Feindbilder schaffen neue Probleme

Die Protagonistinnen von "Djam"
Foto: MFA+

Tony Gatlif, das Exil und seine Filme

Die 51. Internationalen Hofer Filmtage haben ihm die diesjährige Retrospektive mit neun seiner wichtigsten Werke gewidmet: dem weltweit bekanntesten Roma-Regisseur Tony Gatlif (Jahrgang 1948). Seit 1975, also seit mehr als 40 Jahren, dreht er kontinuierlich Filme. Sein neuer Film „Djam“ über das Flüchtlingsdrama auf der griechischen Insel Lesbos wird im Frühling 2018 in die deutschen Kinos kommen.

Als Sohn eines algerischen Berbers und einer Roma-Mutter wuchs Gatlif zwischen zwei Kulturen auf, bevor er infolge des Algerienkriegs das Land verließ, nach Frankreich zog und nach einem Schauspielkurs auf Vermittlung seines Idols, dem französischen Filmstar Michel Simon, Filmemacher wurde. Insbesondere die Kultur seiner außergewöhnlich mutigen und starken Mutter, für die der Vater wegen der Heirat sogar seine eigenen ethnischen Wurzeln zurückstellte, hat ihn geprägt. Das Vorbild dieser Mutter spiegelt sich in nahezu allen Frauenfiguren seiner späteren Filme. Seine erste Trilogie („Les Princes“, 1982; „Latcho Drom“, 1993; „Gadjo Dilo“, 1997) widmete er den Lebensbedingungen der Roma, bevor er sich später auch anderen Kulturen und mit „Exils“ (2004) auch seinen väterlichen Wurzeln zuwandte. Dem Volk der nach der Finanzkrise in Europa weitgehend im Stich gelassen Griechen und den Flüchtlingsschicksalen vieler Bootsflüchtlinge, die auf der Insel Lesbos dramatische Ausmaße annahmen, ist sein neuester Film „Djam“ gewidmet. Im Mittelpunkt all seiner Filme stehen Exilerfahrungen, analog zu den Sinti und Roma, die als fahrendes Volk vor etwa 900 Jahren von Indien nach Europa kamen. Und mit ihnen die Musik, die nie der stimmungsmäßigen Untermalung dient, sondern immer dramaturgische Funktion gewinnt. In „Djam“ ist dies der Rembetiko der Exilgriechen, der für Trauerarbeit, Selbstbehauptung und Hoffnung gleichermaßen steht.

Schon während seiner Schulzeit fühlte sich Gatlif nicht zuletzt dank eines Lehrers, der seinen Schülern mit einem 16mm-Projektor regelmäßig Filmkunstwerke präsentierte, magisch vom Film angezogen. Weniger fasziniert war er damals von der populären Musik jener Zeit, die ihn weder berührte, geschweige denn „zum Träumen“ brachte. Inzwischen ist die Musik für ihn längst so „lebensnotwendig wie das Atmen“. „Die Welt ist heute politisch und wirtschaftlich erstickend. Ohne die Musik hätte ich das Gefühl, keine Luft mehr zu bekommen. Was meine Filme betrifft, arbeite ich nicht literarisch im Sinne der Konzentration auf das Wort. Ich bin ein Filmemacher der Bilder und Töne. Natürlich durchlaufe ich beim Filmemachen über das Drehbuch das Stadium der Literatur, aber das langweilt mich, da ich das als kalt und leblos empfinde. Ohne die Musik wären meine Filme nur ein Skelett ohne Fleisch.“

Tony Gatlif auf den Hofer Filmtagen
Foto: Holger Twele

In einem Exklusivinterview anlässlich der Hofer Filmtage äußerte sich der Künstler auch zu seinen kulturellen Wurzeln, der Situation der Roma in Europa und seinen eigenen Exil-Erfahrungen. Gefragt nach seinem Eindruck, ob sich die Situation der Roma in Europa in den letzten Jahrzehnten verändert hätte, erklärte er: „Es gibt ein grundlegendes Problem zwischen den Roma und der westlichen Gesellschaft. Diese ist bürgerlich geprägt und sie ist sesshaft, auch die spanische. Sie wollte die Roma seit dem Mittelalter immer auf den ihrer Meinung nach richtigen Weg bringen und sie ebenfalls sesshaft machen, etwa durch Politik oder Gesetze. Es ist ihr bisher nicht gelungen, die Roma zu integrieren, die sich immer noch außerhalb der etablierten europäischen Gesellschaft befinden. Für mich ist das ein Armutszeugnis. Die Roma sind ohne ihr Verschulden immer noch genauso arm wie in früheren Jahrhunderten. Kein Volk auf der ganzen Welt möchte in dieser extremen Armut leben, in die sie von der westlichen Gesellschaft gedrängt werden. Es ist das Gegenteil von dem Zusammenleben, das wir uns zurzeit in Europa wünschen. Dieses Zusammenleben ist sehr wichtig und wenn uns dies nicht gelingt, wäre das eine totale Niederlage.“

Eine klare Position nimmt Gatlif auch zum Thema Exil ein, das für ihn keineswegs nur negativ besetzt ist. Die aktuellen Migrationsbewegungen allerdings sind für ihn dem systematischen Versagen der westlichen Welt geschuldet, die unter der Federführung der USA mit konstruierten Feindbildern die eigentlichen Probleme in den betroffenen Ländern ignorierte und stattdessen diktatorische Regimes unterstützte, die diese Probleme noch verstärkten. „Solche Feindbilder schaffen neue Probleme für die nächsten 100 Jahre.“ Gatlif spricht und fühlt sich dagegen nicht als Politiker: „ Als Roma ist man überall Nomade und das seit 900 Jahren. Für mich persönlich ist das Exil Teil meines Lebens und meiner Biografie. Und ich fühle mich dann am lebendigsten, wenn ich als Nomade im Exil leben kann. Das Exil tut weh, denn man lässt etwas hinter sich. Man nimmt aber nur mit, was man in einem Koffer tragen kann oder im Geist und der Erinnerung behalten möchte. Das Exil ist letzten Endes etwas Positives, denn diejenigen, die ins Exil gehen, bringen immer auch etwas mit. Sie können der Gesellschaft, in der sie ankommen, auch etwas geben und schenken. Es heißt: ‚Nimm mich auf, heiß mich willkommen und ich schenke dir meine Kultur.’ Das ist etwas sehr Schönes und Großzügiges.“

Die Hoffnung auf ein besseres Europa, in dem auch die Roma besser integriert werden, möchte Gatlif jedenfalls nicht aufgeben. „Denn ich lebe durch diese Hoffnung. Sie ist absolut notwendig!“

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