Filmemachen zwischen Arthouse und Kommerz

Regisseur und Drehbuchautor Dietrich Brüggemann (links) im Gespräch mit Filmuni-Dozent Timo Gössler
Foto: Jonas Friedrich

Er ist freier Drehbuchautor und Regisseur, gewann gemeinsam mit seiner Schwester den Silbernen Bären für das beste Drehbuch auf der Berlinale 2014 und hat zuletzt einen Stuttgarter und einen Frankfurter Tatort gedreht. Die Rede ist von Dietrich Brüggemann, Autor und Regisseur von „Heil“ und „Kreuzweg“. In „Dramaturgie Livedes Sehsüchte Filmfestivals gewährte er Einblicke in seine Arbeitsweise.

Im letzten Jahr war es Annette Hess, die vor allem Seriendrehbücher schreibt, im Jahr davor Ralf Husmann (Stromberg). Das Couchgespräch mit bekannten und erfolgreichen Drehbuchautor_innen gehört zum festen Repertoire des Schreibsüchte-Tags im Rahmen des Sehsüchte Filmfestivals der Potsdamer Filmuniversität Konrad Wolf. „Stoffentwicklung zwischen Arthouse und Kommerz“, unter dieser Überschrift wurde der diesjährige Gast Dietrich Brüggemann eingeführt. Dabei sagt er im Gespräch mit Filmuni-Dozent Timo Gössler, dass Kategorien wie Arthouse oder Mainstream für ihn erstmal keine Rolle bei der Entwicklung eines Stoffs spielen würden. Für ihn sei wichtig, die eigene Vision umsetzen zu können, ohne sich dabei einordnen zu müssen: „Kino, was einfach nur Kino ist, mag ich am liebsten.“

Selbst ein Kind der Babelsberger Filmuni, setzt Brüggemann seine für ihn charakteristische Ästhetik des statischen Bildes erstmals in seinem Abschlussfilm im Jahr 2006 ein. Der Spielfilm „Neun Szenen“ wird in neun festen Einstellungen gedreht und drei Jahre später sogar in der Reihe Debüt im Dritten ausgestrahlt. Dass aus ihm mal etwas würde, damit hatte der Regie-Absolvent allerdings damals noch nicht gerechnet. Während seiner Studienzeit seien er und seine Kommilitonen immer wieder darüber belehrt worden, dass der Markt groß und die Konkurrenz hart ist.

Es folgen „Renn, wenn du kannst“, Eröffnungsfilm der „Perspektive Deutsches Kino“ auf der Berlinale 2010, und „3 Zimmer/Küche/Bad“ 2012. Die Drehbücher schreibt er gemeinsam mit seiner Schwester Anna Brüggemann, die in seinen ersten Filmen auch in Hauptrollen mitspielt. Regie führt natürlich der ehemalige Regie-Student Brüggemann. Für ihn sei es ganz selbstverständlich, dass man die Drehbücher für seine Filme auch selbst schreibt, erklärt er. Das gehöre einfach zusammen. An die Themen seiner Filme tastet er sich nicht heran, recherchiert keine Hintergründe. Seine Maxime sei, nur das zu erzählen, was man selbst gut kennt, ohne es zu überhöhen, ohne es zu dramatisieren. So habe er für „Renn, wenn du kannst“ auf die Erfahrungen mit seiner Zwillingsschwester zurückgreifen können, die ebenso wie einer der Protagonisten des Films im Rollstuhl sitzt. Für „3 Zimmer/Küche/Bad“ hingegen, ein Film über acht Freunde, die sich gegenseitig bei ihren Umzügen unterstützen, habe er sich an seine eigenen Umzüge erinnert und so sei ihm die Idee gekommen, das Leben anhand von Umzügen zu erzählen. Eine teils skurril anmutende Geschichte, nicht ungewöhnlich für Brüggemann.

Berühmt-berüchtigt der Beitrag des nunmehr affirmierten Regisseurs und Drehbuchschreibers auf seinem Blog d-trick.de zur Berlinale 2013, in dem er die Berliner Schule aburteilt und dafür sowohl Kritik als auch Applaus erntet: „Kann mir bitte mal einer erklären, was daran toll ist, wenn hölzerne Schauspieler hölzerne Dialoge hölzern aufsagen, das Ganze in 80er-Jahre-Fernsehfilm-Ästhetik, gelegentlich kommt eine Abblende, und man freut sich auf die Werbung, aber dann geht das gestelzte Elend weiter? […] Wenn ich mit keiner Frage, keinem Gefühl, keiner neuen Erkenntnis, keinem Dilemma aus dem Kino komme, sondern nur mit der Ahnung, dem Tod mal wieder zwei Stunden näher gerückt zu sein, und dem dringenden Impuls, mich irgendwo zu betrinken?“

„Fahr zur Hölle, Berliner-Schule-Berlinale-Wettbewerbs-Kino, fahr endlich in den Abgrund, ruhe in Frieden und mach Platz für was Neues“, beschließt Brüggemann seinen Blogeintrag – und ist im Jahr darauf mit seinem neuen Film „Kreuzweg“ auf eben dieser Berlinale vertreten. Mit „Kreuzweg“ knüpft Brüggemann ästhetisch an seinen HFF-Abschlussfilm „Neun Szenen“ an. Durch den Einsatz einer statischen Kamera ordnet er die einzelnen Szenen des Films in festen Tableaus an, im Fall von „Kreuzweg“ orientieren sie sich an den 14 Stationen des Kreuzwegs Jesu. Der Film erzählt die Geschichte der 14jährigen Maria, deren Familie einer streng katholischen Gemeinde angehört und verarbeitet damit erneut autobiographische Elemente. Denn als sein Vater „eine paranoide Phase“ gehabt habe, erklärt Brüggemann, habe er sich an die Religion seiner Kindheit erinnert und sich der Pius-Bruderschaft zugewandt, eine Glaubensrichtung, die die kirchlichen Reformbeschlüsse der 60er Jahre ablehnt. Brüggemann sei demnach mit dem Thema vertraut gewesen und bekräftigt sein Credo, immer Stoffe zu verarbeiten, die man nicht recherchieren müsse, da man sie schon kenne. Der Film gewinnt den Silbernen Bären für das beste Drehbuch.

Zu dieser Zeit arbeitet Brüggemann gedanklich schon an seinem nächsten Projekt. Im Interview mit der Märkischen Allgemeinen Zeitung (MAZ) verrät er im Februar 2014, dass er gern eine Komödie mit Neonazis machen möchte. Seine Art, den NSU-Skandal aufzuarbeiten, der für ihn eine „schwarze Komödie über ein Land [gewesen sei], das es nicht hinkriegt, mit ein paar Nazis fertigzuwerden“. Dabei herausgekommen ist der Film „Heil“, „ein schwieriger Film, von dem man anfangs nicht dachte, dass er überhaupt eine Finanzierung findet“, wirft Interviewpartner Timo Gössler ein. Die Satire-Komödie mit Benno Fürmann parodiert nicht nur Neonazis, sondern auch Ansichten und Methoden der Linken, der Polizei oder des Verfassungsschutzes.

Im vergangenen November hat Dietrich Brüggemann einen Tatort für den SWR gedreht. Die Dreharbeiten für seinen zweiten Tatort in Frankfurt haben am 3. Mai begonnen. Für den Hessischen Rundfunk adaptiert er den Klassiker „Und täglich grüßt das Murmeltier“ und lässt LKA-Ermittler Felix Murot alias Ulrich Tukur den Tag, an dem er morgens einen Anruf über einen bewaffneten Banküberfall mit Geiselnahme erhält, immer wieder erleben. Von den Redakteuren reinreden lasse er sich bei solchen Auftragsproduktionen allerdings nicht. Schließlich sei er es, der mit seinem Namen für den Film stehe. Und das ist auch der Rat, den er den Nachwuchsfilmemacher_innen im Kino 1 der Babelsberger Filmuni mit auf den Weg gibt: „Mit anerzogenem Respekt geht man auf Knien in die Paläste des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Doch man muss selbstbewusst auftreten. Es sei denn, man will nur Dienstleister sein.“ Die maximale Demut vor der Kunst gebiete, immer nur das zu machen, was man auch selbst möchte, was aus einem selbst entsteht, statt irgendwelchen Vorbildern hinterherzulaufen.

nach oben

weiterlesen

Publizieren wird zur Mutprobe

Eine aktuelle Umfrage unter Journalist_innen zu ihren Erfahrungen mit Gewalt zeigt: Verbale und körperliche Attacken gehören für die Mehrheit der Befragten mittlerweile zum Berufsalltag. Doch in vielen Redaktionen findet keine systematische Auseinandersetzung mit den Angriffen statt, deshalb brauche es mehr Unterstützungsmaßnahmen. Die Studie liefert Ansätze, wie diese aussehen könnten.
mehr »

Mit Namen, Kürzel oder anonym?

Journalisten stehen in ihrer täglichen Arbeit oft vor der kniffeligen und zunehmend brisanten Frage: „Wann darf man Ross und Reiter nennen? - das Recht auf Anonymität in der Berichterstattung" Die dju im Münsterland hatte dazu für den 6. Dezember 2016 den Medienrechtsexperten und Rechtsanwalt Wilhelm Achelpöhler zu einem Vortrag und Interessierte zur Debatte geladen.
mehr »

#ausnahmslos: Kampagne gegen sexualisierte Gewalt und Rassismus

Auf die sexuellen Übergriffe in der Kölner Silvesternacht reagierten 22 feministische Aktivistinnen am 11. Januar mit dem #ausnahmslos – Gegen sexualisierte Gewalt und Rassismus. Immer. Überall. M sprach mit einer der Initiatorinnen, der Autorin und Beraterin für digitale Medien Anne Wizorek, die 2013 mit ihrem #aufschrei bekannt wurde.
mehr »

Historischer Blick auf Presse und Fotografie

Fotografie ist heute ein nicht mehr wegzudenkender Bestandteil des Journalismus in vielen publizistischen Produkten, vor allem Tageszeitungen und Magazinen. Die Anfänge dieser fruchtbaren Beziehung gehen auf das Ende des 19. Jahrhunderts zurück. Die Ausstellung "Die Erfindung der Pressefotografie" im Deutschen Historischen Museum in Berlin versucht, nicht unbedeutende Teile dieser Geschichte zu erzählen.
mehr »