Fernsehen ist tot …

Besucherrekord bei der Tagung FilmStoffEntwicklung 2016
Foto: VeDRA Tagung FilmStoffEntwicklung/André Wunstorf

… es lebe das Geschichtenerzählen

In den Berliner Rheinhardstraßenhöfen trafen sich am 5. November 2016 Autor_innen, Dramaturg_innen und andere Filmschaffende zum 7. Tag der Dramaturgie, um Einblicke in aktuelle Trends im Bereich der Filmstoffentwicklung zu bekommen und die Zukunft der Film- und Fernsehbranche zu diskutieren. Eine Branche, die sich in einem Umbruch befindet, der das Fernsehen, so wie wir es kennen, ins mediale Jenseits befördern wird. Wie aus der Asche etwas Neues erwachsen könnte, debattierte man unter dem Titel „Fernsehen ist tot. Es lebe das Geschichtenerzählen“.

Organisiert wird die mittlerweile im Zwei-Jahres-Rhythmus stattfindende Tagung FilmStoffEntwicklung vom Verband für Film- und Fernsehdramaturgie (VeDRA). In ihrer Eröffnungsrede zeigte sich die VeDRA-Vorsitzende Eva-Maria Fahmüller besonders erfreut über den diesjährigen Besucherrekord. In Zeiten großen Wandels besteht offenbar ein ebenso großer Bedarf an Information, Reflektion und Austausch zu den neuesten Entwicklungen in der Film- und Fernsehbranche, deren Umbruch, so hob Fahmüller hervor, besonders den Bereich der Stoffentwicklung vor enorm viele Herausforderungen stelle.
Mit dem Drängen neuer Anbieter auf den Film- und Fernsehmarkt wird die Entwicklung innovativer Erzählweisen immer wichtiger. Wer erfolgreich sein und die Gunst der Zuschauer erobern will, muss sich von der zahlreicher werdenden Konkurrenz abheben, muss einen Mehrwert bieten. Deshalb seien im aktuellen Umbruch vor allem die Dramaturgen gefragt.

Einen Umbruch, den auch der Dramaturg, Dozent und Publizist Oliver Schütte in seinem anschließenden Vortrag mit dem bezeichnenden Titel „Fernsehen ist tot. Es lebe das Geschichtenerzählen“ über die Zukunft des Fernsehens konstatierte. Besser gesagt spreche er über die nicht vorhandene Zukunft des Fernsehens, stellte der einstige Gewinner des Deutschen Drehbuchpreises und Gründungsmitglied der Deutschen Filmakademie gleich zu Beginn klar. Die Erfindung des linearen Fernsehens in den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts sei die zweite Revolution in der audiovisuellen Vermittlung gewesen. Die dritte Revolution, namentlich das Streaming, werde nun ebendiesem Fernsehen den Tod bringen. Der klassische Fernsehzuschauer sei eine aussterbende Spezies. Der Zuschauer der Zukunft wolle audiovisuelle Produkte nicht linear, sondern in Ort und Zeit flexibel konsumieren. Stichwort: Video-on-Demand (VoD), also Videos auf Abruf, und Subscription-Video-on-Demand (SVoD), also Videos auf Abruf über ein Abonnement. Streaming-Anbieter wie Netflix, Amazon, Sky – und künftig – wie Schütte prophezeit – wohl auch HBO ermöglichen es dem Zuschauer, den Prozess des linearen Fernsehens umzukehren.

Der Dramaturg, Dozent und Publizist Oliver Schütte wirft in seinem Vortrag „Fernsehen ist tot. Es lebe das Geschichtenerzählen“ einen Blick auf die Zukunft des FernsehensFoto: VeDRA Tagung FilmStoffEntwicklung/André Wunstorf
Der Dramaturg, Dozent und Publizist Oliver Schütte wirft in seinem Vortrag „Fernsehen ist tot. Es lebe das Geschichtenerzählen“ einen Blick auf die Zukunft des Fernsehens
Foto: VeDRA Tagung FilmStoffEntwicklung/André Wunstorf

Auf dem deutschen Film- und Fernsehmarkt treten diese Anbieter damit in direkte Konkurrenz nicht nur zu den öffentlich-rechtlichen Sendern, sondern auch zu den privaten. Erst kürzlich wurde etwa bekannt, dass Amazon die Produktion der nächsten Staffel von „Deutschland 83“ übernehmen wird. Eine deutsche Serie, deren erste Staffel in den USA gehypet wurde, aber in Deutschland bei ihrer Ausstrahlung auf RTL komplett gefloppt ist. Ausländische Streaming-Anbieter erobern hierzulande nicht nur mit den so erfolgreichen US-Serien wie „House of Cards“, „Orange is the new black“ oder „Narcos“ den Markt. Nein, sie würden beginnen – bisher ein Alleinstellungsmerkmal von ARD, ZDF, Pro Sieben Sat 1 und RTL – auch selbst deutsche Serien zu produzieren. Aktuell entsteht beispielsweise bei Sky „Babylon Berlin“ oder bei Netflix die Serie „Dark“. Schütte schätzt, dass Netflix und Co. im Jahr 2020 etwa sechs deutsche Serien pro Jahr produzieren werden. Und eben hier entstünde, schlussfolgerte er, der Bedarf an neuen Erzählweisen. Denn natürlich wollen sich die VoD-Anbieter nicht nur untereinander abgrenzen, sondern auch von den öffentlichen-rechtlichen Sendern unterscheiden. Den dafür erforderlichen Mehrwert schaffen sie am besten durch neue Erzählweisen, durch neue Dramaturgien.

Um zu illustrieren, wie diese aussehen könnten, blickte Schütte nach Amerika. Klar, wohin auch sonst, wenn nicht ins Mutterland der Erfolgsserien? In den großen Figurenensembles, welche vielschichtige Figuren mit hohem Identifikationspotenzial ermöglichen, der Vielzahl der Handlungsstränge, der Genrevielfalt, dem Aufgreifen von kontroversen Themen und dem Experimentieren mit formalen Strukturen identifizierte er die entscheidenden Merkmale US-amerikanischer Serienhits. Hinter all diesen Charakteristika stehe im Wesentlichen das Ziel, den Zuschauer zu fordern, ihn dazu bringen, zu reflektieren, sich intellektuell mit dem Gesehenen auseinanderzusetzen – und ihn somit an die Serie zu binden. Erfolgreiche Serien würden sich deshalb eben nicht an ein Massenpublikum richten, sondern an ein hochwertiges, spezielles Publikum. Ein Grund, weshalb etwa „Deutschland 83“ auf RTL, einem Sender, der ein großes Publikum erreichen will, zum Quotenflop geriet? Möglicherweise wäre eine solche Serie auf einem der öffentlich-rechtlichen Sender mit weniger Quotendruck besser aufgehoben gewesen.

Doch auch bei den öffentlich-rechtlichen Sendern sieht Schütte, was deutsche Serien betrifft, noch viel Luft nach oben. Mehr noch, als er die Abo-Beiträge von 95,88 Euro im Jahr für Netflix, 49 Euro für Amazon Prime und den jährlichen Rundfunkbeitrag von 210 Euro an die Leinwand projizierte, leuchtete schnell ein, was er dem Publikum damit suggerieren wollte: Ein entscheidender Faktor für die Akzeptanz des öffentlich-rechtlichen Rundfunks und des damit verbundenen Beitrags wird künftig auch sein, wie sich ARD und ZDF auf dem Serienmarkt profilieren und sich gegenüber der Konkurrenz aus Amerika behaupten können. Notwendige Bedingungen hierfür seien vor allem die Etablierung des Showrunner-Prinzips sowie der Mut, Risiken einzugehen und dabei vielleicht auch mal zu scheitern. Auch dafür könne Amerika als Vorbild dienen. Der in den Staaten durch HBO auf den Vormarsch gebrachte Showrunner ist in einer Serienproduktion die Person, die die komplette Produktion der Serie geschäftlich und kreativ leitet. Oftmals handelt es sich dabei um eine_n Drehbuchautor_in. „Wir brauchen Autoren, Showrunner müssen ideengetrieben, geschichtengetrieben sein. Und wir brauchen den Mut der Verantwortlichen, dem Showrunner die Verantwortung zu übergeben“, so Schütte. Denn das Übertragen der Verantwortung an eine kompetente und erfahrene Person garantiere dem Sender beziehungsweise der Produktionsfirma Konstanz und Kohärenz.

Ausgehend von diesen Überlegungen plädiert Schütte für eine „Agenda 2025“ von ARD und ZDF, die jedoch nicht von innen heraus, sondern von außen, durch eine Kommission für ein zukunftsfähiges öffentlich-rechtliches Fernsehen aufgestellt werden sollte. Eine solche Kommission bestünde im Idealfall aus etwa 15 Expert_innen aus allen relevanten Bereichen, vor allem aber aus Kreativen, den Menschen also, die Fernsehen produzieren. Aufgabe dieser Kommission wäre es nach Schütte, Innovationsmodule für alle Bereiche des Fernsehens zu entwickeln. Im Falle des fiktionalen Bereiches könnte ein solches Innovationsmodul etwa festlegen, dass fiktionale Produktionen von unabhängigen Kreativen geschaffen werden – und zwar ohne Einmischung der Redaktionen. Und dass Produktionen nicht dem vermeintlichen Publikumsgeschmack entsprechen müssen. Denn: Der Markt sei fragmentiert und der Anspruch, ein möglichst großes Publikum zu erreichen, heute nicht mehr zeitgemäß.

In einer öffentlichen Facebook-Gruppe mit dem Namen „Film und Fernsehen im Jahr 2020“ sammelt Schütte übrigens alle Vorschläge zur Reform des deutschen Fernsehens, die ihn erreichen – damit eine öffentliche Debatte und im besten Fall eine positive Veränderung losgetreten werden. Denn dass die öffentlich-rechtlichen Sender angesichts der wachsenden Marktmacht von Netflix und Co. unter Zugzwang stehen, das dürfte wohl niemand anzweifeln.

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