Fakten, Fakten, Fakten – ein Allheilmittel?

Nachdenken! empfielt eine Gegendemonstrantin am 17. Januar 2022 vor der Berliner Gethsemane-Kirche Impfgegnern und Protestierenden gegen die staatliche Corona-Politik. Foto: Reuters/ Hannibal Hanschke

Angriffe auf Journalisten, Morddrohungen gegen Politiker, eine „Bild“-Zeitung, die Wissenschaftler an den Pranger stellt und so die Szene der Corona-Leugner befeuert. Der harte Kern der Verschwörungsideologen ist mit den Mitteln der etablierten Medien, mit wahrheitsgemäßer Information nicht mehr zu erreichen, darin sind sich Wissenschaftler*innen und Journalist*innen einig. Öffentlich-rechtliche wie auch private Medien setzen dennoch verstärkt auf Faktenchecks. Nutzlos oder können sie doch helfen?

Es handele sich bei den Schwurblern nicht um eine homogene Masse, es gebe laute Schreier und leise Zweifler. Letztere sollten nicht verloren gegeben werden, sagen der Historiker Bernhard Kleeberg und der Autor Hans Demmel gegenüber M Online. Zu den Forschungsschwerpunkten des Erfurter Professors Kleeberg zählen erkenntnistheoretische Fragen zu Wahrheitsnormen und Wissensproduktion in ihrem politischen Umfeld. Der frühere n-tv-Chef Demmel hat sich ein halbes Jahr ausschließlich in den Medien der Verschwörungsideologen informiert. Von August 2020 bis Januar 2021 tauchte er in diese Welt der Desinformation ab. Daraus entstand gemeinsam mit dem TV-Produzenten Friedrich Küppersbusch das Buch „Anderswelt. Ein Selbstversuch mit rechten Medien“.

Klassische Methode in neuerer Praxis

Kleeberg erklärt zunächst, dass es sich beim Faktenchecken um eine klassische journalistische Vorgehensweise handelt, die jedoch erst seit 20 Jahren als eigenständige Praxis auftritt. Notwendig geworden sei sie mit dem Erodieren der Glaubwürdigkeit des Journalismus vor dem Hintergrund der Digitalisierung bei gleichzeitig abnehmenden Ressourcen zur Überprüfung von Informationen. „Je stärker das Vertrauen in die in den Massenmedien verbreiteten Informationen abgenommen hat, umso stärker wurde die Praxis des Faktencheckens. Dies ging zunächst von traditionellen Printmedien aus, die mittels neuer digitaler Medien umgangen werden konnten.“ Doch mittlerweile werde auch die Glaubwürdigkeit der öffentlich-rechtlichen Medien bezweifelt. Für Kleeberg ein Beleg dafür, dass sich die Wahrheitsregime verschieben. Während vor zwanzig Jahren alle noch vor der 20-Uhr-„Tagesschau“ gesessen hätten, seien dies heute nur noch vergleichsweise wenige.

Neuerdings berufe sich auch die andere Seite auf das Faktenchecken – Kanäle wie RT Deutsch oder „die vielen kleinen Möchtegern-Kriegsreporter“, die auf YouTube von den Corona-Demos berichteten. „Hier gibt es mittlerweile auch Praktiken, die ganz ähnlich denen sind, die wir aus dem klassischen Journalismus kennen. Die Corona-Leugner setzen exzessiv auf bestimmte, seit mindestens 100 Jahren bekannte Wahrheitspraktiken, und rechtfertigen ihre Behauptungen durch Verweis auf Vor-Ort-Präsenz, Augenzeugenschaft und das ungefilterte Weitergeben ihrer Beobachtungen.“ Weil danach das, was man sieht, auch der Wahrheit entspreche. Die Kamera bilde die Wirklichkeit 1:1 ab. Kamera draufhalten und nichts schneiden – das verstünden die Corona-Leugner als eine Art Gegenwehr: Ihre Fakten gegen die Berichte der Öffentlich-Rechtlichen und anderer „Systemmedien“.

Ein ganz dickes Brett

Laut einer Studie der Konrad-Adenauer-Stiftung sind ein Drittel aller Deutschen anfällig für Verschwörungsideologien. Demmel verweist auf über 300 rechte Websites und Blogs, die teilweise ganz bürgerlich daherkommen. So könne sich jeder seine eigene Wahrheit im Internet zusammenbasteln, sagt der Medienprofi. Die Psychologen sprächen von „Confirmation Bias“, zu deutsch Bestätigungsfehlern. Menschen nehmen demnach vor allem wahr, was ihre Thesen und Einstellungen bestätigt. „Gerade in der Corona-Zeit hat sich der Satz ´Die Wahrheit findet sich im Internet´ so vervielfacht“, konstatiert Demmel. In dieser Szene gebe es eine massive Ablehnung der Öffentlich-Rechtlichen als Staatsfernsehen, der „Systempresse“, der „Systemmedien“. Schon für Leute wie ihn sei es manchmal schwer gewesen zu erkennen, wer hinter bestimmten Aussagen stecke, sagt der Mann, der vor n-tv beim Bayerischen Fernsehen arbeitete, US-Korrespondent bei Sat.1 und Chefredakteur von Vox war. Für „Anderswelt“ ging er auch der Frage nach, wieso gerade einst als seriös anerkannte Journalisten wie Roland Tichy, Peter Hahne, Matthias Matussek oder der Radiomoderator Ken Jebsen die rechte Publizistik prägen.

Demmel verweist zudem auf Bodo Schiffmann, einen HNO-Arzt aus Sinsheim. Nach dessen Aussage seien mehrere Kinder am Maskentragen gestorben. Die etablierten Medien würden dies nicht berichten, weil es nicht reinpasse. Für Demmel wäre solch ein Fakt „die fetteste Headline, die man sich vorstellen könnte“. Der harte Leugner-Kern sei aber nicht von der Behauptung abzubringen, dass solch eine Meldung durch einen Regierungsanruf unterbunden werde. Es sei ein ganz, ganz dickes Brett, was hier zu bohren sei.

Unerschütterlicher Glauben

Sozialpsychologisch betrachtet spreche vieles dafür, dass verfestigte Positionen nicht aufgegeben werden, so Kleeberg. Konfrontation wirke als Verstärkung von Stress. Das führe dazu, dass man eher in seiner Position verharre. Der Historiker verweist auf die mittlerweile klassische Dissonanztheorie von Leon Festinger.

Eine kleine Sekte in der Nähe von Chicago rechnete am 21. Dezember 1954 mit einer alles vernichtenden Flut. Nur die Angehörigen dieser Sekte würden von Außerirdischen gerettet. Als das Datum näherrückte, verkauften sie ihre Häuser, fanden sich auf einem Berg ein und warteten. Festinger hatte Mitarbeiter in die Gruppe eingeschleust.

Als das prophezeite Ereignis nicht eintrat, fielen die Ufo-Gläubigen nicht etwa vom Glauben ab, sondern deuteten das Scheitern um: Ihr Glaube habe die Welt vor dem Untergang gerettet. Statt zu zweifeln, wurden sie noch überzeugter. Die Theorie der kognitiven Dissonanz beschreibe also, wie die Realität angepasst werde, indem man gleichartige Wahrnehmungen verstärke. Letztlich führe das dazu, dass man sich mit immer mehr Leuten umgebe, die die gleichen Meinungen teilten.

Dieses Phänomen der Echokammern werde im digitalen Raum nochmals extrem verstärkt. Wer hier nur auf Faktenchecks setze, übersehe oftmals diesen sozialpsychologischen Mechanismus.

Selbst er als Medienprofi habe ungeheure Widerstandskraft gebraucht, um nicht in die Falle zu tappen, sagt Demmel, der nach eigener Aussage noch immer den Stachel des Misstrauens gegenüber jeglicher Information in sich trägt. Zweifelnden helfe zumeist ein ganz einfacher Tipp: Ist das Gelesene plausibel? Kann das letztlich überhaupt stimmen?

Journalisten mit mehr Demut

Demmel mahnt: „Man muss klar sagen, dass hier von rechts eine Welle auf uns zu kommt, die beträchtlich ist.“ Sein Appell: Das Thema müsse dringend aufgegriffen werden. Man müsse das „Schmuddelfeld irgendwo rechts“ sehr ernst nehmen. „In der Szene passiert etwas, was viele im Blick haben, aber nicht in der Dimension.“ Rechtes Gedankengut fräse sich subkutan in bürgerliche Schichten, wo Demmel klammheimliches Verständnis im bürgerlich-rechten Umfeld mit den Radikalen sich aufbauen sieht. Riskant sei das auch, weil etwa junge Menschen nicht die Erfahrung und den Kompass hätten, dass sie sich auf die „Süddeutsche Zeitung“, „Die Zeit“, n-tv oder die Öffentlich-Rechtlichen verlassen könnten.

Journalist*innen wiederum müssten mit mehr Demut vor den Lesern, Zuschauern und Nutzern agieren und deren Ängste ernst nehmen. „Wir dürfen das Feld des Informierens nicht zugunsten einer Bevormundung oder Besserwisserei ersetzen…“

Journalisten und Journalistinnen sollten weiter klar sagen, was ist, sauber und präzise recherchieren, Fakten ohne Schaum vor dem Mund einordnen – das reiche völlig, so Demmel. Er plädiere für Faktenchecks, wo immer es geht. Er sei nie Aktivist, nie politischer Überzeugungstäter gewesen. Jetzt komme er in eine neue Rolle, in der es heiße, Stellung zu beziehen, sagt der frühere Medienmanager und heutige Geschäftsführer beim Beratungsunternehmen One Stop.

Er wie auch Kleeberg fordern eine Regulierung, um die Echokammern in ihrer Reichweite zumindest einzudämmen. Man müsse im Netz klarere Grenzen ziehen. Kleeberg plädiert gleichzeitig dafür, die von Corona-Leugnern viel genutzten sozialen Medien mit seriösen Informationen mitzubedienen und verweist dabei auf den Corona-Infokanal der Bundesregierung auf „Telegram”.

Gerade erst hat Bundesinnenministerin Nancy Faeser der häufig von Querdenkern und Rechtsextremisten genutzten Messenger-App mit der Abschaltung gedroht, wenn sich der Dienst weiterhin weigere, deutsche Gesetze zu beachten. Abschalten wäre „ganz klar ultima ratio“, sagt die SPD-Politikerin und strebt eine europäische Lösung an, um „Telegram“ zur Kooperation zu zwingen.

 

 

 

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