williams, Managing Direktor bei den Nachrichtenprogrammen von RTE, Irlands nationalem öffentlich-rechtlichem Rundfunk, engagiert sich erst seit kurzem bei der JTI. Zu Beginn der Corona-Pandemie startete RTE die Kampagne „Truth Matters“, als Reaktion auf die wachsende „Delegitimierung“ auch seriöser Medien in der irischen Bevölkerung. Journalisten seien auf der Straße angegriffen und beleidigt worden, nur weil sie wahrheitsgemäß über die Pandemie berichtet hätten. „Die Wahrheit ist wichtig, aber es reicht nicht mehr aus, sie zu erzählen“, konstatierte Williams. In der Öffentlichkeit gelte RTE nur noch als die glaubwürdigste unter den am wenigsten glaubwürdig eingeschätzten Instanzen. Man müsse daher „alle Instrumente nutzen, um den Wert unabhängiger vertrauenswürdiger Information zu belegen“.

Über schwierige Arbeitsbedingungen berichtete auch Alice Taylor, Redakteurin bei der albanischen Netzplattform „exit.al“. Es gebe Drohungen und Druck, gelegentlich werde die Website gehackt, eine restriktive Mediengesetzgebung schränke die Freiheit der Berichterstattung ein. Zudem müsse ständig um finanzielle Mittel gekämpft werden. Dazu gesellten sich professionelle Hürden: „Wer kein Englisch beherrscht, hat es schwer beim Factchecking.“ Lob und Unterstützung von Reporter ohne Grenzen habe sie motiviert, sich der JTI-Plattform anzuschließen.

Entstehungsprozess von Information offenlegen

Fast von Anfang an dabei ist auch Heaton Dyer, Executive Director of Strategy and International Relations für CBC/Radio-Canada. Seine Motivation begründete er mit dem „unglaublichen Misstrauen“ von großen Teilen des Publikums gegenüber den Medien. 49 Prozent der kanadischen Bevölkerung sei der Auffassung, die Medien würden die Öffentlichkeit in vielen Frage bewusst irreführen. Seine Gegenstrategie: „Uns geht es nicht darum, an einzelnen journalistischen Beiträgen die Frage von Wahrheit und Lüge zu erörtern, wir wollen vielmehr die Informationsprozesse offenlegen.“

Für diese Position erntete Dyer beim anschließenden Online-Chat breite Zustimmung. Es sei kaum sinnvoll, sich mit einzelnen Fake-News-Vorwürfen von Nutzer*innen auseinanderzusetzen. Viel effizienter erscheine, das Publikum in die Lage zu versetzen, kompetenter die Glaubwürdigkeit von Medieninformationen einschätzen zu können.

Tatsächlich legt die JTI den Fokus auf den Entstehungsprozess von Journalismus. Zu den Kriterien gehören unter anderem die Transparenz von Eigentumsverhältnissen und Finanzierungsquellen der Medien sowie Mindestanforderungen an journalistische Ethik und redaktionelle Standards. Die Plattform steht nicht nur Medien, sondern auch anderen Akteuren offen. Berufs- oder Branchenverbände, Regulierungsbehörden und Selbstregulierungsgremien wie Presseräte können sich ebenfalls in der jti:app registrieren. Indem sie ihr Konto mit dem von Medien verknüpften, so die Begründung, trügen sie zu deren Glaubwürdigkeit bei: durch Zugangsvoraussetzungen und Regeln der Mitgliedschaft, durch selbstregulierende Aufsicht oder gesetzliche Regulierung.

Die Journalism Trust Initiative wird mitfinanziert von der Europäischen Kommission und von Craig Newmark Philathropies. „Der Journalismus braucht euch“, warb RTE-Mann Jon Williams zum Abschluss um Mitarbeit. „Es geht um Wahrheit, Transparenz und Integrität.“

nach oben

Weitere aktuelle Beiträge

Undercover unter Nazis

Angelique Geray arbeitet als Investigativjournalistin für RTL und den stern. Für eine Fernseh-Dokumentation schleuste sie sich in die Gruppe „Letzte Verteidigungswelle“ ein. Durch einen Hinweis von ihr wurden die Behörden auf die Gruppe und ihre Anschlagspläne auf eine Flüchtlingsunterkunft aufmerksam. Zu ihren Erfahrungen und Beobachtungen während der Recherche hat Geray das Buch „Undercover unter Nazis“ veröffentlicht.
mehr »

Rassismus in Redaktionen

Das Kitt Kollektiv hat 200 Menschen, die in Redaktionen arbeiten nach ihren Rassismuserfahrungen gefragt: 90 Prozent gaben an, ihn erlebt zu haben, erklärt Sarah Zaheer im Interview mit der taz. Journalismus in Deutschland hat ein Vielfaltsproblem - können einzelne Programme, die Medienhäuser und Organisationen inzwischen etabliert haben, das Problem tatsächlich verändern?
mehr »

Krasse Kürzungen bei ARD und ZDF

  Für 58 Cent bekommt man heutzutage beim Bäcker allenfalls ein Brötchen von gestern. Dennoch haben einige Bundesländer ARD und ZDF eine entsprechende Erhöhung der Rundfunkabgabe auf monatlich 18,94 Euro verweigert. Trotz einer Verfassungsbeschwerde der Sender wird der Beitrag erst 2027 steigen, und dann wohl nur um 28 Cent. Vor allem innerhalb der ARD muss daher noch mehr gespart werden. Das schließt auch einen weiteren Stellenabbau mit ein.
mehr »

Medien-NGOs im Visier der Rechten

In Deutschland nehmen die Angriffe auf zivilgesellschaftliche Organisationen zu – angefeuert von extrem rechten Akteur*innen aus Politik, Medien und PR. Ihre Diffamierungs- und Desinformationskampagnen zielen darauf, vor allem Nichtregierungsorganisationen, finanziell auszutrocknen. Damit gefährden sie auch die Arbeit demokratischer Medienprojekte.
mehr »