Eyes half shut: Fluch der Überstunden

Meeting der Arbeitsgruppe „Film- und Fernsehproduktion“ von UNI-MEI im Berliner ver.di-Haus
Foto: Martha Richards

Ein wenig abseits des Berlinale-Troubles haben sich am 25. und 26. Februar im Berliner ver.di-Haus Vertreterinnen und Vertreter von Mediengewerkschaften aus der ganzen Welt getroffen, um über die Arbeitsbedingungen in der Filmbranche zu sprechen und nach Lösungen für drängende Probleme zu suchen. Im Zentrum der Diskussionen: die überlangen Arbeitszeiten und das Thema Geschlechtergerechtigkeit – vor, aber vor allem auch hinter der Kamera.

Eingeladen zum Meeting der Arbeitsgruppe „Film- und Fernsehproduktion“ hatte die globale Gewerkschaft für Medien, Unterhaltung, Kunst und Sport UNI-MEI, eine Untersektion der internationalen Dienstleistungsgewerkschaft UNI Global Union. Gekommen waren Filmgewerkschafter*innen aus Kanada, Island, Slowenien, Israel, Argentinien, Frankreich, USA, Irland, Brasilien, Schweden, Spanien, Großbritannien – und natürlich Deutschland. Gegen die babylonische Verwirrung halfen die anwesenden Simultandolmetscher*innen. Vor allem aber die Tatsache, dass man sich über die dringend anzugehenden Probleme der Branche weitestgehend einig war.

Leben und Gesundheit gefährdet

Ganz oben auf der Agenda stehen dort die überlangen Arbeitszeiten von im Extremfall bis zu 19 Stunden pro Drehtag. Das hat Folgen, besonders für die Gesundheit. Massive Überstunden und Schlafmangel führen zu Bluthochdruck, damit zu Herz-Kreislaufproblemen und im schlimmsten Fall zum Herzinfarkt. Die Müdigkeit nach einem langen Tag erhöht außerdem die Unfallgefahr nicht nur am Set, sondern auch auf dem Weg nach Hause – mit teils tödlichen Folgen. Bei Frauen, so habe die argentinische Gewerkschaft SICA APMA herausgefunden, führten die unzähligen Überstunden und mangelnde Erholung gar zu einem deutlich erhöhten Krebsrisiko. Und wer wach bleiben muss, der greift vermehrt zu Aufputschmitteln wie Drogen und Alkohol.

So viel steht fest: Die Branche wird wegen schlechter Arbeitsbedingungen zunehmend unattraktiv. In Deutschland manifestieren sich die Auswirkungen bereits in einem massiven Fachkräftemangel. Dabei zeigten Studien, dass kürzere Arbeitszeiten und ein gutes Zeitmanagement am Set die Produktivität und Kreativität der Mitarbeitenden erhöhe, sagte Johannes Studinger, Vorsitzender von UNI-MEI: „Ein Stopp überlanger Arbeitszeiten wäre also eine Win-Win-Situation für beide Seiten.“ Dieses Narrativ gelte es nun in den Mitgliedsländern voranzutreiben. Zum Beispiel mit einer Kampagne, wie sie die britische Mediengewerkschaft BECTU entwickelt hat. Unter dem Titel „#Eyeshalfshut haben die Engländer eine breitangelegte Umfrage zu den Auswirkungen überlanger Arbeitszeiten auf die Produktivität durchgeführt, eine Petition mit mittlerweile über 7.000 Unterschriften gestartet und sowohl Öffentlichkeit als auch die Filmschaffenden selbst mit Social-Media-Infografiken für die gesundheitlichen und sozialen Risiken der Überstundenkultur sensibilisiert. Denn, auch das gehört zur Wahrheit:  Gerade dort, wo Einzelkämpfertum und Konkurrenzdruck herrschen, machen sich die Medienschaffenden oft zu Komplizen der miserablen Arbeitsbedingungen. Weil sie Angst haben, ihren Job zu verlieren, nicht als schwach gelten wollen oder sich einfach nicht trauen, die scheinbar gängige und akzeptierte Praxis infrage zu stellen.

Für die nationalen Gewerkschaften heiße das, so Studinger: Ein Kampf an zwei Fronten. Es müssten sowohl ein Kulturwandel bei den Beschäftigten gefördert als auch ein starker regulatorischer Rahmen aus Schutzbestimmungen durch Gesetze und Tarifverträge geschaffen bzw. dessen Einhaltung durchgesetzt werden. Dazu gehöre auch die Frage der öffentlichen Filmfinanzierung. Die dürfe nur gewährt werden, wenn Tarifverträge und die darin enthaltenen Arbeitszeiten angewendet werden.

Maskenbildnerin Regine Hergersberg und Dramaturg Gunther Eschke von der ver.di Film Union berichteten über die Situation der Filmschaffenden in Deutschland. Foto: Martha Richards

Mehr Frauen ans Filmset bringen

In Deutschland ist man bereits auf einem guten Weg dorthin. Zum 1. Januar 2022 wird hierzulande ein novelliertes Filmfördergesetz (FFG) in Kraft treten, in dem erstmals die Einhaltung von Sozial- und Tarifstandards als Fördervoraussetzung festgeschrieben werden soll. So fordern es die Koalitionspartner in ihrem Eckpunktepapier, das als Grundlage für den Gesetzentwurf durch die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM) dienen wird.

Daneben soll das neue FFG aber auch die Gleichstellung von Frauen fördern, ließ Gastreferent Daniel Salzwedel vom Medienboard Berlin-Brandenburg (MBB), die Gewerkschafter*innen wissen. Der Katalog der Fördervoraussetzungen sei ein gutes Instrument, um Anreize zu schaffen, mit denen ein Bewusstseins- und Kulturwandel in Sachen Gleichbehandlung von Frauen vorangetrieben werden könne.

Dafür, die öffentlichen Mittel mit politischen Zielen zu verknüpfen und als Hebel für einen gesellschaftlichen Wandel zu nutzen, sprach sich auch Julie-Jeanne Regnault aus, Generalsekretärin beim Europäischen Verband der Filmförderanstalten EFADS. Die nationalen Filmförderanstalten seien wichtige Akteure, wenn es darum geht, mehr Geschlechtergerechtigkeit, aber auch Diversität am Filmset zu erreichen. In manchen Ländern wie etwa Großbritannien oder Norwegen sei Diversity Fördervoraussetzung. Andere Förderanstalten wie das schwedische Filminstitut vergäben die Hälfte des Förderbudgets an Frauen.

Und auch auf EU-Ebene gibt es neue Räume für die Einflussnahme auf medienpolitische Gesetzgebung. Dort wird man bald den Haushaltsplan für die Jahre 2021 bis 2027 beschließen, der erstmals dezidiert ein Medienprogramm enthalten soll. Dafür arbeiten EFADS, UNI-MEI sowie das European Women’s Audiovisual Network EWA aktuell an einem Positionspapier, mit dem sie sich in den Gesetzgebungsprozess einbringen wollen und in dem es nicht nur um Geschlechtergerechtigkeit gehen wird.

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