„Es wäre gut, wenn Sie in den Vorruhestand gingen“

Personalpolitik nach Imperatorenart

Von Menschen und Macht beim Südwestrundfunk – Ein Porträt über Willkür und Chaos

Freitag, der 13. März 1998. Intendantenwahl zum Südwestrundfunk. Der Kandidat: Peter Voss, bislang Intendant des Südwestfunks. Die Losung der Brüder-Unität zu diesem Tage ist hoffnungsvoll: „Gott der Herr hat mir eine Zunge gegeben, wie sie Jünger haben, daß ich wisse mit den Müden zu rechter Zeit zu reden“. Ein volles Programm wäre das für den sendungsbewußten Südwestrundfunk-Intendanten Peter Voss, der aber, befragt, wie er sich denn so sehe, für das Pferd Caligulas entschied. Entsprechend wird im Hause Voss Personalpolitik gemacht und entsprechend knirscht es zwischen den Hierarchen und Hierachien der beiden Sender SDR und SWF, wenn es um die Personal-Struktur des Südwestrundfunks geht. Mann/frau merkt, daß das Pferd von seinem Imperator viel über Machtbewußtsein gelernt hat.

Viele Beschäftigte in Baden-Baden, Mainz oder Stuttgart einschließlich Studios, die einen Sender und bessere Programme wollen, sind zornig und teilweise auch müde geworden, die Aufbruchstimmung nimmt mehr und mehr ab, weil ein offener Führungs- und Diskussions-Stil von Herrn Voss und der künftigen Geschäftsleitung weder gewünscht noch praktiziert wird. Bisher jedenfalls, und dies läßt Schlimmes für die Zukunft ahnen. Dreizehn Kolleginnen und Kollegen aus dem Programm des SDR haben in einem Brief ihren Frust dem Intendanten Voss deutlich gemacht. Dem SDR-Intendanten Hermann Fünfgeld haben mindestens ebenso viele SDR-Beschäftigte und auch Gremienmitglieder nahegelegt, seinen Einfluß geltend zu machen, damit die „Südfunker bei den Spitzenjobs nicht in die Röhre schauen müssen“ (Titel in der „Stuttgarter Zeitung“ vom 4. April 1998). Im Fernsehausschuß des SDR soll es sogar so hoch hergegangen sein, daß SDR-Intendant Fünfgeld einen Resolutions-Entwurf zum SWR-Personaltableau im Falle der Beschlußfassung als Mißtrauensvotum begriffen hätte. Sie wurde nicht beschlossen. Die Berichte vom „Stuttgarter Zeitungs“-Redakteur Josef Otto Freudenreich bewirkten sogar ein Intendanten-Gespräch in SDR 1 am 18. April 1998.

Zorn in Stuttgart

Die Hintergründe des Unmuts: Ein Teil der Führungsebene des SWR, insbesondere der SWR-Fernsehdirektor Dr. Christoph Schmid, agiert wie die Axt im Walde. Sein mit dem Intendanten ausgedachtes Personal-Tableau läßt am Sendeplatz Stuttgart die Kreativen fassungslos zurück. „Dies ist wie bei einer feindlichen Übernahme – Nein, bei einer feindlichen Übernahme gibt es mehr Gegenwehr“, so die Zitate aus dem Flurfunk. Herr Schmid hat ein Leitenden-Papier verfaßt, das an den fähigsten und besten Männern und Frauen des SDR vorbeigeht und teilweise ebenso Fähige überwiegend aus dem SWF-Bereich bevorzugt. Das hat den Zorn in Stuttgart erregt, weil instinktlos auf oberster Ebene etwas gekocht wird, ohne alle Beteiligten einzubeziehen. Eben dies sind die Machtstrukturen, die Intendant Peter Voss nach Ansicht vieler bevorzugt. Auf den Personalversammlungen charmant parliert und eloquent die persönliche Offenheit betont, bleibt z.B. in der Praxis die Gleichberechtigung der Frauen bei der Besetzung von Leitungsfunktionen unberücksichtigt. Der immer wieder beschworene Sparkurs des SWR wird konterkariert, indem die Führungsriege elf Personen im Range von Direktoren aufweist. Das ist kostenträchtig und schafft schöne Herrschaftsstrukturen. Schon die Landesfunkhausdirektoren in Stuttgart und Mainz sind überflüssig wie ein Fahrrad für einen Fisch. Mit solchen Vorwürfen konfrontiert, zeigt der Intendant schon mal auch den Vogel dem gleichnamigen SWF-Gesamtpersonalratsvorsitzenden. Der Intendant bestreitet politische Einflußnahme. Es geht nicht darum, daß lupenrein je nach SDR- und SWF-Proporz die Leitungsebene besetzt sein muß. Es geht darum, mit allen so zu diskutieren und in den Findungsprozeß mit einzubeziehen, daß der oder die Beste gefunden werden kann. Erwähnenwert hier Dr. Willi Steul, SWF-Landessender-Direktor in Stuttgart, der erst das Gespräch sucht, um sich dann zu entscheiden.

Die Führungsmannschaft

Voss hat schon bei der obersten Führungsmannschaft – eine Frau gibt es nicht – bisherige SWF-Hierarchien überwiegend berücksichtigt. Einziger Vertreter aus der SDR-Riege ist Peter Boudgoust, der Direktor für Verwaltung und Finanzen des SWR ist. Ansonsten: Dr. Hermann Eicher, Justitiar des SWR, als Zugeständnis an die FDP im Verdacht und schon Hilf-Adept beim SWF; Bernhard Herrmann, Hörfunkdirektor, nach acht Jahren Beurlaubung wegen seiner Tätigkeit als Pressesprecher der CDU-Landtagsfraktion seit einigen Jahren wieder im Dienst des SWF; Helmut Ochs, SWR-Direktor Technik und Produktion – ebenso früher SWF; Dr. Christof Schmid, seit 1995 SWF-Fernsehdirektor; Dr. Heinjo Schröder, SWF-Direktor für Recht und Personal, wird SWR-Leiter für Personal und Unternehmensplanung.

Selbstverständlich muß ein Intendant das Recht haben, seine Führungscrew zu bestimmen. Aber wäre er nicht klug beraten, wenn er sich den gesamten Sender und die jeweiligen sensiblen Strukturen an den verschiedenen Standorten ansieht, offen diskutiert und dann das Leitungs-Personal aussucht? Nicht Herr Voss. Und exakt dieses Verhalten sollte nun auf der Hauptabteilungsleiter- und Abteilungsleiter-Ebene fortgeführt werden.

Politik im Spiel

Der Protest der dreizehn, die Zeitungsartikel von Josef Otto Freudenreich, die vielfältigen Gespräche in den Häusern und Gremien haben teilweise gefruchtet, wenngleich nicht unbedingt so, wie frau sich das idealerweise wünscht. Denn nun kommt auch die Parteipolitik wieder ins Spiel. Dies zeigt das öffentlich-rechtliche Rundfunksystem in seiner ganzen Verformung, wenn ausgerechnet in diesem Stadium Günther Oettinger, CDU-Fraktions-Vorsitzender im baden-württembergischen Landtag, auf die Bühne der Akteure tritt. Der CDU-Fraktionsvorsitzende fordert von seinem Intendanten Ausgewogenheit an den Standorten und bei den leitenden Personen. „Und sollte am 20. April der Verwaltungsrat das nicht auf die Reihe bringen, dann müsse nachverhandelt werden“, so Oettinger im Gespräch mit dem Journalisten Freudenreich. Leider übernimmt der Autor Freudenreich die Auffassung der Parteien, daß sie über die Personalpolitik in den Sendern zu entscheiden haben, wenn er schreibt: „Der schwarze Oettinger als Streiter für öffentlich-rechtliche Ausgewogenheit.“ Das eben ist er nicht. Selbst wenn in diesem Falle ein falsches Personalpapier nicht umgesetzt wird. Es wird zwischen der SPD- und der CDU-Fraktion wieder Gespräche geben und am 18. April wird Herr Oettinger noch zwei wesentliche Personen zur Aussprache treffen und dann seine Forderungen stellen. Aber öffentlich-rechtlich ist das nicht – das ist Parteifunk.

Da der Redaktionsschluß keine Zeit läßt, wird das nächste Heft darüber Auskunft geben, wie die Parteien, die Gremien, deren Freundeskreise und der Intendant ein Personalpaket schmieden, das hoffentlich dem Südwestrundfunk, seinen Programmen und den Beschäftigten dient. Zweifel sind angebracht. Denn was darf man von dem ehemaligen Pressesprecher der CDU-Landtagsfraktion und jetzigen SWR-Hörfunkchef Bernhard Herrmann schon erwarten, wenn er bei der Realisierung der Intendanten-Linie sehr fähigen Kolleginnen und Kollegen beim SDR nahelegt, doch lieber in den Vorruhestand zu gehen, oder die Beförderung davon abhängig macht, daß seine Personalwünsche ohne Abstriche akzeptiert werden. Das reiht sich nahtlos ein in die medienwirksam dargelegte SWR-Rundfunkpolitik des CDU-Fraktionsvorsitzenden Oettinger, der zu Protokoll gab, daß im SWR ohne ihn nichts laufe und die Personalpolitik von ihm bestimmt werde. Selbst wenn Ministerpräsident Beck aus Rheinland-Pfalz über soviel Selbstbewußtsein und Chuzpe Oettingers schriftlich erzürnt war, und wenn auch Peter Voss in Gesprächen nicht müde wird zu betonen, daß besagter Herr keinen Einfluß auf ihn und seine Entscheidungen habe, da lesen wir doch das Buch unseres VS-Kollegen Man-fred Zach über die Ära Späth und schauen uns den real existierenden Rundfunk an und wissen leider das Gegenteil.

Deshalb sind auch alle SWR-Beschäftigten aufgefordert, überall mitzureden … Transparenz zu schaffen und mehr Rundfunk und gute Programme zu wagen, als der Staatsvertrag und auch die eine oder andere Partei und eventuell der eine oder andere Hierarch erlauben. Das Soldatenstiefelchen (lat. = Caligula) wurde von seinen Prätorianern ermordet. Er war ein verschwendungssüchtiger Despot mit überspanntem Majestätsgefühl. Wir wünschen dem Pferd alles Gute.

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